Zivile Seenotretter*innen ziehen Bilanz: Körperlicher Zustand von Flüchtenden aus Libyen hat sich 2017 zunehmend verschlechtert

Zivile Seenotretter*innen ziehen Bilanz: Körperlicher Zustand von Flüchtenden aus Libyen hat sich 2017 zunehmend verschlechtert

Pressemitteilung
Berlin, den 09. Januar 2018
______________________________________________________________________________________________

Der körperliche Zustand von Menschen, die aus Libyen über das Mittelme er flüchten, verschlechtert sich zunehmend. Zugleich ereignete sich am vergangenen Samstag das erste Schiffsunglück des neuen Jahres mit mindestens acht Toten. Die Internationalen Organisation für Migration (IOM) gab am Montag auf Twitter bekannt, aktuell würden noch 64 Personen vermisst. Einen Tag später nimmt SOS MEDITERRANEE 27 Flüchtende an Bord des Rettungsschiffes Aquarius.

Der körperliche Zustand der Menschen, die vor der Gewalt in Libyen flüchten, hat sich im letzten Jahr deutlich verschlechtert. Dies berichten die Teams von SOS MEDITERRANEE: Unter den Geretteten kämen demnach vor allem Hauterkrankungen gehäuft vor, die auf die katastrophalen hygienischen Zustände in libyschen Internierungslagern zurückzuführen seien: „Bei unseren letzten Einsätzen um Weihnachten gab es Babys und Kinder, deren Körper vollständig übersäht war von roten, juckenden Pusteln. Dies ist ein klares Zeichen dafür, dass Menschen – Erwachsene und Kinder – in Libyen monatelang unter schrecklichen Bedingungen inhaftiert sind“ erklärte Klaus Merkle, Rettungskoordinator an Bord der Aquarius.

Dass sich auch die politische Situation in Libyen weiter zuspitzt und darunter Flüchtlinge besonders leiden, belegen die Augenzeugenberichte der Geretteten. Am Montag berichtete ein somalischer Flüchtender: „Es ist bereits mein fünfter Versuch, das Meer zu überqueren, aber jedes Mal wurde ich von Kriminellen abgefangen und zurück ins Camp in Libyen gebracht. Dort musst du zahlen, um wieder frei zu kommen. Ich habe viel Geld ausgegeben, um übers Meer von dort weg zu kommen. Ich verbrachte insgesamt mehr als ein Jahr in Libyen, es war sehr schwer.“

Die am Sonntagmittag an Bord genommenen Flüchtlinge waren zuvor von einem italienischen Offshore-Versorger gerettet und wenig später 25 Seemeilen vor der libyschen Küste an die gemeinsam von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen betriebene Aquarius übergeben worden. Die Mehrheit kommt aus Somalia, gefolgt vom Senegal, Kamerun, Nigeria und dem Nordsudan. Laut Aussagen der Geretteten, hatten sie sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag an einem Strand westlich von Tripolis versteckt und wurden in der Dunkelheit auf ein kleines, sieben Meter langes Holzboot gezwungen. Zum Zeitpunkt der Rettung befand sich das Schlauchboot bereits mehr als 12 Stunden auf hoher See.

SOS MEDITERRANEE war 2017 an der Rettung von insgesamt 15.078 Menschen aus Seenot beteiligt. Das macht einen Anteil von circa 24 Prozent aller durch NGOs geretteten Flüchtlinge.

Um vor der Gewalt in Libyen zu flüchten, riskieren Menschen immer noch ihr Leben auf See – auch im Winter, ungeachtet der Wetterbedingungen. Im Mittelmeer sind zu dieser Jahreszeit nur wenige humanitäre Rettungsschiffe im Einsatz, die umso größere Gebiete abdecken müssen, darunter SOS MEDITERRANEE mit der Aquarius.

Foto: Federica Mameli / SOS MEDITERRANEE

Mit der Bitte um Veröffentlichung.

Für Fotomaterial und Interviews mit Rettungskoordinator Klaus Merkle kontaktieren Sie bitte:

Jana Ciernioch | SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. | j.ciernioch@sosmediterranee.org | +49173 4071721