Winter im Mittelmeer – Aktuelle Zahlen und Informationen

Winter im Mittelmeer – Aktuelle Zahlen und Informationen

Stand 30.11.2016


Nach Angaben des UNHCR sind in diesem Jahr bereits über 170.000 Menschen über die zentrale Mittelmeerroute von Libyen nach Italien geflüchtet. Damit sind bereits Ende November 2016 weitaus mehr Menschen nach Italien geflohen als im gesamten Zeitraum 2015 (153.842 Flüchtlinge). Im Oktober sind mit fast 30.000 bisher die meisten Geflüchteten in Italien registriert worden.

Winter im zentralen Mittelmeer – die Überquerung wird noch gefährlicher

In den Wintermonaten 2015/2016 (Dezember – Februar) haben fast 19.000 Menschen die Reise überstanden und die italienische Küste erreicht. Allein im Dezember 2015 sind 9.500 Menschen gerettet worden. Daher ist auch nicht damit zu rechnen, dass die Anzahl der Menschen, die die gefährliche Überfahrt wagen werden,  diesen Winter erheblich abnimmt. Gleichzeitig sind viele der aktuell operierenden zivilen Rettungsschiffe nicht für den Einsatz in den Wintermonaten geeignet bzw. müssen zu wichtigen Reparaturen in ihren Heimathafen zurückkehren. Die AQUARIUS ist demnach das einzige zivile Rettungsschiff, das auch in den Wintermonaten Menschen vor dem Ertrinken retten wird. Zusammen mit der italienischen Küstenwache ist dies die einzige Rettungsmöglichkeit für Menschen, die trotz rauer See versuchen werden, über die zentrale Mittelmeerroute nach Europa zu gelangen.

4.690 Tote im Mittelmeer – so viele wie noch nie zuvor

Laut Missing Migration Project sind in diesem Jahr fast 5.000 Menschen auf der zentralen Mittelmeerroute ums Leben gekommen. So viele wie noch nie zuvor. Die Überquerung überlebt demnach einer von 47 Menschen nicht. Damit ist die zentrale Mittelmeerroute die gefährlichste Fluchtroute der Welt.

Die meisten Menschen, die die gefährliche Seefahrt antreten, stammen aus Herkunftsländern wie Nigeria, Eritrea, Sudan, Gambia, der Elfenbeinküste, Guinea, Somalia, Mali und dem Senegal. Sie verlassen ihre Heimat meist aufgrund von politischer Verfolgung, ethnischer Unterdrückung oder wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit. Oftmals haben sie bereits einen langen und gefährlichen Fluchtweg hinter sich, wenn sie schließlich Libyen erreichen. Anstatt der ersehnten Arbeit erwartet sie stattdessen in der Regel ein undurchschaubares System struktureller Gewalt und Ausbeutung.

Libyen – gefährliches Transitland

Die Lage in Libyen ist trotz des im Dezember 2015 geschlossenen Abkommens, eine Einheitsregierung zu bilden, katastrophal. Die neue Regierung unter Ministerpräsident Al-Sarradsch stößt auf großen Widerstand insbesondere aus dem Osten des Landes, wo die vom Westen gestützte Regierung herrscht. Al-Sarradsch, der mithilfe der UN ins Amt kam, wird von vielen Seiten im Land nicht anerkannt und kämpft um seine Legitimation. Gleichzeitig gibt es zahlreiche kleinere bewaffnete Gruppierungen mit schnell wechselnden Loyalitäten, die für Chaos sorgen und es auch erschweren gemeinsam gegen den IS in Libyen vorzugehen.

Seit Ende Oktober wird im Rahmen der EU-Militäroperation EUNAVFOR Med die libysche Küstenwache ausgebildet. Ziel dieses Trainings ist das lückenlose Patrouillen entlang der libyschen Küste und die Bekämpfung des sogenannten Schlepperwesens. Ab Frühjahr 2017, wenn die Ausbildung abgeschlossen sein wird, erwartet die EU einen Rückgang der Flüchtlingszahlen aus Libyen.

Menschenrechts- und promigrantische Gruppen kritisieren die Ausbildung der libyschen Küstenwache durch Militäreinheiten der Europäischen Union scharf. Sie verweisen u.a.  auf einen verheerenden Vorfall im Oktober, bei dem das gewaltvolle Eingreifen der libyschen Küstenwache in einen Rettungseinsatz der Seenotrettungsorganisation SeaWatch zum Tod von mindesten 25 Flüchtenden geführt hat. Die libysche Küstenwache weist die Vorwürfe bislang zurück. SeaWatch hat inzwischen Anzeige erstattet.

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