Logbuch #63: Übungen auf der Aquarius – „Alle Mann an Deck“

Logbuch #63: Übungen auf der Aquarius – „Alle Mann an Deck“

Es war eine umfangreiche Übung, die die Teams von SOS MEDITERANEE und Ärzte ohne Grenzen (MSF) durchstehen mussten, um lebensrettende Eingriffe an Bord der Aquarius zu üben.

01:02 Uhr, Funksprüche hallen durch den Rumpf des Schiffes. Die nachmittägliche Ruhe wird nun von Marks Stimme aus den Funkgeräten durchbrochen. Der Logistiker von MSF gibt durch, dass eine Seenotrettung kurz bevorsteht. Die Mission wird gefährlich werden. Das Meer ist unruhig. Starke Wellen brechen an der Backbordseite des Schiffes; niemand weiß wie viele Menschen gleich gerettet werden sollen. Das einzige was sicher ist: viele Leben sind in Gefahr.

Die Schritte, die auf der Aquarius widerhallen, werden hektischer. Nach wenigen Sekunden ist jeder auf seiner oder ihrer Position. Die Übung hat begonnen. Weil die See zu unruhig ist, um die RHIBs zu nutzen, spielt das Search and Rescue (SAR) Team die zu Rettenden. Sie schreien vor Schmerz; liegen bewusstlos da; zittern am ganzen Körper vor Kälte und Erschöpfung und schreien um ihre verlorenen Liebsten. Je realistischer das Szenario, desto besser ist der Trainingseffekt.

Heidi beginnt mit der Hilfeleistung. Die erfahrene Krankenschwester benutzt Farbcodes, die sie auf die Arme eines jeden Geretteten schreibt. Rot für Patienten, die dringend Soforthilfe brauchen, gelb für weniger dringende Fälle und grün für jene, die auf eine Behandlung warten können und dann schwarz für solche, die ihr Leben schon auf dem Meer verloren haben.

Wiederholung zur Verbesserung

Patrick Bar / SOS MEDITERRANEE

Patrick Bar / SOS MEDITERRANEE

Die Simulation dauert jetzt schon 40 Minuten. Das Adrenalin kocht, das Tempo ist sehr hektisch geworden. 13 Patienten sind es insgesamt, von denen vier nur auf Tragen in den Krankenraum gebracht werden können. Das Rettungsteam bewegt die Patienten mit großer Sorgfalt, aber die engen Gänge und Treppen vom Deck in den Krankenraum verkompliziert ihr Vorankommen. Stephané, normalerweise ein Steuermann der RHIB2, spielt die Rolle einer bestürzten Mutter, dessen Kind an starker Unterkühlung leidet. Er ist stark vertieft in seine Rolle, spielt sie mit ganzem Einsatz. Er weiß um den Stellenwert des Realismus dieser Übung. In der Nachbesprechung sagt er: „Ich wurde in der Trage komplett von links nach rechts geschüttelt“. Das ist der Grund für das Training. Die Teams können ihren Einsatz nur durch Wiederholung und ständige Übungen verbessern. Für Connor, einen Arzt an Bord, „ist es wie Sport. Je mehr Du übst, desto besser wirst Du“.

 Teamwork

Patrick Bar / SOS MEDITERRANEE

Patrick Bar / SOS MEDITERRANEE

„Alle Mann an Deck“ ist ein wichtiges Prinzip an Bord der Aquarius. Jeder muss mithelfen. Im Notfall tauscht der Koch seine Schürze gegen ein Regencape; Journalisten lassen Kameras und Stifte fallen und verteilen Überlebens-Kits an erschöpfte Flüchtlinge. Klaus Merkel, der SAR Koordinator: „Diese Übung zeigt die Wichtigkeit der guten Zusammenarbeit. Das medizinische Team kann nicht alleine agieren“. Die Rettungsteams arbeiten vor allem auf dem Wasser, aber nicht nur. Im Notfall, wenn die medizinischen Aufgaben drohen, die Kapazitäten der Crew zu übersteigen, heißt es „alle Mann an Deck“. In diesen intensiven Momenten der gemeinsamen Anstrengung wird der Slogan von SOS MEDITERRANEE, „TogetherForRescue“ besonders greifbar.

Text: Perrine Baglan, Übersetzung Tamilwai Kolowa, Video Patrick Bar