FAQ’s

Häufig gestellte Fragen

Warum braucht es eine zivile Seenotrettung im Mittelmeer?

Das Mittelmeer ist zur tödlichsten Grenze der Welt geworden. Zehntausende Menschen sind seit 2000 im Mittelmeer ertrunken oder gelten als vermisst [1].  2016 starben über 5.000 Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer – mehr als jemals zuvor [2]. Wie viele nie ankamen, weil ihre Boote sanken und ohne Spur verschwanden, wissen wir nicht.

Gleichzeitig hat die Europäische Union bis heute keine gemeinsame Antwort auf Sterben im Mittelmeer gefunden [3].

SOS MEDITERRANEE wurde am 9. Mai 2015 in der Überzeugung gegründet, dass niemand im Mittelmeer ertrinken darf – unabhängig von Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit und Fluchtgründen. Den fehlenden Rettungskapazitäten im Mittelmeer wollte ein Kreis engagierter Bürgerinnen und Bürger der europäischen Zivilgesellschaft, darunter professionelle Seefahrer*innen und humanitären Helfer*innen, etwas entgegensetzen. Seit Februar 2016 ist SOS MEDITERRANEE mit dem Rettungsschiff Aquarius ohne Unterbrechung im Mittelmeer im Einsatz.

Solange Menschen aufgrund fehlender sicherer und legaler Alternativen die gefährliche Fluchtroute über das Mittelmeer nehmen müssen, wird SOS MEDITERRANEE vor Ort sein, um sie zu retten und professionell zu versorgen.

Warum überhaupt eine ZIVILE Initiative zur Seenotrettung?

Die zivile Seenotrettung unterscheidet sich von anderen Formen der Seenotrettungen in einem entscheidenden Punkt: sie ist allein dem Retten von Menschen aus Seenot verpflichtet und verfolgt keine anderen politischen Ziele . SOS MEDITERRANEE ist eine humanitäre Initiative, der Achtung der Menschenwürde verpflichtet und setzt sich für alle Menschen in Seenot ein.

Die Aquarius ist als hochseetaugliches und robustes Schiff für den ganzjährigen Rettungseinsatz geeignet.

Des Weiteren kann SOS MEDITERRANEE als zivile Organisation von Bord berichten und so die europäische Öffentlichkeit über die Realität von Flucht und Migration im Mittelmeer informieren.

 

 

Wie finanziert sich SOS MEDITERRANEE Deutschland?

SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. ist ein gemeinnütziger Verein und finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Unser Partner „Ärzte ohne Grenzen“ beteiligt sich an den monatlichen Kosten für unser Rettungsschiff Aquarius und stellt das medizinische Team an Bord.

Zusammen mit unseren Vereinen in Frankreich, Italien und der Schweiz finanzieren wir so seit Februar 2016 den Betrieb der Aquarius und verstehen uns gemeinsam als SOS MEDITERRANEE.

 

 

Welche gesetzlichen Grundlagen gibt es für die Seenotrettung?

Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen [4] vom 10. November 1982 bildet die rechtliche Grundlage für Rettungseinsätze im Mittelmeer. Art. 98 Abs. 1 lautet: „Jeder Staat verpflichtet den Kapitän eines seine Flagge führenden Schiffes, soweit der Kapitän ohne ernste Gefährdung des Schiffes, der Besatzung oder der Fahrgäste dazu imstande ist, jeder Person, die auf See in Lebensgefahr angetroffen wird, Hilfe zu leisten.“

In welchem Gebiet wird gerettet?

Die Aquarius patrouilliert im zentralen Mittelmeer in internationalen Gewässern zwischen Italien und Libyen. Dort kommt es statistisch gesehen zu den meisten Seenotfällen. Die Rettungen finden außerhalb libyscher Territorialgewässer (sogenannte 12-Meilen-Zone) statt. Alle Einsätze werden von der italienischen Seenotleitstelle (MRCC Rom) koordiniert.

Mit wem arbeitet SOS MEDITERRANEE auf See zusammen?

Alle Einsätze in internationalen Gewässern zwischen Italien und Libyen werden von der italienischen Seenotleitstelle (MRCC Rom) koordiniert. Sie legt auch fest mit wem wir bei unseren Rettungseinsätzen zusammenarbeiten, ob und wann wir Gerettete von anderen Schiffen übernehmen und in welchen sicheren Hafen wir sie bringen.

 

Wer sind die Menschen, die gerettet werden und woher kommen sie?

Bis Oktober 2017 hat SOS MEDITERRANEE mehr als 17.000 Menschen  aus Seenot gerettet und insgesamt mehr als 24.000 Menschen an Bord der Aquarius versorgt . Die Mehrheit der Geretteten kommt aus afrikanischen Ländern: Neben Nigeria und Eritrea gehören Guinea Conakry, die Elfenbeinküste, Mali, Senegal, Gambia, Ghana und der Sudan zu den häufigsten Herkunftsländern. Eine weitere große Gruppe stellen Menschen aus Bangladesch dar (ca. 6,4%). 85% der von ihnen sind Männer, circa 15% Frauen. 1/3 der Geretteten hatte zum Zeitpunkt der Rettung nicht einmal die Volljährigkeit erreicht. Bei den meisten von ihnen handelt es sich um sogenannte „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“.

Die überwiegende Mehrheit der Geretteten hat vor der Überquerung des Mittelmeers längere Zeit in Libyen verbracht. An Bord berichten die Geretteten unseren Teams, dass sie während ihres Aufenthalts in Libyen direkt oder indirekt von massiven Menschenrechtsverletzungen betroffen waren. Gewalt und Ausbeutung sind dort an der Tagesordnung. Diese Berichte sammeln wir in den sogenannten Testimonies [5].

Wie läuft ein exemplarischer Rettungseinsatz ab?

Im Seenotfall koordiniert die italienischen Seenotleitstelle (MRCC Rom) die zur Verfügung stehenden Rettungskräfte. Entweder werden Seenotfälle von unserer Besatzung an das MRCC gemeldet, welches dann gegebenenfalls unser Schiff mit der Rettung beauftragt oder ein Seenotfall geht beim MRCC ein und wird an unser Schiff weitergeleitet.

Wird ein in Seenot geratenes Boot lokalisiert, begibt sich die Aquarius zum Einsatzort und beginnt auf Anweisung des MRCC mit der Rettung. Das Rettungsteam nähert sich mit den Beibooten dem betroffenen Boot und nimmt Kontakt mit den Menschen an Bord auf. Nachdem an alle Rettungswesten verteilt wurden, beginnt unser Team, die Menschen in kleinen Gruppen an Bord der Beiboote zu nehmen. Medizinische Notfälle werden zuerst evakuiert. Anschließend Kinder du Frauen und dann Männer. Unser medizinischer Partner „Ärzte ohne Grenzen“ stellt die medizinische Versorgung sicher, bis die Aquarius einen sicheren Hafen erreicht und die Geretteten von Bord gehen können.

 

Was passiert nach der Rettung?

An Bord werden die Geretteten von unserem Partner „Ärzte ohne Grenzen“ medizinisch versorgt. Alle Geretteten erhalten frische Kleidung und Nahrung. Frauen und Kinder werden in einem eigenen Schutzraum, dem sogenannten „Shelter“, untergebracht.

Während der Fahrt in einen sicheren Hafen erhalten die Überlebenden Informationen über das europäische und italienische Einwanderungs- und Asylsystem. Unsere Teams dokumentieren darüber hinaus die Geschichten der Geflüchteten.

Die italienische Seenotleitstelle entscheidet schließlich in welchen sicheren Zielhafen wir die Geretteten bringen.

 

Warum werden die Geretteten ans europäische Festland gebracht?

Das internationale Seerecht besagt, dass Menschen in Seenot nicht nur gerettet, sondern auch in einen „sicheren Ort“ gebracht werden müssen (SOLAS / Kapitel 5 / Regulation 33) [6]. Es muss demnach gewährleistet sein, dass die Menschen Nahrung, Unterkunft und medizinische Versorgung erhalten und dass keine Gefahr weiterer Verfolgung besteht. Diese Kriterien treffen nicht auf die nordafrikanischen Küstenstaaten  – insbesondere Libyen [7] [8] – zu. Eine Rückführung in diese Länder würde damit einen Verstoß gegen das international gültige Nicht – Zurückweisungsverbot [9] darstellen.

Führt die Präsenz von zivilen Rettungsschiffen nicht dazu, dass mehr Menschen die gefährliche Überfahrt wagen?

Die Frage geht von der Voraussetzung aus, dass es zulässig ist, Menschen, die sich in Seenot befinden, nicht zu retten, um weitere Menschen von einer möglichen Flucht abzuhalten. Diese Voraussetzung halten wir für unmenschlich und zynisch. Sie steht außerdem im Gegensatz zur Pflicht der Seenotrettung, die im internationalen Seerecht eindeutig festgelegt ist.

Mehrere Studien haben eindeutig belegt, dass kein Zusammenhang zwischen der Präsenz ziviler Seenotretter*innen und der der Zahl der Flüchtenden besteht. Menschen fliehen aus Gründen, auf welche die Anzahl der Rettungsschiffe keinen Einfluss hat. Weniger Rettungsschiffe führen nicht zu weniger Flüchtenden sondern zu mehr Toten auf der Flucht. [10] [11]

Wie kann man SOS MEDITERRANEE unterstützen?

SOS MEDITERRANEE wird von der europäischen Zivilgesellschaft getragen. An Bord unseres Rettungsschiffs Aquarius arbeiten Freiwillige aus den Bereichen Seefahrt, Katastrophenhilfe und humanitärer Hilfe aus der ganzen Welt. Damit wir auch weiterhin professionell Leben retten können, benötigen wir Geldspenden aus der Zivilgesellschaft. Außerdem freuen wir uns über aktive Unterstützung mittels Spendenaktionen, Benefizkonzerten usw..

Spenden können Sie hier: sosmediterranee.org/spenden