SOS MEDITERRANEE bringt 371 Menschen sicher an Bord der Aquarius // „Es ist schlichtweg unmöglich, in Libyen zu leben“

SOS MEDITERRANEE bringt 371 Menschen sicher an Bord der Aquarius // „Es ist schlichtweg unmöglich, in Libyen zu leben“

Am Donnerstag konnte SOS MEDITERRANEE in zwei Rettungseinsätzen 262 Menschen westlich von Tripoli in internationalen Gewässern retten. Alle Geretteten, darunter 56 Frauen, sieben Kinder und 48 unbegleitete Minderjährige sind jetzt sicher an Bord der Aquarius.

Die zwei Rettungseinsätze wurden von der libyschen Küstenwache in Zusammenarbeit mit der italienischen Rettungseinsatzzentrale in Rom (MRCC) koordiniert und erforderten sofortige Unterstützung des Rettungsteams der Aquarius. Die Rettungen fanden in internationalen Gewässern in 25 bzw. 23,5 Seemeilen vor der libyschen Küste nördlich von Sabratha statt. Die beiden Schlauchboote hätten nach mehreren Stunden auf offener See jeden Moment auseinanderbrechen oder an Luft verlieren können.

Später am Abend übernahm die Aquarius weitere 109 Menschen, die zuvor vom Rettungsschiff der Organisation „Save the Children“, Vos Hestia, gerettet wurden.

Alle Geretteten werden nun in einen sicheren Hafen nach Italien gebracht, in dem ihre fundamentalen Rechte und ihr Recht, um Asyl zu ersuchen, garantiert werden können.

Diese erneuten Rettungen zeigen glasklar, dass Menschen weiterhin versuchen Libyen mithilfe seeuntauglicher Boote zu entkommen und dass es sich um eine anhaltende humanitäre Krise vor den Toren Europas handelt. Nach den Entwicklungen dieses Sommers zeigt sich nachdrücklich, dass NGO Schiffe essentiell dazu beitragen, lebensrettende humanitäre Unterstützung im Mittelmeer zu gewährleisten. Die Aquarius wird ihren Einsatz fortsetzen so lange Menschen ihr Leben auf dem Meer riskieren, um der libyschen Hölle zu entfliehen” erklärte Sophie Beau, Vize-Präsidentin von SOS MEDITERRANEE International.

TESTIMONIES: Menschen in Libyen benötigen dringend Hilfe

Die Mehrheit der Geretteten stammt aus Ländern des Sub-Sahara-Raumes: Nigeria, Kamerun, Gambia, Mali, Sierra Leone, aber auch aus Syrien. Alle berichten von den unhaltbaren Zuständen in Libyen: Kidnapping, Erpressung, willkürliche Inhaftierung, Vergewaltigung, Folter und Gewalt sind an der Tagesordnung, Schutzmechanismen oder die Möglichkeit, fundamentaler Rechte geltend zu machen, fehlen gänzlich.

B., ein Zwanzigjähriger aus Sierra Leone erzählt, dass er schon dreimal versucht hat, das Mittelmeer zu überqueren, bevor er endlich am Donnerstag vom Team der Aquarius gerettet wurde:

Beim ersten Mal wurde ich aufgehalten, festgenommen und 6 Monate ins Gefängnis gesperrt. Beim zweiten Mal wurde ich wieder zurückgeschickt und musste nochmal für einen Monat ins Gefängnis. Das dritte Mal war dann im Jahr 2016. Die libysche Marine und Polizei nahmen mich fest und ich war für drei Monate in einem Gefängnis in Sabratha. Am Morgen gaben sie uns Spaghetti zum Essen, in die sie Drogen mischten, um uns zu schwächen. Am Abend das Gleiche. Wir wurden in kleine Zellen gepfercht, mit bis zu 60 Menschen in einer Zelle; es gab keine Toiletten und wir konnten uns nur auf dem selben Boden entleeren, auf dem wir auch schlafen mussten. Die Wachen stellten das Essen einfach auf den Boden – es war nur für 20 Gefangene portioniert. Sie haben mich mit Elektro-Kabeln geschlagen. Um aus dem Gefängnis rauszukommen, musst du bezahlen. Sie wollten 480 Euro für meine Freiheit. Die Preise variieren von Person zu Person. Es ist schlichtweg unmöglich in Libyen zu leben, es gibt keinen Weg raus und keinen Weg zurück” erzählte der junge Mann einem Teammitglied von SOS MEDITERRANEE.

Die Aussagen der Geretteten decken sich mit den Berichten von Joanne Liu, Präsidentin von „Ärzte ohne Grenzen International“, die erst kürzlich in libyschen Lagern für Flüchtlinge und Migranten zugegen war. Ihr Fazit: „In Libyen habe ich den Inbegriff menschlicher Grausamkeit gesehen, es hat mich erschüttert. Die Bilder werden mich noch Jahre verfolgen“.

SOS MEDITERRANEE appelliert erneut an alle europäischen Mitgliedstaaten und die deutsche Bundesregierung, die Situation von Migranten und Flüchtlingen ernst zu nehmen, ihren menschenrechtlichen Verpflichtungen nachzukommen und dem Retten von Menschenleben oberste Priorität einzuräumen. Dass die die Arbeit von zivilen Seenotrettungsorganisationen erschwert und kriminalisiert wird, ist nicht hinnehmbar.

 

Mit der Bitte um Veröffentlichung.

Rückfragen an:
Verena Papke, SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V., v.papke@sosmediterranee.org,+49 (0)30 220 56811