Abgefangen von der libyschen Küstenwache: Rückkehr in die Hölle

Abgefangen von der libyschen Küstenwache: Rückkehr in die Hölle

In den letzten Wochen mussten die Retter*innen auf der Aquarius mehrfach hilflos mit ansehen, wie die libysche Küstenwache in internationalen Gewässern Flüchtende abfängt und zurück nach Libyen bringt. Seitdem von der EU unterstützten Abkommen zwischen Libyen und Italien, proklamiert die libysche Küstenwache immer öfter Rettungen in internationalen Gewässern für sich und bringt Flüchtlinge gegen ihren Willen nach Libyen zurück. Dort sind sie, wie Berichte und Augenzeugenberichte beweisen, massive Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt. Warum lässt man das geschehen, wenn man doch weiß, was Flüchtende dort erwartet?

Am Freitag, den 24. November, entdeckte das Team von SOS MEDITERRANEE ein steuerlos im Meer treibendes Schlauchboot, nur etwa anderthalb Seemeilen von der Aquarius entfernt.

„Bei den Wetterbedingungen und dem Zustand des Boots wussten wir, dass es jede Minute in sich zusammenfallen und sinken konnte“, erklärt Rettungseinsatzleiter Nicola Stalla.

Die Mitglieder des Rettungsteams zogen hastig Schutzanzüge und Rettungswesten über, setzten ihre Helme auf und stellten die Funkgeräte auf die richtige Frequenz ein. Dann warteten sie auf das grüne Licht der italienischen Behörden, um die Rettungsboote zu Wasser zu lassen und mit dem Einsatz zu beginnen. Alles wie immer.

Doch das grüne Licht kam nie. Die einzige Anweisung, die an diesem Morgen von der italienischen Seenotleitstelle MRCC Rom kam, lautete, man solle auf Stand-by bleiben. In der Zwischenzeit hatte die libysche Marine und Küstenwache die Koordination der Rettung übernommen und jede Hilfe durch die Teams von SOS MEDITERRANEE abgelehnt. So mussten die zivilen Retter*innen hilflos mit ansehen, wie mehrere Boote 25 Seemeilen vor der libyschen Küste, also in internationalen Gewässern, abgefangen wurden.

„Während der vier Stunden, in denen wir auf Stand-by waren, verschlechterten sich die Wetterbedingungen rasant,“ rekapituliert Nicola Stalla. „Das Risiko, dass die Boote sinken, wurde von Minute zu Minute größer. Unser Team war jede Minute bereit, den Rettungseinsatz zu beginnen.“

An Deck der Aquarius beobachteten Retter*innen, das medizinische Team und Journalist*innen abwechselnd durch das Fernglas den Einsatz der libyschen Küstenwache.

https://twitter.com/SOSMedFrance/status/934018861480980481

 

Es ist furchtbar mit anzusehen, wie auf Kosten dieser Menschen europäische und libysche Politik gemacht wird, wie man mit den Leben dieser Menschen spielt!“

„Es ist, als wäre man gezwungen, eine vorhersehbare Katastrophe mitanzusehen, zwei Autos, die aufeinander zurasen, eine Zeitbombe, die jeden Moment explodiert. Ohne irgendetwas tun zu können. Das Schlauchboot war in sehr schlechtem Zustand, und die 120, 140, 170 Menschen darin waren in Lebensgefahr“, sagt ein Teammitglied.

„Und wir mussten aus der Ferne zusehen, weil wir die Ansage hatten, in Warteposition zu bleiben. Wir standen alle unter Hochspannung, wir fürchteten jeden Moment, das Boot würde sinken. Wir wussten, dass wir – sollten wir doch noch grünes Licht bekommen –  selbst mit Höchstgeschwindigkeit erst zehn bis fünfzehn Minuten später vor Ort hätten sein können. In der Zeit wären Männer, Frauen und Kinder, die nicht schwimmen können, vielleicht schon längst ertrunken. Sie alle trugen keine Schwimmwesten. Es ist furchtbar zu sehen, wie europäische und libysche Politik auf Kosten dieser Menschen gemacht wird, wie man mit ihren Leben spielt!“, fügt er hinzu.

Abgefangen und in die libysche Hölle zurückgeschickt

Hinterher erfuhr das Team der Aquarius, dass es bei diesem Einsatz durch die libysche Küstenwache keine Toten gegeben hat. Das war schon anders und ist nur ein schwacher Trost für alle, die so wie wir wissen, wie die Realität der Menschen aussieht, die von der libyschen Küstenwache abgefangen und nach Libyen zurückgebracht werden. In Libyen erwarten sie Gefangenschaft, körperliche Misshandlungen, Folter, Erpressung und sogar Sklaverei.

Das ist umso unerträglicher, weil sich solche Situationen in den letzten Wochen häufen. Nur 48 Stunden später musste das Team der Aquarius eine ähnliche Szene östlich von Tripolis beobachten. Ein in Seenot geratenes Schlauchboot wurde gemeldet. Nachdem die libysche Küstenwache untätig blieb, bekam die Aquarius durch die italienische Seenotleitstelle nach schier endlosem Warten den Auftrag, die 108 Flüchtende von einem Schlauchboot zu retten.

„Fast zwei Stunden nachdem wir das Boot gesichtet hatten, durften wir endlich die Rettungsboote zu Wasser lassen. Es galt keine Minute mehr zu verlieren. Wir, an Bord der Aquarius, aber natürlich mehr noch die Leute in dem Schlauchboot, hatten die ganze Zeit große Angst. Als wir dort ankamen, waren die Menschen extrem aufgeregt“, berichtet Nicola, der Rettungseinsatzleiter.

Das Boot trieb bereits seit Stunden steuerlos im Meer – mit an Bord: die Leiche einer jungen Frau.

„Welcher Mensch kann akzeptieren, dass diese Leute in die Hölle zurückgeschickt werden, die sie beschreiben? Was, wenn die europäischen Politiker*innen an unserer Stelle auf der Aquarius gewesen wären? Was, wenn es die Leiche ihrer Tochter oder Schwester gewesen wäre, die wir gefunden hätten, nachdem wir stundenlang auf Stand-by gewesen waren? Würden die Politiker*innen dann dieselben Entscheidungen treffen?“, fragten sich die Crewmitglieder an Bord der Aquarius.

Am 8. Dezember wurde die Aquarius dann erneut Zeuge, wie die libysche Küstenwache in internationalen Gewässern ein Boot mit Flüchtenden aufhielt.

https://twitter.com/SOSMedFrance/status/939134795124264960

„Während die EU die libysche Küstenwache mit Ausrüstung und Trainings unterstützt, müssen unsere Teams hilflos mit ansehen, wie Flüchtende in internationalen Gewässern abgefangen werden – jedem ist klar, dass sie zurück nach Libyen gebracht werden“, kommentiert Verena Papke, Geschäftsführerin von SOS MEDITERRANEE Deutschland.

In Libyen herrscht den Berichten von Überlebenden zufolge die Hölle auf Erden. Auch neuste Berichte von Menschenrechtsorganisationen belegen dies. Seit Beginn unseres Einsatzes im Mittelmeer weisen wir auf diese Missstände hin. Als humanitäre Organisation können wir nicht akzeptieren, dass Menschen im Meer ertrinken oder zurück nach Libyen verschleppt werden, wo sie menschenunwürdige Verhältnisse erwarten.

 

Foto: Die Besatzung der Aquarius wird am 8. Dezember Zeugin eines Einsatzes der libyschen Küstenwache in internationalen Gewässern. Copyright: Grazia Bucca / SOS MEDITERRANEE