Rettungseinsatz vor Libyen: Junge Frau stirbt auf der Flucht über das Mittelmeer

Rettungseinsatz vor Libyen: Junge Frau stirbt auf der Flucht über das Mittelmeer

Pressemitteilung                                                                                                                                                                  24. November 2017


In den letzten drei Tagen wurden im Mittelmeer nach Angaben der italienischen Seenotleitstelle MRCC insgesamt 1.500 Flüchtende vor dem Ertrinken bewahrt. Die Teams der Aquarius, dem gemeinsam von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen betriebenen Rettungsschiff, haben am 22. und 23. November 387 Menschen an Bord genommen. Für eine junge Frau kam jede Hilfe zu spät. Laut Augenzeugenberichten starb sie während der Überfahrt von Libyen an den Folgen einer Totgeburt. Überlebende berichten, dass Frauen der Gewalt in Libyen schutzlos ausgeliefert sind.

Am Mittwoch rettete die Aquarius auf Anweisung des MRCC Rom zusammen mit Einheiten der europäischen Militäroperation EUNAVFOR MED 279 Menschen aus zwei Schlauchbooten und hat sie an ein Schiff der italienischen Küstenwache übergeben, welches sie sicher nach Italien brachte.

Libysche Küstenwache verzögert Rettungseinsatz

Donnerstagfrüh wurde die Aquarius zum nächsten Einsatz in internationalen Gewässern östlich von Tripolis gerufen. Bei der Ankunft informierte die italienische Seenotleitstelle das Aquarius-Team, dass inzwischen die sogenannte libysche Küstenwache die Rettung für sich beansprucht habe und wies die Aquarius an, in sicherem Abstand auf Standby zu bleiben. Nachdem die libysche Küstenwache aber nicht eingriff und sich auch auf wiederholte Funksprüche nicht meldete, übernahm die italienische Seenotleitstelle schließlich die Koordination der Rettung und wies die Aquarius zur Durchführung der Rettung an.

Wir mussten aus der Ferne beobachten wie die Menschen an Bord des Schlauchboots immer unruhiger wurden. Knapp zwei Stunden nach dem ersten Sichtkontakt durften wir endlich unsere Rettungsboote zu Wasser lassen – nervenaufreibend für unsere Crew!“ sagte Nick Romaniuk, stellvertretender Rettungseinsatzleiter von SOS MEDITERRANEE. Erst am 31. Oktober wurde das Aquarius-Team Zeuge, wie die libysche Küstenwache zwei Schlauchboote mit circa 200 Flüchtenden in internationalen Gewässern abgefangen und zurück nach Libyen gebracht hat.

Nachdem 108 Menschen sicher an Bord der Aquarius gebracht wurden, entdeckte das Rettungsteam von SOS MEDITERRANEE am Boden des Schlauchboots die Leiche einer jungen Frau.  Überlebende berichteten später, dass die circa 28 Jahre alte Frau noch in Libyen eine Totgeburt erlitten habe und kurz nach der Abfahrt von der libyschen Küste an den Folgen gestorben sei. Die Leiche der jungen Frau wurde zusammen mit den Überlebenden an die spanische NGO Proactiva Open Arms übergeben.

„Sterbt im Mittelmeer“

Unter den Geretteten waren diesmal zahlreiche Frauen. Sie berichteten den Freiwilligen an Bord von menschenunwürdigen Bedingungen in Libyen und den Schwierigkeiten, sich selbst und die eigenen Kinder vor Übergriffen zu schützen. Eine Gerettete aus Kamerun erklärte:

Mein Sohn ist 1 ½  Jahre alt, er ist in der Wüste in Niger geboren. In Libyen waren wir beide fünf Monate in einem Gefängnis in Sabratha! Dort starben Frauen. Eine von ihnen starb nach der Geburt, die Nabelschnur wurde mit einem Draht durchgeschnitten, weil es nichts anderes gab, keine Ärzte, keine medizinische Versorgung. Nirgendwo konnten wir uns waschen. Sie haben uns Drogen ins Essen gemischt, um uns ruhig zu stellen. Das Wasser war dreckig. Ich stille mein Kind noch immer, weil es die einzige Möglichkeit ist, es zu schützen.“

Eine andere Fraue fügte hinzu: „In Libyen existiert der Sklavenhandel noch immer. Sie nehmen die Frauen, sperren sie ein und foltern sie. Du wirst ausgezogen und jeder Zentimeter Deines Körpers abgesucht. Männer und Kinder werden auch vergewaltigt – alle! … Die Schmuggler haben uns aufs Meer hinausgeschoben und gesagt: ‚Sterbt im Mittelmeer.‘ Dann hörten wir nur das Rauschen des Meeres, es war völlig dunkel‘.“

SOS MEDITERRANEE kann nicht akzeptieren, dass Menschen nach Libyen zurückgebracht werden, indem ihre Boote von der sogenannten libyschen Küstenwache abgefangen werden. Frauen und gerade Mütter sind von der Gewalt und Ausbeutung in Libyen in besonderem Maße betroffen. Mehr denn je muss die Aquarius im zentralen Mittelmeer sein, um sie und ihre Kinder zu retten,“ sagte Verena Papke, Geschäftsführerin von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V.