Rede anlässlich der Preisverleihung des UNESCO-Friedenspreises (Sophie Beau)

Rede anlässlich der Preisverleihung des UNESCO-Friedenspreises (Sophie Beau)

Paris, Dienstag, den 27. Juni 2017

 

Meine Damen und Herren, die Ehre, die Sie uns mit der Verleihung des Félix-Houphouët-Boigny-Friedenspreises zuteilwerden lassen, ist ähnlich groß wie die Verantwortung von SOS MEDITERRANEE. Wir widmen diesen Preis den vielen Tausend Menschen, die bei der Überquerung des Mittelmeers ihr Leben verloren haben. Den vielen Tausend Menschen, von denen wir wissen, und den namenlosen Toten, die ertrunken sind, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Dieser Preis und das Andenken der Toten nehmen uns in die Pflicht: Es ist unsere Aufgabe, die Geschichten der Menschen, die unsere Rettungsteams auf der Aquarius seit 16 Monaten an Bord nehmen, zu verbreiten. Sämtliche Berichte der Überlebenden stimmen in einem Punkt überein: Unabhängig vom ursprünglichen Grund ihrer Flucht steigen sie alle in die seeuntüchtigen Boote, um der krassen Gewalt und Rechtlosigkeit in Libyen zu entkommen, einem Land, das im Chaos versinkt.

Wir waren davon ausgegangen, dass die Frauen, Männer und Kinder von den Schrecken der Überfahrt erzählen würden, von ihrer Todesangst auf dem Meer. Doch vor allem reden sie über das, was sie die »libysche Hölle« nennen: Entführungen, Vergewaltigungen, Lösegelderpressung durch Folter, Misshandlungen, Erniedrigungen, Zwangsarbeit, Sklavenhandel. Die Flüchtenden sind Opfer eines groß angelegten Menschenhandels, der düstere Erinnerungen aufkommen lässt, Erinnerungen an den Sklavenhandel. Man spricht ihnen ihre Menschlichkeit ab.

Wir dürfen den Blick nicht abwenden, wir dürfen uns nicht damit abfinden!

 

Meine Damen und Herren, wir sind ein noch recht junger Verein, aber die Gründung von SOS MEDITERRANEE hat bewiesen, dass Bürgerinnen und Bürger in Anbetracht einer unerträglichen Situation zum Handeln bereit sind: 98% unserer Gelder stammen aus privaten Spenden!

Die Anwesenheit von Staatsoberhäuptern, UNO-Vertreter*innen und zahlreichen anderen Persönlichkeiten bei dieser Preisverleihung erfüllt uns mit großer Hoffnung: der Hoffnung, dass die Welt sich mehr und mehr ihrer Verantwortung bewusst wird. Was Bürgerinnen und Bürger zu leisten im Stande sind, können Staaten allerdings sehr viel besser leisten.

 

Die oberste Pflicht von uns allen ist es, den Ertrinkenden die Hand zu reichen und ihnen das Leben zu retten. Das ist gar keine Frage. Es müssen dringend Kapazitäten zur Seenotrettung bereitgestellt werden, Kapazitäten, die dem Ausmaß der Tragödie entsprechen. Die Tausenden von Toten wären absolut vermeidbar. Die Operation Mare Nostrum, die Italien bewundernswerterweise durchgeführt hat, obwohl sie von der Europäischen Union torpediert wurde, ging in die richtige Richtung.

Die europäischen Staaten und Mittelmeeranrainer dürfen die Seenotrettung nicht NGOs wie uns oder Schiffen, die zufällig in der Nähe sind, überlassen. Sie dürfen ihre Verantwortung auch nicht auf ominöse bewaffnete Gruppen abwälzen, die derzeit in internationalen Gewässern unterwegs sind und sich als »libysche Küstenwache« bezeichnen, Gruppen, die die Menschen in den Booten bedrohen und sie gegen ihren Willen nach Libyen zurückbringen, wo sie wieder in den Kreislauf der Gewalt geraten. Wir brauchen eine Flotte europäischer Schiffe zur Seenotrettung, damit das See- und das Völkerrecht eingehalten werden.

Unsere zweite gemeinschaftliche Aufgabe besteht darin, die Flüchtenden zu schützen. Es ist unanständig, zynisch und rechtswidrig, sie nach Libyen zurückzuschicken, wo sie schlimmen Verfolgungen ausgesetzt sind. Unsere Staaten haben die Pflicht, allen Menschen, deren Leben in Gefahr ist, Schutz zu gewähren.

Was Fragen der Migration und die Aufnahme von Geflüchteten angeht, brauchen wir mutige politische Maßnahmen. Auch wenn dies nicht einfach ist, müssen die europäischen Staaten sich an die Arbeit machen, zusammen mit ihren Partner*innen im Süden, und zwar auf verantwortungsvolle, menschenwürdige Weise. Unsere Zukunft hängt davon ab, dass wir uns zusammentun und intelligente Lösungen finden.

 

Meine Damen und Herren, abschließend möchte ich noch einmal betonen, wie wichtig die Verleihung dieses Preises an SOS MEDITERRANEE ist. Er bedeutet eine Anerkennung unserer Arbeit, unseres Ethos und unserer Professionalität. Mehrere NGOs, die Rettungseinsätze im zentralen Mittelmeer durchführen, waren in den vergangenen Monaten verbalen Angriffen ausgesetzt, die darauf abzielten, ihre Arbeit zu diskreditieren, vor allem in Italien. Diese Kontroversen sind völlig unbegründet und Ergebnis des Versuchs, die Migrationsproblematik politisch zu instrumentalisieren. Ich fordere Sie alle dazu auf, dieses Thema mit dem gebotenen Verantwortungsbewusstsein zu behandeln und der Kriminalisierung der Seenotrettung im zentralen Mittelmeer eine klare Absage zu erteilen.

Im Namen aller Rettungsteams von SOS MEDITERRANEE bedanke ich mich herzlich für Ihr Vertrauen und für die große Ehre, die Sie uns mit der Verleihung des Félix-Houphouët-Boigny-Friedenspreises erweisen. Diese Auszeichnung ermutigt uns, unsere so immens wichtige Mission fortzusetzen: Menschenleben zu retten, Geflüchtete zu schützen und ihre Geschichten zu verbreiten, solange dies notwendig ist. Solange, bis das Mittelmeer eine Raum des gegenseitigen Austauschs und des Friedens geworden ist.

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Übersetzung aus dem Französischen: Helge Wendt und Sonja Finck