Pressekonferenz: 31. März, Catania

Pressekonferenz: 31. März, Catania

Pressemitteilung                                                                           Palermo, Marseille, Berlin, 31.03.2017

Zu Search and Rescue im Mittelmeer,
von SOS MEDITERRANEE und Médecins Sans Frontières

Das Versagen der EU, die Zahl der Todesfälle im Mittelmeerraum zu reduzieren, hat humanitäre Organisationen dazu veranlasst, Search-and-Rescue Aktivitäten zu intensivieren, um so weitere Todesfälle auf See zu verhindern. Die Einsätze werden unter der Koordination des Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) in Rom durchgeführt.

SOS MEDITERRANEE und Médecins Sans Frontières (MSF) betreiben gemeinsam das Rettungsschiff Aquarius, das allein in den vergangenen 10 Tagen über 1.500 Leben gerettet hat. Am Freitag, den 31. März, 10.30 Uhr haben wir Journalist*innen an Bord unseres Schiffes in Catania eingeladen, wo unsere Teams aus erster Hand von unserer Arbeit auf See berichten werden.

 

Hintergrund

SOS MEDITERRANEE ist eine zivile, europäische Rettungsorganisation. Sie wurde 2015 in Reaktion auf das Scheitern der europäischen Staaten, die humanitäre Krise im Mittelmeer zu bewältigen, gegründet. Als humanitäre Rettungsorganisation mit Vereinen in Deutschland, Frankreich und Italien, basiert die Arbeit von SOS MED im Mittelmeer auf dem humanitären Glauben und der Pflicht, Leben zu retten und Bedürftigen Schutz zu bieten. Seit dem Beginn der Rettungseinsätze im Februar 2016, haben wir 11.069 Leben gerettet und weitere 4.598 Menschen an Bord genommen, die zuvor von anderen Schiffen gerettet wurden.

 

Einsätze

See- und Schifffahrtsrecht, sowie internationale Konventionen sind in dieser Hinsicht eindeutig: jedes Schiff auf See – egal ob Handels- oder NGO-Schiff – ist verpflichtet, einem in Seenot geratenen Schiff zur Hilfe zu kommen. Tausenden von Menschen, deren Leben auf dem Mittelmeer akut in Gefahr ist, zur Hilfe zu kommen, ist also eine gesetzliche Verpflichtung. Das italienische Gesetz besagt, dass das Nichtreagieren auf den SOS-Ruf eines in Seenot geratenen Bootes unterlassener Hilfeleistung gleicht und eine Haftstrafe von ein bis zu fünf Jahren nach sich zieht.

In Abwesenheit eines offiziellen Seenotrettungsprogramms und trotz der zunehmenden Bemühungen zivilgesellschaftlicher Organisationen, ist die Zahl der Todesfälle im Mittelmeer in den letzten Jahren angestiegen. Mit mehr als 5.000 Todesfällen war 2016 das tödlichste Jahr für Migrant*innen und Flüchtlinge im Mittelmeer. Es ist dieser Mangel an institutionellen Antworten und die damit einhergehende Fortsetzung der Tragödie, welche die europäische Zivilgesellschaft dazu veranlasst hat, zu intervenieren.

100% der Rettungsaktivitäten von SOS MEDITERRANEE werden von dem Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) mit Sitz in Rom koordiniert, das von den italienischen Behörden geführt wird. Das MRCC bestimmt, wann und wie wir auf Schiffe in Not reagieren können und legt die Ankunftshäfen für die von uns Geretteten fest. Jede Person, die von SOS MEDITERRANEE gerettet wird, durchläuft im Ankunftshafen das offizielle Registrierungsprozedere.

Wenn unser Team selbst ein Boot in Seenot entdeckt, informieren wir das Maritime Rescue Coordination Center in Rom. Dieses entscheidet dann nach internationalem Recht, welche Schiffe in der Region am besten positioniert sind, um zur Hilfe zu kommen (dies betrifft alle Schiffe: die italienische Küstenwache, italienische Marineschiffe, Frontex, Eunavfor Med, NGOs und Handelsschiffe).

Die Aquarius patrouilliert in der Search- and Rescue (SAR) Zone in internationalen Gewässern, wo die meisten Bootsunglücke auftreten. Dank der Professionalität und der Robustheit unseres Schiffes konnten wir so das ganze Jahr über auf See bleiben.

 

„Seit einem Jahr nun führen wie unsere Einsätze in absoluter Transparenz und unter Einhaltung des internationalen Seerechts durch. Unter diesen Gesichtspunkten lehnen wir alle Vorwürfe, die vor kurzem in Bezug auf unsere humanitären Rettungsaktivitäten auf See gemacht wurden, kategorisch ab. Wir fragen uns, warum diese Behauptungen jetzt kommen. Wird damit beabsichtigt, die Ansicht der Öffentlichkeit und der Medien zu verunsichern, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und unsere lebenswichtige, lebensrettende Arbeit zu diskreditieren?“, fragt Sophie Beau, Vizepräsidentin von SOS MEDITERRANEE.

 

Fachleute an Bord

Die Marine-Crew, das Ärzteteam von MSF und das Search- and Rescue Team von SOS MEDITERRANEE – bestehend aus professionellen Seeleuten und Rettungskräften – bilden gemeinsam die Crew der Aquarius. Über 60 Journalist*inen und Filmschaffende wurden seit Einsatzbeginn unter größter Transparenz auf der Aquarius willkommen geheißen, um die Situation im Mittelmeer und unsere Arbeit zu begleiten, und darüber zu berichten: Times, Die ZEIT, AFP, TF1, Frankreich 2, Arte, Le Monde, BFMTV, Nizza Matin, Rai News, NDR, WDR, Die Times London, Reuters, Frankreich Kultur, Internazionale, Channel 10, BBC, TV 2000.

 

Unsere Finanzen

SOS MEDITERRANEE wird zu 99% durch private Spenden aus den drei nationalen Vereinen finanziert: SOS MEDITERRANEE Deutschland, Frankreich und Italien. Heute legen fast 13.800 Spender*innen ihr Vertrauen in SOS MEDITERRANEE. Darüber hinaus trägt unser medizinischer Partner Médecins Sans Frontières auf monatlicher Basis zu den Kosten für die Charter des Schiffes bei. Die Rettungseinsätze erfordern erhebliche technische und finanzielle Mittel: 11.000 Euro pro Tag werden benötigt. Dies umfasst u.a. die Charter des Schiffes, seiner Besatzung, den Brennstoff, die lebensrettenden Ausrüstung und alles Weitere, was für die Rettung von Menschenleben auf hoher See benötigt wird.

 

Unsere Position

Menschen, die Sicherheit und Schutz suchen, diesen Schutz wissentlich zu verweigern, wäre eine Verneinung unserer Werte; der gleichen Werte, auf denen das europäische Projekt begründet wurde. Es würde bedeuten, die Grundlagen unserer Menschlichkeit zu verleugnen. SOS MEDITERRANEE wird seine Search und Rescue-Einsätze im Mittelmeerraum fortsetzen, solange Menschen weiterhin ihr Leben riskieren, um in Europa Zuflucht zu finden. Die Organisation wird ihren Teil dazu beitragen, dieser sinnlosen Tragöde etwas entgegenzusetzen,“ erklärte Sophie Beau.

Die Menschen, die von unseren Teams auf der Aquarius gerettet wurden, haben uns von extremer Gewalt in Libyen berichtet, die sie dazu zwang die „libysche Hölle“ mit allen Mitteln zu fliehen.

Im Gegensatz zu Kritiker*innen, die behaupten, dass SAR-Einsätze als Anreiz zur Überfahrt nach Europa dienten, sind wir der Meinung, dass Rettungseinsätze wenig Einfluss auf die Anzahl der Ankommenden haben. Sehr wohl aber, dass sie eindeutig das Sterberisiko reduzieren (oder umgekehrt die Abwesenheit von Rettungseinsätzen zu mehr Todesfällen führt). Dies wurde vor kurzem auch in einem Beitrag der „Border Criminologies“ Blog-Serie der Oxford University belegt.

Im aktuellen Kontext verpflichtet sich SOS MEDITERRANEE dazu, seine Arbeit gemeinsam mit dem medizinischen Partner MSF fortzusetzen, um weiterhin Leben zu retten, die Rechte und Interessen von Menschen auf der Flucht zu schützen und die Öffentlichkeit weiterhin über das Leiden im Mittelmeer aufzuklären. Es ist der Mangel an institutionellen Reaktionen und die Fortsetzung der Tragödie im Mittelmeer, die uns dazu zwingt.

SOS MEDITERRANEE fordert alle europäischen Institutionen und Regierungschefs dazu auf:

  • die Kriminalisierung von NGOs zu stoppen,
  • die notwendigen Mittel zur Rettung von Leben auf hoher See bereitzustellen, um den weiteren Verlust von Menschenleben zu vermeiden.

Vorrang sollte der Erhaltung von Leben und Menschenwürde auf See gegeben werden.

 

Pressekontakte:

Foto und Videomaterial auf Anfrage.