Logbuch #73: Madeleine Habib, neue SAR-Koordinatorin an Bord der Aquarius – „Ihr Lebenslauf ähnelt einer Weltkarte“

Logbuch #73: Madeleine Habib, neue SAR-Koordinatorin an Bord der Aquarius – „Ihr Lebenslauf ähnelt einer Weltkarte“

Madeleine Habib ist die neue Search-and-Rescue (SAR) Koordinatorin an Bord der Aquarius, dem Rettungsschiff von SOS MEDITERRANEE. Am 09. September 2017 übernahm sie nach einem dreiwöchigen Training das Kommando an Bord der Aquarius und ist damit die erste weibliche SAR-Koordinatorin seit dem Beginn der Rettungseinsätze von SOS MEDITERRANEE im zentralen Mittelmeer.

Die Umgebung jedoch ist ihr nicht neu. 2015 und 2016 war sie Kapitänin der Dignity I, einem der Rettungsschiffe von Médecins Sans Frontières (MSF) im Mittelmeer. Davor ist Madeleine auf den verschiedensten Schiffen und mit unterschiedlichsten Missionen um die ganze Welt gesegelt.

Madeleine hat 15 Jahre auf Schiffen von Greenpeace gearbeitet, drei davon als Kapitänin. Sie war für MSF als Schiffslogistikerin im Jemen, auf einer Pazifikreise studierte sie als Kapitänin Unterwasservulkane und untersuchte während einer Fahrt durch die Kimberlies die Leeuwin Strömung. Als erste und zweite Offizierin an Bord der Astrolabe segelte sie zum französischen Antarktisstützpunkt Dumont D´Urville und auch zur Macquarie Island…etc., etc..: ihr Lebenslauf ähnelt einer Weltkarte. Und man würde zumindest eine Weltreise brauchen, um in der Lage zu sein die Geschichten dieser Frau, welche zunächst Journalistin werden wollte und nun als Kapitänin alles dafür tut, um Menschen und ihren Planeten zu retten, in Gänze nachvollziehen zu können,

Laura Garel (Communication Officer) und Hara Kaminara (Fotografin)  hatten die Möglichkeit, ihr an einem der seltenen ruhigen Tage auf See ein paar Fragen zu stellen.

Laura: „Madeleine, hast du Lust uns erst einmal von deiner Beziehung zum Meer zu erzählen?“

Madeleine: „Ich fahre jetzt seit 30 Jahren zur See, das erste Mal segelte ich im Alter von 22. Ich hatte schon entschieden, dass ich als Journalistin Karriere machen wollte. Ich ging für eine Woche segeln und hatte das Gefühl, als würde ich mit meiner Umwelt verschmelzen. Ich konnte das Steuerrad nicht loslassen und dachte “das ist es, das ist die perfekte Herausforderung”. Eine körperliche und mentale Herausforderung, eine Herausforderung zum Abenteuer und ich habe einfach meine Sachen gepackt, bin auf ein Segelboot gestiegen und bin erst zwei Jahre später zurückgekehrt, um meine Familie zu besuchen und meine erste Lizenz als Kapitänin entgegen zu nehmen. Das war im Norden von Queensland. Meine Familie lebt in Australien und es gab dort einen berühmten Ort, die sogenannten Whit Sundays. Ich besuchte meine Eltern, die gerade erst dorthin gezogen waren und nahm die Möglichkeit zu segeln wahr. Ich liebte es vom ersten Augenblick an.

Ich glaube, dass Menschen sehr unterschiedliche Beziehungen zum Meer haben und ich denke, dass sich meine Beziehung zum Meer über die Jahre verändert hat. Ich habe Heimweh nach der See und wenn ich das Meer nach langer Zeit an Land zum ersten Mal wieder rieche, rührt mich das in meinem Innersten und das überrascht mich. Und zwar weil mir bis zu dem Moment, in dem ich das Meer rieche, darunter die verschiedensten Meergerüche – warm und tropisch, kalt und arktisch – gar nicht klar war, wie sehr ich es vermisst habe. Ich habe einen sehr gut entwickelten Geruchssinn für die Düfte des Meeres und ich kann mir nicht vorstellen ohne es zu leben. Doch für andere Menschen ist das Meer ein Ort der Angst, ein Ort, den sie nicht verstehen. Sie werden seekrank, lehnen es ab, für sie ist es ein Hindernis, eine Barriere, doch für mich ist es ein Ort, an dem ich das Gefühl habe, strahlen zu können.“

Laura: „Wie kam es dann dazu, dass du angefangen hast, im humanitären Bereich zu arbeiten?“

Madeleine: „Ich war sehr darauf festgelegt, auf Booten zu arbeiten, aber das hat nicht alles in mir zufriedengestellt. Also habe ich eigentlich immer auf Booten gearbeitet und in der Zwischenzeit war ich Volontärin in Projekten für soziale Gerechtigkeit oder Umweltschutz und die ganze Zeit träumte ich davon, eines Tages auf einem Greenpeace-Schiff zu arbeiten…und irgendwie hat sich dieser Traum mehr und mehr verfestigt! Über einen Zeitraum von 15 Jahren habe ich auf Greenpeace-Schiffen verbracht, mich zur Kapitänin hochgearbeitet und an vielen Umweltkampagnen in der ganzen Welt teilgenommen. Zur selben Zeit fühlte ich, dass da auch andere Dinge waren, die mich bewegten, an denen ich teilhaben wollte und deshalb pausierte ich bei Greenpeace und begann 2002 meinen ersten Einsatz bei MSF und das gab mir das Gefühl nicht nur etwas für die Umwelt zu tun, sondern auch für die Menschheit, für soziale Gerechtigkeit und für Wohlstand. Das sind die Dinge auf diesem Planeten, die mir wirklich wichtig sind und wenn ich diesen Dingen mein Leben verschreiben kann, macht mich das wirklich glücklich.“

Laura: „Und was hat dich dazu gebracht genau hier, an Bord der Aquarius im Mittelmeer und mit SOS MEDITERRANEE, zu sein?“

Madeleine: „Die Migrationskrise im Mittelmeer entwickelt sich bereits über mehrere Jahre. Das erste Mal, dass ich jemals mit dem, was hier wirklich los war, in Kontakt kam, war auf einem Greenpeace-Schiff. Wir haben ein Schiff gestoppt, das illegal geerntetes Holz in einem Hafen in Portugal auslud. Und die Reaktion des Kapitäns war wirklich, wirklich extrem. Sie war weitaus dramatischer, als das was wir erwartet hatten, da wir lediglich sein Geschäft störten. Und uns wurde erst später klar, dass er 20 oder 30 illegale Immigranten an Bord seines Schiffes versteckt hatte. Eigentlich bestand sein Geschäft darin, als Schleuser, Menschen nach Europa zu bringen. Das war mein erster Kontakt mit der Migrationskrise und ich dachte damals: „Wie müsste dein Leben aussehen, damit du dich auf diese Reise begibst, damit du diese Wahl triffst?“ Ich meine, 2015, Anfang 2015 war die Migrationskrise wirklich in den internationalen Nachrichten und ich hörte, dass MSF ein Schiff im Mittelmeer einsetzte, um auf diese Krise zu reagieren – und ich wollte dabei sein! Und ich hatte Glück und konnte 2015 und Anfang 2016 auf dem MSF-Schiff Dignity mitfahren und Teil dieses Projektes sein. Während ich dort war, merkte ich, dass es Bedarf für eine Verbindung zwischen dem Maritimen und Humanitären gab, eine Art Brücke. Und ich dachte, was für eine perfekte Rolle das für mich wäre, wenn ich genau diese Rolle finden könnte, wo ich diese Brücke sein könnte, und Nutzen von meiner maritimen und humanitären Erfahrung machen könnte. Und als Search-and-Rescue Koordinatorin für SOS MEDITERRANEE an Bord der Aquarius zu sein, fühlt sich wirklich wie der perfekte Platz für mich an.

Anfang dieses Jahres habe ich eigentlich versucht, einige Kurse und Schulungen zu machen, damit ich ein wertvolles Gut sein könnte, um mich bei NGOs für diese Position bewerben zu können und ich habe mir die verschiedenen Organisationen angesehen, wo ich diesen Platz einnehmen könnte und das hier ist die perfekte Gelegenheit.“

Laura: „Woher kommt dein Interesse an der Migrationskrise im Mittelmeer?“

Madeleine: „Ich stamme aus einer Familie mit unterschiedlichen nationalen Hintergründen: mein Vater ist aus Ägypten, meine Mutter aus Schottland. In den frühen Sechzigern migrierte mein Vater von Ägypten nach England, Er hatte Glück, dass er einfach dorthin fliegen konnte und während er da war, beantragte er Asyl. Zu dieser Zeit war das für ihn als qualifizierten Arzt ziemlich einfach, aber er hat niemals die britische Staatsbürgerschaft erhalten und so fühle ich mit den Menschen, die als staatenlos gelten und von keinem Land anerkannt werden. Mein Vater hatte Glück. Meine restliche Familie wurde in den letzten Jahren aus Ägypten vertrieben, weil sie zu der stark verfolgten Minderheit der Kopten gehören und es extrem schwierig für sie geworden ist, länger dort zu leben.

Menschen fliehen aus den verschiedensten Gründen aus ihren Ländern. Ich bin nicht hier, um das zu beurteilen. Niemand an Bord der Aquarius urteilt über die Gründe, die Menschen dazu veranlasst haben zu fliehen. Menschen verlassen ihr Zuhause nicht ohne einen guten Grund dafür zu haben. Um Leben retten zu können, urteilen wir nicht darüber, wessen Leben gerettet wird oder wovor die Menschen fliehen, sie sind einfach da, um ihr Leben zu retten. Und wenn ich die Boote sehe, die die Menschen auf ihrer Reise benutzen, denke ich, dass niemand freiwillig einen Fuß darauf setzen würde, dass sie dazu gezwungen werden, aus Verzweiflung und nicht weil sie denken, dass es eine gute Idee wäre, sondern weil sie keine andere Wahl haben.

Ich glaube an die fundamentalen Menschenrechte, ich glaube an das Recht, dass Menschen versuchen dürfen ihr Leben zu ändern, um das Beste für sich und ihre Familien zu erreichen. Wenn man in bestimmten Ländern geboren wird, ist man mit solch großen Hindernissen konfrontiert, um das zu probieren oder zu erreichen, was manche von uns als selbstverständlich ansehen.“

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Interview: Laura Garel & Hara Kaminara
Video: Hara Kaminara
Foto: Anthony Jean