Lukas Vogel // Rede bei Pulse of Europe Frankfurt a. M. // 17.09.2017

Lukas Vogel // Rede bei Pulse of Europe Frankfurt a. M. // 17.09.2017

+++ es gilt das gesprochene Wort +++

Liebe Frankfurterinnen und Frankfurter,

Liebe Europäerinnen und Europäer,

liebes Team von Pulse of Europe: ich danke Euch von Herzen für die Einladung, heute hier bei Pulse of Europe in Frankfurt, eurem Gründungsort, sprechen zu dürfen! Ihr habt mit viel Engagement eine solch lebendige, europäische zivilgesellschaftliche Bewegung in Gang gesetzt – und dafür danke ich Euch!

Ihr habt mich gebeten, heute über Solidarität zu sprechen – über Solidarität in Europa und über Solidarität mit Flüchtlingen.

Wenn wir in Europa über Solidarität sprechen, meinen wir meist die Solidarität zwischen den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Dann heißt es mit Blick auf die Griechenlandkrise: „Deutschland muss mit Griechenland solidarisch sein!“. Bei der sogenannten „Flüchtlingskrise“ fordern Deutschland und Italien, die anderen europäischen Mitgliedsstaaten müssten solidarisch sein und mehr Flüchtlinge aufnehmen. Die ungarische Regierung sieht das bekanntermaßen anders und fordert im Gegenzug Solidarität von der EU ein, um die Kosten für den in 2015 gebauten Grenzzaun zu tragen.

Ich glaube, was in all diesen Debatten oft zu kurz kommt: Regierungen – erst recht demokratischer Staaten, wie wir sie glücklicherweise in Europa vorfinden – sind zumeist ein Spiegel ihrer jeweiligen Gesellschaften und der in diesen mehr oder weniger gelebten Solidarität.

Es muss uns also in erster Linie um die Stärkung der Solidarität zwischen den europäischen Zivilgesellschaften, zwischen Menschen gehen!

Sophie Scholl schrieb im Mai 1940 in einem Brief an ihren Verlobten Fritz Hartnagel:

„Wie könnte man da von einem Schicksal erwarten, dass es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert.“

Zugegebenermaßen mag dieses Zitat für uns heute etwas drastisch klingen. Aber abgewandelt heißt das, dass wir zuerst darauf schauen sollten, was wir selber als Europäerinnen und Europäer tun können, um zu Solidarität in Europa und zu einem solidarischen Umgang mit Flüchtlingen beizutragen.

Das entbindet die europäischen Staaten natürlich nicht von ihrer Verantwortung, ihren humanitären Verpflichtungen nachzukommen!

Im Gegenteil:           Gerade solidarische Zivilgesellschaften können von ihren Regierungen solidarisches Handeln einfordern.

Ich bin heute hier als Vertreter einer solchen europäischen, zivilgesellschaftlichen Organisation, für die die Würde und die Rechte der Menschen an erster Stelle stehen.

Artikel 1 der von den Vereinten Nationen 1948, nach den Schrecken des zweiten Weltkrieges beschlossenen Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte lautet:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“

Dies sind Leitlinien, denen sich wohl jede humanitäre Organisation verpflichtet fühlt.

Solidarität, das heißt für SOS MEDITERRANEE ganz konkret: Leben retten.

Seit Jahren machen sich viele Menschen auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer nach Europa – meist über die zentrale Route von Libyen nach Italien.

Seit Januar dieses Jahres haben über 100.000 Menschen diese gefährliche Überfahrt über das zentrale Mittelmeer gewagt. Nach Schätzungen sind bereits in diesem Jahr über 2.400 Menschen auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer gestorben. Im vergangenen Jahr sind 180.000 Menschen in Italien angekommen. Über 5.000 haben ihr Leben auf See gelassen – ein trauriger Rekord.

SOS MEDITERRANEE ist die erste zivile und europäische Organisation zur Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer. Das europäische Netzwerke SOS MEDITERRANEE wurde am 9. Mai 2015, am Europatag, in Berlin von Bürgerinnen und Bürgern aus Italien, Frankreich, Polen und Deutschland gegründet. Wir sind auch eine Antwort auf das Einstellen der staatlichen Mission „Mare Nostrum“ und die dadurch fehlenden Rettungskapazitäten im Mittelmeer.

Von den Begegnungen und Gesprächen mit denen, die wir retten konnten, wissen wir: Viele von diesen – meist jungen – Menschen haben keine Vorstellung von den Risiken, denen sie auf See ausgesetzt sein werden.

Ein junger Mann staunte, als er von Bord unseres Rettungsschiffes auf das weite Mittelmeer schaute: „What a big river!“ – „Was für ein großer Fluss!“. Dass die billigen und völlig überfüllten Schlauchboote die lange Überfahrt niemals schaffen würden, wissen viele nicht.

Seit Februar 2016 sind wir mit unserem Rettungsschiff, der AQUARIUS, ohne Unterbrechung in den Gewässern zwischen Libyen und Italien, um Schiffbrüchige zu retten.

Koordiniert durch die italienische Seenotleitstelle in Rom, konnten unsere Rettungsteams an Bord allein im Jahr 2016 in 50 Rettungseinsätzen 7.127 Menschen aus insgesamt 30 Ländern direkt aus Seenot retten – davon 1.557 meist unbegleitete Minderjährige und 98 Kleinkinder unter 5 Jahren. Und auch in diesem Jahr setzen wir die Rettungsaktionen unverändert fort.

Solidarität, das heißt für SOS MEDITERRANEE auch: Schützen und Begleiten derjenigen, die wir an Bord unseres Rettungsschiffes genommen haben.

Die Menschen, die wir an Bord der AQUARIUS versorgen, haben meist schreckliche Dinge erlebt.

Viele berichten uns von dem Horror, dem sie auf ihrem Weg nach Libyen und vor allem in Libyen selbst ausgesetzt waren. Die meisten nennen die unmenschlichen Bedingungen in Libyen als Hauptgrund für ihre Flucht nach Europa.

Ein junger Geretteter aus Kamerun, der in Libyen sechs Monate festgehalten wurde, berichtet von willkürlicher Gewalt:

[Zitat] „Ich war sechs Monate im Gefängnis und habe in dieser Zeit so gut wie nie Tageslicht gesehen. Einmal brachten sie zehn neue Gefangene, von denen sie zwei willkürlich auswählten und töteten, um uns zu zeigen, dass wir Lösegeld zahlen müssten, damit es uns nicht passiert. Vier weitere schlugen sie willkürlich. Gepeitscht wurden wir morgens, mittags, abends. Sie schlagen dich den ganzen Tag – wegen nichts. Sie töten Menschen und werfen sie in ein Loch, das sie erst zumachen, wenn das Loch voll ist.“ [Zitatende]

Das Auswärtige Amt beschreibt die Zustände in den Lagern in Libyen als „KZ-ähnlich“ und berichtet von Folter, Vergewaltigung und Hinrichtungen. Und auch außerhalb der Lager müssen Migranten und Flüchtlinge angesichts fehlender staatlicher Strukturen und Korruption mit Entführung, Zwangsarbeit und Gewalt durch bewaffnete Milizen rechnen.

Neben Nahrung und warmer, trockener Kleidung benötigen viele der Geretteten an Bord unseres Rettungsschiffes AQUARIUS deshalb unmittelbar medizinische und psychologische Betreuung. Eine der häufigsten Verletzungen sind Verbrennungen, die dadurch entstehen, dass die Geretteten oft stundenlang in einem Gemisch aus auslaufendem Benzin und Salzwasser standen. Oft erleben wir auch Menschen mit Schusswunden und anderen Zeichen von Folter und Misshandlung. Dank der Zusammenarbeit mit unserem Partner Ärzte ohne Grenzen können wir die meisten Verletzten direkt an Bord unseres Schiffes versorgen.

Und es gibt auch schöne Momente inmitten dieser dramatischen Umstände:

Wenn wir Geburten an Bord erleben dürfen, wie die Geburt des kleinen Destiné-Alex, benannt nach unserem Kapitän Alex Moroz;

Wenn Kinder auf der Fahrt in den sicheren Hafen lachend in unserem Schutzraum für Frauen und Kinder spielen;

Oder wenn die Geretteten nach den ersten Stunden in Frieden und Sicherheit an Bord der AQUARIUS Freudengesänge anstimmen.

Liebe Europäerinnen und Europäer,

Solidarität, das heißt für SOS MEDITERRANEE drittens: das Bezeugen der schrecklichen Lage im Mittelmeer.

Auch wir wissen, dass das Retten von Geflüchteten nur eine humanitäre Nothilfe und kein Dauerzustand sein kann.

Durch unsere Berichte und die Zeugnisse der Geretteten wollen wir einen Beitrag leisten für einen Wandel zu mehr Humanität und Solidarität. Wir sind überzeugt: das geht nur, indem die europäische Öffentlichkeit von der Lage der Flüchtlinge im Mittelmeer und von den Konsequenzen der europäischen Einwanderungs- und Asylpolitik erfährt.

Dazu gehört auch, auf die Praktiken der sogenannten „libyschen Küstenwache“ hinzuweisen, die von der EU und ihren Mitgliedsstaaten mitfinanziert wird:

Diese Gruppe bedroht die Menschen in den Flüchtlingsbooten und bringt sie gewaltsam und gegen ihren Willen nach Libyen zurück, wo sie wieder in den Kreislauf der Gewalt geraten.

Am 23. Mai dieses Jahres wurden wir während einer Rettungsaktion, die wie immer durch die italienische Rettungsleitstelle koordiniert wurde, von der libyschen Küstenwache beschossen. Glücklicherweise wurde niemand getroffen und die 67 Menschen, die in Panik aus dem Flüchtlingsboot ins Wasser gesprungen waren, konnten dank der professionellen Arbeit der Rettungsteams sicher geborgen werden.

Vor einigen Wochen hat die libysche Küstenwache dann erklärt, Einsätze von humanitären Rettungsorganisationen auch in internationalen Gewässern gewaltsam unterbinden zu wollen.

Ein Gutachten des Deutschen Bundestages hat noch einmal unmissverständlich klar gemacht: Indem die libysche Küstenwache Seenotretter behindert, verstößt sie gegen geltendes internationales Völkerrecht!

Wir fordern deshalb die Europäische Union und die Regierungen der Mitgliedsstaaten dazu auf, ihrer humanitären Verantwortung gerecht zu werden, anstatt sie auf bewaffnete Gruppen abzuwälzen.

Liebe Europäerinnen und Europäer,

das Mittelmeer, das die meisten von uns vor allem als Badeort kennen, ist ein ernst zu nehmendes Meer, mit teils heftigen Stürmen und meterhohen Wellen. Und – das kann Ihnen jeder Seemann bestätigen: die See ist mitunter unbarmherzig.

Das Mittelmeer ist außerdem ein Grenzmeer, das das wohlhabende Europa von den Menschen auf dem afrikanischen Kontinent trennt – geprägt durch Grenzschutz, Küstenwache und Militär.

Als zivilgesellschaftliche Organisation wollen wir von SOS MEDITERRANEE deshalb durch unser Handeln und unsere Präsenz Solidarität und Menschenwürde an einen Ort bringen, der seit Jahren gekennzeichnet ist vom Tod tausender Menschen und vom unerträglichen Leid all derer, die sich auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer wagen.

Dieser Geist, dass es die Zivilgesellschaft braucht, um einen Wandel hin zu einem humaneren, solidarischeren Europa zu erreichen;

Dieser Geist, dass wir uns als Europäerinnen und Europäer einmischen müssen, dass wir als Bürgerinnen und Bürger Europas in Solidarität zusammenstehen müssen, unabhängig von Nationalität, Geschlecht, Hautfarbe oder Religion;

Dieser Geist, der in dem wunderbaren Gedicht „Moral“ von Erich Kästner zum Ausdruck kommt: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“;

Für diesen Geist steht auch Pulse of Europe! Für diesen Geist stehen wir alle, die wir heute hier versammelt sind!

Und deshalb sage ich: Danke für Euer Engagement! Vielen Dank!