Logbuch #76: «Während der Rettungen gibt es keinen Platz für Ablenkung. Du musst konzentriert bleiben auf deinen Job: Leben retten.“

Logbuch #76: «Während der Rettungen gibt es keinen Platz für Ablenkung. Du musst konzentriert bleiben auf deinen Job: Leben retten.“

« Ich denke nicht, dass ich die beste oder schlimmste Erfahrung auf der Aquarius ausmachen könnte. Jede einzelne von ihnen ist so stark und einzigartig, dass es unmöglich ist sie zu klassifizieren. Das Retten ändert dein Leben wirklich für immer, und um ehrlich zu sein, gibt es keinen anderen Ort an dem ich lieber wäre. »

Basile, 29 Jahre alt, ist einer der Retter des SAR-Teams von SOS MEDITERRANEE und kommt ursprünglich aus Genf in der Schweiz. Sein erster Kontakt mit Rettungsaktivitäten geht zurück in seine Teenager-Zeit in Wales am United World College of the Atlantic, wo er die Möglichkeit hatte  mit der Royal National Lifeboat Institution zu arbeiten. Nur Jahre später, nach einem Abschluss in Sozialwissenschaften und einem Karrierebeginn in Umweltwissenschaften, entschied er sich, alles andere zu aufzuschieben  und seine nautischen Fähigkeiten zu nutzen, um tausende Menschen im Mittelmeer zu retten.

Während er in der Schweiz arbeitete, entschied Basile seinen Urlaub zu nutzen und sich einem Freund des Lifeboat-Teams des Atlantic College – welcher jetzt Stellvertretender Such- und Rettungskoordinator von  SOS MEDITERRANEE ist – anzuschließen und ehrenamtlich für eine Nichtregierungsorganisation namens Refugee Rescue auf der Insel Lesbos in Griechenland zu arbeiten. « Mir war die Situation der Flüchtlinge, die ihr Leben riskieren um nach Europa zu kommen, bewusst und ich hatte viele Fotos gesehen; aber all das war nichts im Vergleich dazu, es mit eigenen Augen zu sehen. Die furchtbaren Zustände der Gummiboote, mit denen die Menschen das Mittelmeer überqueren und dazu die wahrhaftige Verzweiflung in ihren Augen machte alles real. »

Das Zittern in Basiles Stimme, wenn er über das erste Boot  spricht, das er gesehen hat, lässt keinen Zweifel an der emotionalen Intensität, die diese Erfahrung bei ihm hervorruft. Und es wird leicht zu verstehen, warum er sie mit dem Adjektiv lebensverändernd beschreibt. Gleich nach seiner ersten Rettungsaktion war er sich sicher, dass er nicht einfach nach Hause fahren und sich an einem Schreibtisch sitzen könnte, wissend, dass er die Fähigkeiten und Möglichkeiten hatte, um auf See zu helfen.

Im Juni 2017 schloss sich Basile dem SOS Team als Retter an und die Aquarius ist nun sein zweites Zuhause. « Ich bin unfassbar glücklich mit solch einer Verantwortung betraut zu werden. Auf der Aquarius können wir nicht nur die Leben derer retten, die vor Terror fliehen, sondern wir tun es zusammen mit einer Gruppe außergewöhnlicher Menschen, die wirklich zu deiner Familie werden. »

Es mag klingen wie etwas, was bereits immer und immer wieder gesagt und geschrieben wurde (gleichwohl von mir selbst), bis zu dem Punkt, dass es wie ein Klischee klingt. Aber diese Beziehungen, die an Bord des Schiffes entstehen, nur als vertraut zu bezeichnen, ist nicht annähernd ausreichend. « Wir teilen Erfahrungen die so intensiv sind, dass sie dich stärker zusammenbringen. Hier musst du mit Leben und Tod fertig werden und das relativiert alles andere. Alle von uns können nichts als ehrlich sein während unserer Zeit an Bord, und das ist etwas, was ich definitiv am meisten liebe. Wir haben alle verschiedene Hintergründe und wir erfüllen verschiedene Rollen in dieser Familie. Unsere wahre Stärke liegt in unseren Unterschieden. »

Basiles Rolle im SAR Team ist RHIB Fahrer. Zusammen mit dem stellvertretenden Such- und Rettungskoordinator ist er derjenige, der während laufender Rettungseinsätze Entscheidungen trifft; und er ist verantwortlich für das Boot, das er führt und die Teammitglieder an Bord.

« Während der Rettungen gibt es keinen Platz für Ablenkung. Du musst konzentriert bleiben auf deinen Job: Leben retten. Jedes Leben zählt und mein Ziel ist es, so viele wie möglich zu retten. » Sobald der SAR Koordinator die Operation ankündigt, konzentriert sich Basile auf die Rettung und gibt alles.

« Ich erinnere mich an das eine Mal, an dem ich während einer Operation besonders betroffen war und das war, als wir eine Frau retteten, die gerade auf dem Boot ihr Kind geboren hatte. » An diesem Tag führte die Aquarius mehrere Such- und Rettungsoperationen durch und das RHIB 2 – das Boot das er steuert – war das, welches sich dem Schlauchboot mit dem Neugeborenen näherte. « Es war unglaublich. Ich war getroffen von ihrer Kraft, als sie die Leiter zur Aquarius hinauf kletterte und ihr Baby trug, das noch an ihr hing. Es gibt nichts Stärkeres für mich als der Gedanke an Eltern, die gezwungen sind, das Leben ihrer Kinder und ihr eigenes, auf See zu riskieren, weil es ihre einzige Überlebensoption ist. Selbst wenn sie überleben, ist es eine Entscheidung, die sie den Rest ihres Lebens zeichnen wird. »

Während es bei aktiven Operationen keinen Platz für Emotionen gibt, so ist Basiles Zeit vor unserer Ankunft in  einem sicheren Hafen  den geretteten Kindern an Bord gewidmet und damit, ihnen auf dem Hauptdeck Freude zu bereiten . Sobald die Rettung vorbei und jeder sicher an Bord ist, wird Basile wieder zu seinem kontaktfreudigen, lustigen Ich das seinen Teammitgliedern Streiche spielt und alle geretteten Kinder zum Lachen bringt, egal ob er dabei Ballons aus Gummihandschuhen macht oder ein Programm  mit Plastiklöffeln und einem Stethoskop improvisiert.

Als ich Basile am Ende frage, was seine Zukunftspläne sind, kommt seine Antwort laut und deutlich : « So lang es Menschen gibt, die auf See ihr Leben riskieren, werde ich bereit sein sie zu retten. »

 

Interview und Text: Isabella Trombetta

Foto: Anthony Jean