Logbuch #75: Der 3. Oktober, gestern und heute

Logbuch #75: Der 3. Oktober, gestern und heute

Es war vor vier Jahren. Am 03. Oktober 2015 ertranken, eingepfercht auf dem Rumpf ihres Holzbootes, 368 Personen vor der Küste Lampedusas. Es kostete die Inselbewohner*innen mehrere Tage, die Verstorbenen zu bergen und diese im Hangar des Flugplatzes von Lampedusa aufzubahren. Dort, wo sich normalerweise Touristengruppen drängeln, also jene, die in der Regel über einen Reisepass sowie über das Recht verfügen, in vollkommener Sicherheit zu reisen. „Wir wissen nicht mehr wohin mit ihnen, weder mit den Lebenden noch mit den Toten“, hatte die Bürgermeisterin von Lampedusa, Guisi Nicolini, damals erklärt. Das war vor vier Jahren. Angesichts der aufgebahrten Sargreihen hatte die europäische und internationale Politik noch beteuert: „Nie wieder!“. Einige Wochen später wurde durch Italien, welches eigenen Aussagen zufolge „den Weg weisen wollte [i]“, in genau jener Meeresenge, welche binnen kürzester Zeit zur tödlichsten der Welt geworden war, die Operation Mare Nostrum eingeführt. Sie stellte damit die erste staatliche Such- und Rettungsoperation im zentralen Mittelmeer dar.

Es war vor genau einem Jahr. Am 03. Oktober 2016 retteten die Rettungskräfte der Aquarius, unterstützt durch Helfer*innen anderer NGOs, in der Nähe der lybischen Küste 722 Menschen auf offener See. Es waren 722 Personen, darunter Männer, Frauen und Kinder, zusammengepfercht an Deck und im Rumpf eines riesigen, 20 Meter langen Holzkutters. Dieser drohte jeden Moment zu kentern. Das Schiff wurde mitten in der Nacht gesichtet und erst nach einem siebenstündigen Rettungseinsatz konnten alle 722 Passagiere, darunter 192 Frauen und 198 Minderjährige, gesund und unversehrt an Bord der Aquarius genommen werden. Die Aquarius ist ein Rettungsboot, betrieben von einer europäischen Nichtregierungsorganisation, auch zwei Jahre nach dem die Operation Mare Nostrum „durch die Europäische Union herabgesetzt worden war“[ii] , um noch mehr Tote auf See zu verhindern.

Es war an diesem Morgen, den 03. Oktober 2017, mitten im zentralen Mittelmeer. Auf dem Vorderdeck, wo normalerweise die weißen Säcke mit den Körpern derer, die nur noch tot aus dem Wasser geborgen werden können, eingewickelt werden, haben die freiwilligen Retter*innen von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen eine Schweigeminute eingelegt. Eine Erinnerung an die 15.696 Männer, Frauen und Kinder, welche seit dem 3. Oktober 2013 [iii] im Meer ertrunken sind oder als vermisst gelten; vor den Toren Europas, von dem sie sich Rettung und Schutz erhofft hatten. „Weil sie auch wir sind“[iv], und „weil wir die Möglichkeit haben weitere Tote zu verhindern[v], wird die Aquarius weiterhin die internationalen Gewässer längs der libyschen Küste überwachen – solange Menschen weiterhin ihr Leben im Mittelmeer aufs Spiel setzen müssen.

Seit dem Beginn ihres Einsatzes im Februar 2016 hat die Aquarius insgesamt 23.063 Personen auf hoher See an Bord genommen, von denen 16.414 direkt von den Rettungskräften von SOS MEDITERRANEE gerettet und 6.649 auf die Aquarius gebracht wurden.

 

Foto: Anthony Jean / SOS MEDITERRANEE
Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung aus dem Italienischen: Manuel Wagner

 

[i] Rede von Sophie Beau, Mitbegründerin und Vizepräsidentin von SOS MEDTIERRANEE International bei der Verleihung des Houphouët Boigny Awards an SOS MEDITERRANEE und Giusi Nicolini,Bürgermeisterin von Lampedusa, am 27 Juni 2017
[ii] Ebd.
[iii] Quelle: UNHCR
[iv] Rede für die UNESCO von Klaus Vogel, Mitbegründer von SOS MEDITERRANEE
[v] Rede für die UNESCO von Sophie Beau