Logbuch #74: “Dieses Schiff hat das wichtigste Gut der Welt geladen: Die Leben der Menschen, die wir gerettet haben.”

Logbuch #74: “Dieses Schiff hat das wichtigste Gut der Welt geladen: Die Leben der Menschen, die wir gerettet haben.”

Dragos gehört erst seit kurzem zum Search-and-Rescue-Team an Bord der Aquarius. Während er zuvor als Ingenieur und während des Arabischen Frühlings als Reporter in Ägypten arbeitete, entschied er sich später, aktiver Teil des gesellschaftlichen Wandels zu werden.

Dragos ist es gewohnt, Brücken zu bauen. In seinem früheren Leben, in Rumänien, wo er geboren wurde, arbeitete er als Bauingenieur. Jetzt, als Teil des Rettungsteams von SOS MEDITERRANEE im zentralen Mittelmeer, baut er andere Arten von Brücken. “Nach der Schule wurde ich Bauingenieur und arbeitete für einige Jahre als Projektingenieur” erzählt er. „Aber ich wechselte relativ schnell zum Journalismus. Ich hatte wirklich etwas zu sagen und ich wollte, dass meine Stimme gehört wird.“ Tatsächlich war Dragos Leben vorher ein anderes. „Ich habe 12 Jahre als Journalist gearbeitet, war vor allem an Außenpolitik interessiert und habe in diesem Bereich viele Artikel und Reportagen veröffentlicht; während der Revolution 2011 in Ägypten war ich als Reporter dort.”

Als Dragos zum ersten Mal über einen Freund, der schon an Bord der Aquarius war, von SOS MEDITERRANEE erfuhr, war er beeindruckt. „Ich dachte, das ist einfach toll. Als Journalist versuche ich immer, meine Augen offen zu halten, um einen klaren Blick darauf zu haben, was in der Welt passiert. Und gerade das, was im Mittelmeer vor den Toren Europas stattfindet, kann schlichtweg nicht ignoriert werden.

Mit seinem journalistischen Hintergrund war Dragos erster Gedanke, an Bord zu kommen, um über die Situation zu berichten und Artikel darüber zu schreiben. Er wollte Augenzeuge sein und dazu beitragen, dass auch andere Menschen die Geschichten der Geretteten hören und verstehen können. Da er jedoch aus einer Seefahrerfamilie aus Costanta stammt, änderte er seine Pläne, sobald ihm klar wurde, dass er Teil des Rettungsteams werden konnte, sein Platz war auf dem RHIB [Schnellboot] neben den anderen Mitgliedern des Rettungsteams.

Manchmal hört man von beeindruckenden humanitären Missionen und von außen betrachtet, wirken sie wie etwas, was nichts mit dem normalen Leben zu tun hat. Die Menschen, die Teil dieser Projekte sind, ähneln eher Superheld*innen und es fühlt sich an, als ob dein normales Ich niemals dazu in der Lage wäre. Hier ist das ähnlich: ich arbeite mit Menschen, die in irakischen Krankenhäusern gearbeitet oder große humanitäre Projekte auf Lesbos aufgebaut haben. Aber es ändert sich alles, wenn du realisierst, dass es ganz normale Menschen sind, die einfach entschieden haben, etwas Außergewöhnliches zu tun und selbst die Veränderung zu sein. Das ist es, was ich sein möchte.”

Es gibt eine Seefahrer-Technik, das sogenannte Spleißen, bei der die Enden verschiedener Seile erst aufgedröselt und dann dauerhaft und bruchfest miteinander verbunden werden – eine perfekte Metapher für das Leben auf der Aquarius.

Was mich an den Leuten auf der Aquarius beeindruckt, ist, dass egal wie unterschiedlich wir auch sein mögen, wir harmonisch miteinander arbeiten, da wir aus dem gleichen Grund hier sind. Auf der Aquarius arbeitest du nicht nur mit deinen Muskeln, sondern auch mit deinem Kopf und deinem Herzen. Dieses Schiff hat das wichtigste Gut der Welt geladen: die Leben der Menschen, die wir gerettet haben. Und alle, die hier arbeiten, wissen das. Sogar Journalist*innen – wenn werden an Bord Teil des Teams und helfen mit.

Hinsichtlich der Diskussion über die Fortführung der Such- und Rettungseinsätze von NGOs im Mittelmeer auch nach dem Sommer sagt er: „Das erste Mal, als ich ein Schlauchboot sah, werde ich nie vergessen. Als ich Teil des Teams wurde, wusste ich, dass ich Menschen auf Schlauchbooten retten würde. Ich habe versucht es mir vorzustellen – auf hundert verschiedene Arten und Weisen. Aber wenn du es dann siehst, werden diese Worte Realität und alles wird beängstigend. Du siehst die Gesichter der Menschen und dir wird klar, dass sie gestorben wären, wenn du nicht da gewesen wärst. Du bist ihre einzige Chance und ihre einzige Hoffnung. Das war das beeindruckenste und eindringlichste Bild meines bisherigen Lebens. Der Gedanke, dass wir ihnen nicht nur neue Hoffnung geben, sondern auch das erste Lächeln oder freundliche Wort nach Wochen oder sogar Jahren, ist einfach unglaublich.

Solange Menschen versuchen werden, Liyben zu verlassen, wird sich an unserer Verpflichtung, im zentralen Mittelmeer Menschen zu retten, nichts ändern. „Wenn wir das nicht tun würden, wären unglaublich viele Menschen gestorben oder werden noch sterben. Das Mittelmeer wäre nur ein riesiger Friedhof und das wäre eine beschämende Seite europäischer Geschichte.” Dragos möchte lieber ein Teil derer sein, die Brücken von Menschlichkeit an Bord eines Rettungsschiffes bauen, als stillschweigender Zeuge einer humanitären und moralischen Krise vor Europas Toren.

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Text: Isabella Trombetta
Übersetzung: Manuel Wagner & Juliane Tetzlaff
Photo: Anthony Jean