Logbuch #72: „Ich bin stolz auf das, was meine Crew und ich tun: wir retten Leben auf See!“ – Testimony der Aquarius

Logbuch #72: „Ich bin stolz auf das, was meine Crew und ich tun: wir retten Leben auf See!“ – Testimony der Aquarius

Wenn ich mich kurz vorstellen darf: ich bin eine Dame der Meere, heute lautet mein Name Aquarius. Früher hatte ich einen anderen Namen: Meerkatze . Wer genau auf meinen orangefarbenen Bug schaut, kann den alten Namen immer noch entziffern. Aber wisst ihr – wir Schiffe ändern häufig unseren Namen und das ist in Ordnung so lange manch alter Aberglaube respektiert wird.

Eigentlich war ich ein Marine-Schiff – das überrascht euch, nicht wahr? Ich wurde vor vierzig Jahren für die deutsche Marine gebaut. Ich wurde geboren um Leben zu schützen – die Leben deutscher Fischer in der Nordsee genauer gesagt. Nach vielen Jahren, in denen ich Menschen in der rauen Nordsee rettete, kaufte mich eine deutsche Privatfirma. Zu dieser Zeit war ich sehr traurig  – ich fühlte mich alt und nutzlos. Ich dachte, dass ich nie wieder Leben retten würde. Meine neuen Aufgaben lagen in der Versorgung von Ölplattformen oder Diamantminen und dem Auffinden von Rohmaterialien auf dem Meeresgrund. Damals änderte sich mein Name in Aquarius, ein Name, der das Meer und die Sterne miteinander vereint und der, zweifellos, bessere Zeiten voraussah.

Während ich zu diesem Zeitpunkt bereits zu einer alten Dame degradiert worden war, die nur zwischen dem Supermarkt und ihrem Zuhause hin und her wechselt, obwohl sie zuvor bereits den Geheimnissen des Ozeans nachgespürt hatte, beneidete ich das betrunkene Schiff das Rimbaud besingt. Vor anderthalb Jahren brachte mich die irgendwie verrückte aber zutiefst menschliche Idee weniger Träumer ins Mittelmeer. Vielleicht war die Wassermenge geringer, aber die Ziele waren höher und so weitete ich meine ursprüngliche Mission, zu schützen und  zu retten, aus: Von nun an Iieß ich alle an eine Rettung geknüpften nationalstaatlichen Bedingungen in den Hintergrund treten, um nunmehr jedem verunglückten menschlichem Wesen auf hoher See zur Hilfe zu kommen. Für jene, die nicht segeln, mag es nur schwer zu verstehen sein, warum es für uns Seefahrer so wichtig ist Leben auf See zu retten. Doch die Not, in der du dich heute befindest, kann schon morgen meine eigene sein und wenn das geschieht, kannst du auf niemand anderen zählen, als auf das dir am nächsten gelegene Schiff.

Mein Heimathafen befindet sich nun in Catania, auch wenn ich oft in allen anderen Häfen Süditaliens vorbeischaue – zumindest in denen, die meine 77 m Länge fassen können. An Bord habe ich eine bunt zusammengewürfelte Crew aus zahlreichen Ländern und mit unterschiedlichsten Erfahrungen und Hintergründen. Ich liebe es, sie mit dem größtmöglichen Komfort auszustatten und so wenig Geräusche wie möglich zu machen oder trotz hohen Wellengangs nur gemächlich zu schaukeln. Ich mag es ihren Gesprächen auf Italienisch, Russisch, Französisch, Filipino, Spanisch, Deutsch, Ukrainisch, Litauisch und Griechisch zu lauschen  und ich freue mich über die vielen Dialekte, welche die offizielle Sprache an Bord – Englisch – durchziehen. Meine Gäste sind unterschiedlich und in jedem Fall außergewöhnlich: manche von ihnen sind professionelle Seefahrer, die von der deutschen Reederei, bei der ich gechartert wurde, angestellt sind. Ihre Kompetenz und ihr Fleiß überrascht mich jedes Mal aufs Neue. Andere sind Ärzte, Krankenschwestern und andere Menschen aus dem medizinischen Bereich; sie haben die Fähigkeit, sich anderen zuzuwenden und sind unglaublich engagiert. Und dann gibt es noch das SAR-Team von dem jedes Mitglied eine andere Geschichte, einen anderen Grund an Bord zu sein hat. Sie repräsentieren die unterschiedlichsten Facetten von Humanität und doch sind sie durch zwei ganz besondere Gründe vereint, die mir besonders wichtig sind und die ich uneingeschränkt teile: ihr Wille, Menschen zu retten und ihre Liebe zum Meer. Untereinander schaffen sie eine Art von Gemeinschaft, die sich nur schwer in Worte fassen lässt und als deren Teil ich mich fühle. Es beeindruckt mich immer wieder aufs Neue, wie diese drei verschiedenen Menschengemeinschaften, aus denen meine Crew besteht, zu einem Ganzen zusammenwachsen, sobald sie eine Gruppe von Frauen und Männern dicht an dicht auf miserablen Schlauchbooten oder absurd kleinen Holzbooten entdecken.

Sobald eine Rettung ohne schreckliche Unfälle beendet ist, versuche ich mich so groß, wie möglich zu machen um alle Menschen willkommen zu heißen und es tut mir leid, dass ich ihnen nicht mehr als mein hartes Stahldeck und jedem ein bisschen mehr Platz und Privatsphäre anbieten kann. Doch ich bin froh zu wissen, dass ich für sie eine Oase inmitten der Wüste bin: wenn ich bemerke wie sie ruhig einschlafen, erinnert es mich an die Friedfertigkeit eines im Armes seiner Mutter einschlummernden Kindes. Und ich liebe es, wenn mein Deck unter den Klängen der Lieder und improvisierten Tänzen die den Dank am Leben zu sein ausdrücken,  förmlich vibriert. Es berührt mich, wenn die Kinder an Bord die Stifte in die Hand nehmen und mein Portrait zeichnen, ganz in orange, weiß und gelb – und dann noch einen Regenbogen genau über mir. Manchmal würde ich die Fahrt nach Italien gerne verlangsamen, die Ankunft herauszögern, um ihnen ein kleines bisschen mehr sorglose Zeit zu ermöglichen, bevor sie wieder mit der Realität konfrontiert werden. Und wie traurig macht es mich, wenn die roten Container, welche die weißen Leichensäcke mit den Körpern derer beherbergen, die es nicht geschafft haben, auf meinem Vorderdeck aufgebahrt werden. Dann versuche ich so schnell wie möglich die Küste zu erreichen, weil ich weiß, wie schmerzhaft dieser Anblick für alle ist.

Auch wenn es ein harter Job ist, einer, der gar nicht existieren sollte und der ganz im Gegenteil auch noch häufig achtlos kritisiert wird, fühle ich mich wie eine Ambulanz des Meeres, obschon es mir an Blitzlichtern und Sirenen mangelt. Jetzt bin ich ein glückliches Schiff und ich bin stolz auf das, was meine Crew und ich tun: wir retten Leben auf See!

 

Testimony: Benedetta Collini

Foto: Hara Kaminara