Logbuch #71: Viele sind der Annahme, dass Menschen, die „sichere“ Länder verlassen, automatisch Wirtschaftsmigranten sind und somit kein Recht auf Asyl haben“

Logbuch #71: Viele sind der Annahme, dass Menschen, die „sichere“ Länder verlassen, automatisch Wirtschaftsmigranten sind und somit kein Recht auf Asyl haben“

Noor kommt aus den Niederlanden und arbeitet an Bord für MSF als Humanitarian Affairs Officer. Ihre Arbeit umfasst, unter anderem, das Sammeln von Aussagen der Menschen die wir retten und „gefährdete Menschen für die italienischen Behörden und humanitäre Organisationen an Land zu kennzeichnen. Dazu gehören Opfer von Folter, sexueller Gewalt und des Menschenhandels. „

Die Zeugnisse, die sie sammelt, werden in erster Linie für Lobbyarbeit genutzt: „Lobbyarbeit gegenüber den europäischen Regierungen, gegenüber den Regierungen der Herkunftsländer, gegenüber den libyschen Behörden und gegenüber anderen humanitären Organisationen, um Veränderungen zu bewirken und die humanitäre Hilfe und den Schutz der Menschen auf allen Schritten ihrer Flucht. Das bedeutet in ihren Herkunftsländern, auf der Flucht, in Libyen und sobald sie in Italien ankommen.“

Sie berichtet dass, „wenn die Leute zuerst an Bord ankommen, geben wir ihnen in der Regel ein paar Stunden, um sich anzupassen, oder sogar einen Tag, um einfach nur aufzuatmen und zu realisieren, dass sie in Sicherheit sind. Manche Leute kommen aktiv auf dich zu und wollen ihre ganze Geschichte erzählen, um sie loszuwerden. Manche Leute nehmen sich Zeit, um sich anzunähern, und andere wollen noch nicht oder überhaupt nicht darüber sprechen.“ Während ihrer Interviews versucht Noor herauszufinden, „warum die Leute fliehen, was sie über die Route wissen, bevor sie sich auf den Weg begeben, was auf der Flucht und vor allem, was in Libyen passiert. Wir versuchen auch mehr über die Situation in den Haftlagern und den informellen Haftanstalten rauszufinden. Wir versuchen eine Vorstellung davon zu bekommen, was diese Leute durchmachen, damit wir uns bestmöglich für sie einsetzen können.“

Noor erzählt uns, dass „die Menschen von sehr ähnlichen Mustern des Missbrauch entlang der Fluchtroute berichten. In Libyen gibt es einen Kreislauf des Missbrauchs, von dem fast jeder spricht, wo die Leute grundsätzlich entweder in einer Haftanstalt, in einem Gefängnis, in einem Holdinghaus oder informeller Gefangenschaft sind. Manchmal auch sind sie vor Angst in ihrem eigenen Haus eingesperrt. Aus Angst an einem dieser Orte gefangen gehalten zu werden.“ Die Situation in Libyen sei so unsicher, dass es unmöglich sei ein Taxi zu nehmen, in einen zu Supermarkt gehen, auf die Straße zu gehen und man in ständiger Angst lebe verhaftet zu werden oder von jemandem mit einer Waffe gefangen genommen zu werden: „Die Leute sprechen oft davon, dass überall in Libyen Waffen sind. Jeder eine Waffe besitzt.“ Von Libyen und den Haftzentren sagt sie, dass „sie an Orte gebracht werden, wo sie gefoltert werden. Die Menschen erhalten nur sehr wenig Nahrung und Wasser, die Lager sind überfüllt, es gibt schlechte sanitäre Einrichtungen, und die Leute werden von diesen Orten aus gekauft und verkauft und dann wieder an einen anderen Ort innerhalb dieses Teufelskreises des Missbrauchs gebracht. Es ist ein Teufelskreis in dem Menschen zwischen diesen verschiedenen Orten hin und her verschleppt werden. Gekauft und verkauft, gekauft und verkauft. Viele von ihnen müssen auch Lösegeld bezahlen, was auch durch das Anrufen von Familienangehörigen erzielt werden kann. Sie sagen uns, dass sie über Handys oder sogar über Skype gefoltert werden, um Geld von ihren Familien zu bekommen.“ Dies scheint besonders bei Menschen aus Bangladesch der Fall zu sein: „Sie sagen uns, dass ihre Familien ihr ganzes Eigentum verkaufen müssen, zusätzliche Kredite aufnehmen, um für das Lösegeld aufzukommen.“ So sind es nicht nur die Menschen in Libyen, die von dieser Gewalt betroffen sind, sondern „auch ihre Familien in den Herkunftsländern.“

Die Reise aus Libyen geht gewöhnlich weiter, „wenn die Leute auf ein Boot kommen, manchmal sogar gegen ihren Willen. In einigen Fällen werden Menschen von Schmugglern, Menschenhändlern oder Privatpersonen dazu gezwungen.“ Manche werden gerettet, manche sind für immer verloren und manche werden von der libyschen Küstenwache oder anderen nicht identifizierbaren Schiffen abgefangen, in diesen Fällen wurde Noor berichtet, dass „sie nach Libyen zurückgebracht werden und dort angeblich direkt in die Haftanstalten zurückgebracht werden.“ Als ich sie frage, ob sie eine Idee hat, warum die Leute gegen ihre Wünsche auf Boote gesetzt werden, sagt sie, es wäre reine Spekulation. „Wir wissen, dass viele Frauen Opfer des Menschenhandels sind und nach Italien geschickt werden und dort direkt in die europäischen Prostitutionskreise gelangen. Für andere ist das Einzige was wir wissen, dass das Meer der einzige Ausweg ist. Die Leute sagen uns, dass es auf Land oder auf dem Luftweg unmöglich ist. Natürlich setzen wir uns hier nur mit einer begrenzte Gruppe von Menschen auseinander, die in ihrer Erfahrung voreingenommen sind, da wir sie alle auf See antreffen. Trotzdem sagen viele auch andere Fluchtwege ausprobiert zu haben und, dass am Ende die einzige Option die über das Meer geblieben sei.“

Noor ist schon zwei Monate an Bord und hat eine ganze Reihe an Interviews geführt und hunderte von Menschen getroffen. Also frage ich sie, was für sie am positivsten aber auch was am schwierigsten ist während ihrer Zeit hier auf der Aquarius.

Sie sagt bereichernd sei es definitiv gewesen „zu sehen wie die Menschen sich während der 48 oder 72 Stunden die wir mit ihnen haben verändern. Sie öffnen sich ein wenig und merken langsam, dass dies das Ende ihrer Reise ist, zumindest fühlt es sich so für sie an. Das ist ein wirklich schöner Moment, dass wir Teil davon sind.“ Gleichzeitig ist das aber auch der schwierige Teil für sie, da „sie tanzen, sie singen und sie denken, dass es das jetzt war und das einzige an das ich denken kann, ist, dass sie jetzt den europäischen Asylprozess starten, der lang ist und psychisch sehr anstrengend sein kann. Es ist schwer dies mit anzusehen und zu wissen, dass ein weiterer großer Teil der Reise erst jetzt beginnt. Und für die gehandelten Frauen ist es noch lange nicht vorbei.“

Ein weiterer Aspekt, der ihr auffällt, sind „die Unterschiede, die die politischen Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit zwischen Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten ziehen. Viele sind der Annahme, dass Menschen, die „sichere“ Länder verlassen, automatisch Wirtschaftsmigranten sind und somit kein Recht auf Asyl haben. Das Problem ist, dass viele Menschen aus „sicheren“ Ländern auch vor Gewalt oder Verfolgung fliehen. Aber meistens ist das Problem, dass Wirtschaftsmigranten Opfer des Menschenhandels, der Folter und der sexuellen Gewalt auf ihrem Weg oder in Libyen werden können, was ihnen das Recht auf eine Form des internationalen Schutzes gibt. Es muss also erkannt werden, dass diese Rechtskategorien verschwommen sind und dass jeder Mensch es verdient, seinen Antrag individuell prüfen zu lassen, um sicherzustellen, dass sie die notwendigen Schutz an Land erhalten. Ein 16-jähriger marokkanischer Junge kann nicht automatisch in die Rechtskategorie „Wirtschaftsmigrant“ gesteckt. Warum? Weil dies seine Geschichte sein könnte:

,Sie drohten, meine Mutter und meine Schwester zu vergewaltigen, wenn ich sie nicht mich hätte vergewaltigen lassen. Als ich endlich freigelassen wurde, konnte ich nach fünf Monaten ununterbrochener Folter und Vergewaltigung nicht in mein normales Leben zurückkehren. Ich habe meiner Familie nur gesagt, dass ich entführt worden war. Ich habe ihnen nicht gesagt, was sie mir angetan haben. Ich bin nach Europa aufgebrochen, um Arbeit zu finden und hoffentlich meine Mutter und Schwester hierher zu bringen, wo sie sicher sein können. Ich fürchte mich für sie´ “ (M, 16, Marokko, 05/05/2017).

Schließlich teilt Noor mir eine der Geschichten mit, die sie sehr getroffen hat. Diese Geschichte ist nicht ungewöhnlich unter den vielen Frauen, die Noor auf der Aquarius interviewt hat. Sie sagt, dass einer Anzahl von ihnen „bewusst ist, was auf sie zukommt, bevor sie diese Reise auf sich nehmen. Nicht im Detail natürlich, aber sie haben davon gehört. Und so nehmen sie einspritzbare Verhütungsmittel, bevor sie sich auf den Weg machen, in der Erwartung vergewaltigt zu werden. Für mich zeigt dies, dass es nicht unbedingt ein Problem der Information und der fehlenden Aufklärung ist, aber eine echte Verzweiflung weg zu kommen. Die Leute sind sich dessen bewusst, was passieren könnte und sind immer noch bereit, dieses Risiko einzugehen. In der Hoffnung auf ein etwas besseres Leben. „

Text: Noor

Übersetzung: Lea Main-Klingst