Logbuch #67: „Es fühlt sich gut an unser Schiff auf See zu haben. Wir setzen unsere Worte in Taten um.“

Logbuch #67: „Es fühlt sich gut an unser Schiff auf See zu haben. Wir setzen unsere Worte in Taten um.“

Ich heiße Anthony, ich bin 35 Jahre alt und komme aus Korsika, Frankreich. Mit 16 Jahren wurde ich Mitglied der französischen Marine und arbeitete dort 15 Jahre. Zuletzt war ich Kapitän eines Rettungsbootes im Süden Frankreichs. Dies ist mein zweites Mal an Bord der Aquarius als RHIB-Fahrer, mein Spezialgebiet.

Mein erster Rettungseinsatz mit der Aquarius war sehr einschneidend, denn es war Winter und sehr kalt. Es war mitten in der Nacht und es hat stark geregnet. Wir trafen auf drei Holzboote in Not. Wie man sich vorstellen kann, nicht die besten Konditionen für eine Rettung. Es hat lange gedauert bis alle in Sicherheit waren. Und das erste was mir auffiel war der Geruch. Ein spezieller Geruch. Wenn du das erste Mal an Bord der Aquarius gehst, hast du vielleicht eine Vorstellung was auf dich zukommt. Vermutlich denkst du, “Das wird alles kein Problem für mich.” Du überprüfst die Boote, triffst das Team an Bord, lernst die Geschichte des Schiffes und die Geschichte von SOS MEDITERRANEE kennen. Vermutlich hast du Bilder der Rettungseinsätze gesehen, du kennst die Regeln des Schiffes und so weiter. Aber glaub mir: du bist überhaupt gar nicht vorbereitet.

In meinem alten Job haben wir sehr oft Rettungseinsätze durchgeführt, aber es war nicht die gleiche Art von Einsätzen. Es waren keine Massen-Rettungen. Mit der Aquarius haben wir 200, vielleicht 500 Leute zu bergen. In meinem vorherigen Job trafen wir auf vielleicht drei Leute in Not, maximal fünf. Auf der Aquarius bist du froh, wenn du mal nur 100 Leute zu bergen hast.

Meine erste Erinnerung war also dieser spezielle Geruch. Denn man riecht Haut und Haut hat einen ganz eigenen Geruch. Und der ist sehr besonders. Und genau dieser Geruch wird für den Rest meines Lebens in meiner Nase und meinem Kopf bleiben, dass weiß ich mit Sicherheit. Natürlich hatten wir danach noch viele weitere Rettungseinsätze, aber den ersten wirst du immer im Gedächtnis behalten. Die anderen nicht unbedingt. Meine erste Leiche bleibt, mein erster Rettungseinsatz bleibt. Ich kann dir nicht einmal sagen wie viele Rettungseinsätze ich auf der Aquarius miterlebt habe, vielleicht 10, 11 oder 12. Ich weiß es nicht genau. Große Rettungseinsätze, kleine Rettungseinsätze, aber nach dem ersten ist es der gleiche Job. Du bringst das RHIB 2 zu dem in Seenot geratenen Boot, stellst den ersten Kontakt her, sprichst mit den Leuten, sorgst dafür, dass sie ruhig bleiben. Es gibt einen Notfallplan, für den Fall, dass einige Menschen bereits im Wasser sind. Aber es ist mehr oder weniger immer der gleiche Job.

Für mich ist die Aquarius meine Hoffnung. Denn für mich ist es nicht einfach nur ein Team, es ist eine Familie. Der Kapitän, Tongue, und all die anderen. Die gleichen Gesichter zu sehen ist wie nach Hause zu kommen. Und wenn mein Einsatz an Bord zu Ende geht, fahre ich nach Hause und packe meine Tasche aus. Aber am übernächsten Tag packe ich sie erneut, denn wenn SOS MEDITERRANEE anruft bin ich bereit. Es ist mir wichtig diesen Ausblick zu haben. Die Aquarius. Mein derzeitiger Vertrag wird im Juni enden aber im September komme ich zurück an Bord. Es ist meine Pflicht. Es geht mir nicht um die Bezahlung, denn wir werden nicht wirklich bezahlt. Es geht auch nicht um den Spaß, denn glaub mir, es ist wirklich kein Spaß. Ich tue es um mich immer weiter zu steigern. Ich kann mehr Erfahrung haben, für die Menschen und für mich. Es ist sehr wichtig für mich diesen Kontakt mit dem Boot zu haben.

Einerseits hoffe ich immer, dass es für mich keinen Grund gibt zurückzukommen, da wir nicht weiter gebraucht werden. Keine Menschen ertrinken mehr und die Aquarius hat somit ihre Mission erfüllt. Das wäre perfekt. Ich hoffe aber, dass ich so lange wie möglich an Bord bleiben kann.

Meine wichtigste Erinnerung an Bord war am Ende eines Rettungseinsatzes. Ich steuerte das RHIB 2 und ein Mann an Bord kam auf mich zu und fragte mich auf französisch: „Kann ich Sie etwas fragen bitte?“ Ich antwortete: „Ja sicher, was denn?“ Er sagte: „Ihren Namen bitte?“ Und ich sagte: „Anthony. Warum möchten Sie das wissen?“ Er sagte: „Es ist nicht wegen mir, sondern wegen meiner Frau.“ Ich habe es nicht verstanden. Dann kam seine Frau auf das Boot, sie sprach ebenfalls französisch und erklärte mir: „Ich bin schwanger. Und Sie waren das erste Gesicht das ich auf dem kleinen Boot sah, das kam um uns zu retten. Ich sah Ihr Gesicht, Ihr Lächeln und jetzt bin ich in Sicherheit. Und ich wollte Ihren Namen wissen, denn wenn mein Kind ein Junge wird, werde ich ihn Anthony nennen. Wenn es ein Mädchen wird, wird sie Antonia heißen.“

Für mich ist das die beste Erinnerung an meine Zeit auf der Aquarius. Denn es ist mehr als Danke sagen. Dankbar sein ist wichtig, aber dafür bin ich nicht hier. Aber dieser Moment war anders. Wenn ich jetzt daran denke, dass es an Land einen kleinen Anthony oder eine kleine Antonia gibt; er oder sie existiert, weil es die Aquarius gibt. Das bin nicht nur ich, nicht nur das SAR-Team, sondern alle die hier arbeiten. Für mich ist es ein Aquarius Baby. Wenn es die Aquarius nicht gäbe, wäre das Baby tot. Seine oder ihre Mutter wäre tot, sein oder ihr Vater wäre tot. Nur allein deshalb ist die Aquarius für mich perfekt. Ein Leben zu retten ist schon wundervoll. Aber die Aquarius hat womöglich 10.000 Leben oder mehr gerettet. Es ist einfach unglaublich.

Das Team, diese Männer und Frauen sind einfach unglaublich. In Frankreich bekommen einige Sänger eine Ehrenmedaille für ihren Dienst an die Nation. Ich denke, es wäre gut eine Medaille an jeden im Team zu geben, denn wir retten Leben. Es fühlt sich gut an unser Schiff auf See zu haben. Wir setzen unsere Worte in Taten um. Das ist gut.

Übersetzung: Juliane Kraus