LOGBUCH #64: Boat people – wenn Geschichte sich wiederholt

LOGBUCH #64: Boat people – wenn Geschichte sich wiederholt

Die schwüle Hitze liegt schwer wie ein dickes Tuch über dem südchinesischen Meer.

Es sind jetzt vier Stunden vergangen, seitdem der Fotograf Patrick den Horizont beobachtet. In den frühen Morgenstunden erscheint ein kleiner grauer Punkt, der sich scharf vom ansonsten einheitlichen Horizont abzeichnet. Das Schiff Mary, von einem reichen, französischen Unternehmer namens Monsieur Gilles gechartert, hält auf den Punkt zu. Der Punkt ist ein Fischerboot. Sein hölzerner Rumpf hat schon bessere Tage gesehen. An Bord sind 48 Menschen, die meisten davon Frauen und Kinder.

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Es ist ein warmer Tag auf dem Mittelmeer, in der Nähe der lybischen Küste. Die See ist ruhig, als der Kapitän der Aquarius den Alarm auslöst. Ein Notrufsignal wurde empfangen. Minuten später erscheint ein kleiner Piepton auf dem Radarbildschirm. Ab jetzt ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. Das kleine Signal auf dem Radar muss erst mit dem Fernglas ausgemacht werden, um zu bestätigen, dass es sich wirklich um ein Schiff handelt. Da ist es. Die 70 Meter lange Aquarius eilt zur Rettung.

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Patrick hält die Hand eines 10-jährigen Jungen. Sein Körper ist aufgrund der Mangelernährung geschwächt. Jetzt, da der Junge in Sicherheit ist, wird auch der Rest seiner Familie gerettet. Viele Frauen haben Schmutz im Gesicht und verstecken sich unter dreckigen Decken. Dies alles um nicht von Piraten vergewaltigt zu werden. An Bord der Mary brechen die Flüchtlinge zusammen, manche weinen, andere beten. Viele haben nicht mal dafür noch die Kraft. Die Freiwilligen der französischen Vereinigung „Partage“ und „Médecins du Monde“ verteilen Wasser, Nahrung und saubere Kleidung. Diejenigen, die dem Horror entkommen sind, werden einen Monat lang auf Deck schlafen, bevor sie zu einem Flüchtlingscamp an Land gebracht werden. Die, die Glück haben, werden nach Puerto Princesa auf den Philippinen gebracht. Die weniger Glücklichen gehen nach Hong Kong oder Singapur, wo sie monatelang auf ein Visum warten müssen.

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Zurück zur lybischen Küste. Niemand weiß genau, wie viele Personen sich zusammengepfercht auf dem Schlauchboot befinden. Das Seerettungsteam der Aquarius nähert sich dem kleinen Boot: „Bleibt ruhig!“ rufen sie immer wieder, um die entsetzen Seelen an Bord des Schlauchbootes zu beruhigen. Es ist von höchster Wichtigkeit, dass alle Ruhe bewahren. Eine Panik an Bord des überfüllten Schlauchbootes wäre eine Katastrophe. Rettungswesten werden verteilt, da die meisten nicht schwimmen können. An Bord der Aquarius erhalten die Geretteten eine „Survival bag“. Jetzt, nach dieser schrecklichen Odyssee, ist es Zeit für die Grundbedürfnisse: Trinken, Essen, reden. Überall hängen Schilder an Bord der Aquarius: „Wenn Sie Opfer von Gewalt oder Vergewaltigung geworden sind, können wir Ihnen Unterstützung anbieten“. Da sie aus Subsahara-Afrika, Bangladesch oder dem mittleren Osten kommen, wird es für viele der Geretteten in einigen Stunden das erste Mal sein, dass sie einen Fuß auf europäischen Boden setzen. Von da aus trennen sich wieder ihre Wege. Nur etwa 60% von Ihnen werden den Flüchtlingsstatus erhalten.

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Als Saigon 1975 fiel, war der Norden in Südvietnam einmarschiert. Hunderttausende Familien fragten sich entsetzt, was mit ihnen geschehen würde. Um der bevorstehenden Verfolgung durch die kommunistischen Truppen zu entkommen, entschieden sich viele über das Meer zu fliehen und wurden als „boat people“ bekannt.  Eine humanitäre Krise, die Empörung bei den französischen Intellektuellen hervorrief. Jean-Paul Sartre, der Frieden schloß mit Raymond Aron. 1979 werden diese beiden Denker in den Élysée-Palast eingeladen und setzen sich für eine politische Lösung der humanitären Krise ein. Patrick, der junge Fotograf ist zu diesem Zeitpunkt gerade 22 Jahre alt.

35 Jahre später hat sich Patrick nur kaum verändert. Er hat etwas an Gewicht zugelegt und sein Haar ist grau geworden. Er war Teil des ersten Rettungseinsatzes der Aquarius am 7. März 2016. „Nichts hat sich geändert“. Nur, dass es diesmal das Mittelmeer ist, über das Männer, Frauen und Kinder den Gräueln des Krieges zu entfliehen versuchen. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben die Menschen ihre gesamten Ersparnisse auf, um einen winzigen Platz auf einem kaum seetüchtigen Boot zu bekommen.

Aber in Krisenzeiten schließen sich die Grenzen und nationalistische Tendenzen überwiegen die humanitären Impulse der Solidarität. Man kann nur wiederholen, was viele schon unzählige Male gehört haben und die meisten nicht mehr hören wollen: Dass die Arbeit von Organisationen wie SOS MEDITERRANEE essentiell ist. Boat people sind keine Erscheinung der Vergangenheit. Es gibt sie auch heute. Schon 1979 war Jean-Paul Sartre empört genug zu sagen: „Dies sind Menschen in Lebensgefahr und es sind diese Menschen, denen man helfen muss, da sie Menschen sind!“.

Text von Perrine Baglan.
Bilder von Patrick Bar.