Logbuch #62: Kein Durchatmen

Logbuch #62: Kein Durchatmen

Unsere erste Rettung hatten wir gestern Morgen, Mittwoch den 22. Februar 2017 um 8.00 Uhr. Unser Kapitän hatte ein graues Gummiboot entdeckt. Aus der Entfernung konnten wir bereits erkennen, dass das Schlauchboot noch in einem passablen Zustand zu sein schien, einige Passagiere trugen sogar Rettungswesten. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise treffen wir die Flüchtenden ohne Rettungswesten an – meist sogar ohne Schuhe. Eine knappe Stunde später wurden beide Beiboote ins Wasser gelassen, um den Erstkontakt mit den Menschen auf dem Schlauchboot aufzunehmen und bald danach mit der Verteilung der Rettungswesten zu beginnen. Die Rettung verlief ohne Probleme, unter guten Wetterbedingungen mit fast keinem Wind oder Wellen. Das sah die letzten Monate und Wochen noch anders aus. Starker Wind und Unwetter hatten unsere Einsätze in letzter Zeit begleitet und erschwert.

Keine zwei Stunden nachdem wir das Schlauchboot entdeckt haben, waren die 90 Geretteten bereits sicher an Bord der Aquarius. Die meisten kamen aus Bangladesch. Einer von ihnen erzählte:

„Wir kommen aus Bangladesch, aber wir arbeiten schon seit vier Jahren in Tripolis. Mittlerweile ist es in Libyen zu gefährlich. Das Problem für uns in Libyen ist nicht die Arbeit, das Problem ist Sicherheit, die Situation ist wirklich sehr, sehr schlecht.“

Das war allerdings erst der Anfang. Drei weitere Einsätze sollten folgen. Kurz darauf erhielten wir einen Anruf von der Rettungsleitstelle in Rom, die uns zu einem weiteren grauen Gummiboot dirigierte. Auch hier konnte unsere Crew alle 45 Passagiere schnell und sicher an Bord bringen.

Wenig später der nächste Notruf, der uns zu zwei weiteren Schlauchbooten führte. Auch hier Erstkontakt mit den beiden Booten, sich eine Übersicht über etwaige Notfälle verschaffen, Rettungswesten verteilen. Erst an das eine, dann an das andere Boot. Der Einsatz dauerte fast zwei Stunden, lief aber reibungslos Dank der Hilfsbereitschaft der Geflüchteten, die sich immer wieder gegenseitig Mut zusprachen. 258 Menschen haben wir von diesen seeuntauglichen Schlauchbooten an Bord in Sicherheit gebracht.

Wieder erzählten die Geretteten traumatische Geschichten aus Libyen, die alle ein ähnliches Bild von systematischer Gewalt ageben:

 „Ich habe 7 Monate und 3 Wochen in Libyen verbracht. Die Situation dort ist wirklich schlecht, du kannst es hier an meinem Hals sehen, es ist eine Messerstichwunde. Sie wollten mein Geld. Und hier mein Kiefer, siehst du? Sie habe mich mit einer Kalaschnikow geschlagen. Egal was du hast, die Libyer werden es dir wegnehmen, sie berauben dich, sie drohen dich zu töten. Und wenn du kein Geld hast, entführen sie dich,“ sagt Issouf aus Gambia.

Der italienischen Küstenwache zufolge wurden gestern insgesamt 730 Personen auf der zentralen Mittelmeerroute zwischen Libyen und Italien gerettet. 394 von ihnen befinden sich nun in Sicherheit an Bord der Aquarius. Jeder Rettungsfall hat eine Nummer, unsere letzte Operation heute Nachmittag war SAR CASE 181, was bedeutet, dass es der einhunderteinundachtzigste Rettungseinsatz im Mittelmeer in den ersten 53 Tagen dieses Jahres war. 181 Boote, mit denen Menschen versuchen, der Gewalt in Libyen zu entkommen. Wie viele es nicht geschafft haben und niemals gefunden werden, wir werden es nie erfahren.

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Text: Lea Main-Klingst
Foto: Marco Panzetti