Logbuch #61: „Irgendwo da draußen auf dem dunklen Meer sind Männer und vielleicht auch Frauen und Kinder verloren“

Logbuch #61: „Irgendwo da draußen auf dem dunklen Meer sind Männer und vielleicht auch Frauen und Kinder verloren“

Bertrand Thibault, 42, stammt aus Südfrankreich und befindet sich schon zum zweiten Mal an Bord der Aquarius. Seit seiner Kindheit ist er begeisterter Segler. Nach einer Karriere im Event- und Tourismusmanagement hat er seinen Beruf vor vier Jahren an den Nagel gehängt und beschlossen, wieder zur See zu fahren. Bei SOS Méditerranée kann er seine Leidenschaft für das Meer und sein humanitäres Engagement miteinander verbinden. In diesem Logbucheintrag hält er seine Eindrücke fest.

Freitag 3. Februar
Mitternacht.
Der Tag geht zu Ende, heute zwei Rettungseinsätze.
Eine bei Sonnenaufgang, die andere bei Sonnenuntergang.
Viele unbegleitete Kinder und Frauen mit Säuglingen.
Heute Abend drei Stunden lang ununterbrochen mit dem Fernglas in die Dunkelheit hinausgestarrt. Ich habe keine Ringe unter den müden Augen, sondern den Abdruck des Fernglases.
Seit dem Nachmittag suchen wir ein Holzboot.
Man sieht fast nichts.
Kein Mond, nur Nebel, der die Sicht behindert.
Die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Boot rammen, ist größer, als dass wir es am Horizont entdecken.
Das ist die große Angst des Kapitäns.
Angespannte Stimmung.
Irgendwo da draußen auf dem dunklen Meer sind Männer und vielleicht auch Frauen und Kinder verloren …
Hin und her geworfen von den Wellen auf ein paar morschen Planken.
Ich stelle mir ihre Angst vor.
Keine Zeugen.
Ganz gleich was passiert.
Ob sie leben oder sterben.
Woran halten sie sich in diesem Moment fest, was gibt ihnen Zuversicht?
Ein Licht in der Ferne, ein Geräusch, eine Hoffnung, ein hypothetischer Gott?
Zwei Stunden Schlaf.
Um drei Uhr morgens der nächste Rettungseinsatz.
Später drei weitere Schlauchboote.
Gerettet nach Sonnenaufgang und vor dem Mittag.
Und schließlich das Holzboot, das wir seit dem Vortag suchen.
Dreißig Menschen auf ein paar morschen Planken, fünf bis sechs Meter lang.
Ein Säugling, Kinder, Frauen und viele Männer, ein sehr alter Mann.
Später erfahren wir: Einige von ihnen sind Palästinenser, die ihr Land noch nie gesehen haben.
Ihre Familien sind vor langer Zeit nach Syrien geflohen, wegen des Kriegs lebten sie in den letzten Jahren in einem Flüchtlingslager im Libanon.
Überleben zwischen den Fronten zweier Kriege.
Den Bomben entfliehen, nicht mehr Nacht für Nacht Angst um das eigene Leben haben müssen, wir wollen, dass unsere Kinder draußen spielen können wie jedes normale Kind.
Das sind die Gründe für ihre Flucht, die die Familienväter mir nennen.
Doch die Erklärungen kommen später.
Erst einmal geht es um die Rettung.
Das Holzboot schwankt und droht zu kentern, sobald einer der Passagiere aufsteht, um an Bord zu kommen.
Die Anspannung ist groß.
Eine Mutter sieht mir in die Augen und fragt weinend nach ihrem Baby.
Ein Baby? Welches Baby?
Wir sehen kein Baby! Wir sehen es nicht!
Wo ist es?
Nach kurzer Panik finden wir es in den Armen seines Vaters.
Die Kinder weinen verängstigt.
Ein Mann weint vor Erleichterung, er betet und bedankt sich immer wieder bei uns.
Wir bringen die ersten Frauen, Kinder und Säuglinge an Bord der Aquarius.
Zum ersten Mal seit sechsunddreißig Stunden überwältigen mich meine Gefühle.
Ich verstecke sie nicht.
Einige Stunden später sind achthundert Menschen wohlbehalten an Bord der Aquarius.
Auf dem Weg in eine neue Welt, eine Welt der Hoffnung, von der sie lange geträumt haben.
Sie lächeln.
Sie sind froh, am Leben zu sein.
Wir auch.

„Wenn die Freude
Dir Tränen
in die Augen treibt
Weil die Seele weint
Lächelst du
Dem Leben zu
Betest du
Für deine Brüder und Schwestern
Lachst du
Mit dem einsamen Mann
Der vor Freude weint.“

Aus dem Französischen von Martina Clouzeau und Sonja Finck
Photo: Federica Mameli