Logbuch #60: „Du hast keine Wahl: Du musst dein Bestes geben.“

Logbuch #60: „Du hast keine Wahl: Du musst dein Bestes geben.“

Fleur Le Derff ist 26 Jahre alt und arbeitet normalerweise auf einer Ärmelkanal-Fähre. Anfang Januar hat sich die gebürtige Bretonin sechs Wochen frei genommen, um das Team von SOS Méditerranée an Bord der Aquarius zu unterstützen. Während das Schiff in der Rettungszone patrouilliert, schildert Fleur die extrem emotionalen Szenen, die sie auf dem Mittelmeer erlebt.

Es ist halb vier Uhr morgens. Um dich herum das dunkle Meer, scheinbar friedlich, das dich sanft hin und her schaukelt. In deinem Rücken Scheinwerfer, die das Abenteuer Menschlichkeit in helles Licht tauchen. Vor dir Menschen in einem Schlauchboot, weinende Säuglinge. Sie sind erst wenige Monate alt und haben über zwölf Stunden in dem viel zu kleinen Boot verbracht. Für die Erwachsenen kostet die Überfahrt ein paar tausend Euro. Eine zynische Stimme in deinem Kopf fragt, ob es für Kleinkinder Rabatt gibt.

Max ruft, man solle ihm die Kinder zuerst herüberreichen. Sie verschwinden fast in den viel zu großen Rettungswesten, die man ihnen übergezogen hat. Du stellst dir vor, sie würden dir aus der Hand rutschen, und zurückbliebe nur die leere Schwimmweste, ihr Geist und deine Unfähigkeit. Du stellst es dir vor bis dir die Tränden in die Augen schießen, quälst dich mit diesem Gedanken – jetzt bist du bereit. Das ist die einzige Methode, die du bisher entwickelt hast. Du hast keine Wahl: Du musst dein Bestes geben.

Die Menschen drängen sich dicht an dicht in unserem Rettungsboot. Wie Kinder bei einem Schulausflug. Du hältst ein Baby im Arm, während sich ältere Kinder an deine Arme und Beine klammern. Du musst warten, bis die Mütter dich befreien. Du wünschtest, sie würden sich auch um die anderen Kinder kümmern. Aber nein: Nur die eigene Tochter, der eigene Sohn zählt. Wenn sie ihr Kind in die Arme schließen, ist ihre Welt für einen kurzen Augenblick wieder in Ordnung. Deine Welt bleibt dunkel.

Dann erreichst du die Aquarius, die Menschen klettern an Bord. Du fährst zurück zu dem Schlauchboot, dort warten noch einige Frauen und Kinder und Hunderte von Männern auf euch. Die Männer verhalten sich ruhiger als sonst. Die Kinder rufen ihnen in Erinnerung, wer sie sind. Der unbändige Überlebenswille der Kleinen bringt sie zur Vernunft.

Als Nächstes werden die Schwangeren geholt. Ihre Bäuche sind so prall, als stünden sie kurz vor der Niederkunft. Manche Frauen sind so schwach, dass sie sich nicht mehr auf den Beinen halten können. Sie sinken dir in die Arme oder lassen sich einfach auf den Boden des Rettungsboots fallen. Tränen laufen ihnen über das Gesicht, sie können nicht einmal mehr Erleichterung spüren. Dann sind die Männer an der Reihe. Manche wirken in sich gekehrt, andere beginnen zu beten, wieder andere brechen in irres Gelächter aus oder haben ein Lächeln auf dem Gesicht, das du nicht verstehst.

Die Stunden vergehen, der Tag bricht an. Weitere Boote kommen in Sicht. Du stehst an Deck der Aquarius und hilfst immer neuen Menschen an Bord. Einer Frau versagen die Beine, als du sie in Empfang nimmst. Ein Mann sinkt auf die Knie, beginnt zu beten und versperrt anderen den Weg. Andere stoßen Jubelschreie aus, die dir in den Ohren wehtun. Manche wollen sofort eine Zigarette rauchen, was du nicht verstehen kannst. Du verstehst gar nichts, du machst einfach weiter, um nicht nachdenken zu müssen. Du bist weit weg von all dem. Du streckst den Menschen deine Hand hin, aber du bleibst seelisch auf Abstand. Nichts von all dem kommt dir real vor. Es kann dich nicht erreichen. Nicht die zerrissene Kleidung der Menschen. Nicht ihr Körpergeruch. Nicht das Grauen, das sie durchlebt haben. Nicht ihre langsamen Bewegungen. Und noch viel weniger ihr Leiden und deine begrenzten Mittel.

Später, als alle Menschen in Sicherheit sind, müsst ihr die Schlauchboote zerstören. Du stehst an Deck der Aquarius. Max und Tanguy lösen den Außenborder von der Rückwand. Dann lassen sie ihn ins Mittelmeer gleiten und durchstechen die Luftkammern. Du denkst an den Motor. Du sagst dir, dass du nicht gleich zugestochen hättest. Du hättest erst noch zugesehen, wie er langsam im blauen Wasser versinkt.

Text: Fleur Le Derff
Fotos: Federica Mameli
Übersetzung aus dem Französischen: Charlotte Bolwin und Sonja Finck