Logbuch #59: „Wir hatten großes Glück“

Logbuch #59: „Wir hatten großes Glück“

„Wir hatten großes Glück!“. Diesen Satz höre ich immer wieder an diesem frühen Nachmittag des 3. Februar während das SAR-Team eine kurze Pause auf den Seitenflügeln der Brücke einlegt. Die zwei RHIBs sind soeben zurückgekehrt und somit geht der 7. Rettungseinsatz in zwei Tagen zu Ende. Ich werfe einen raschen Blick auf das Logbuch des Kapitäns. 786 Personen sind jetzt sicher an Bord. Wir haben seit 36 Stunden nicht geschlafen, wir haben fast 800 Gäste um die wir uns kümmern müssen, die doppelte Kapazität, die ursprünglich für die Aquarius geplant war. Aber ja, wir hatten Glück.

Glück, dass wir die sieben Boote in Seenot rechtzeitig gefunden haben, besonders das eine, das wir die ganze Nacht in tiefster Dunkelheit gesucht hatten.

Glück, dass die Boote noch kein Leck hatten.

Glück, dass die Menschen auf den Booten ruhig blieben und nicht aus Angst in das dunkle, kalte Wasser gesprungen sind.

Glück, dass der Treibstoff nicht in das Innere der Boote gelangt ist und keine schweren Verbrennungen an den nackten Füßen und Beinen verursacht hat.

Glück, dass die Wellen nicht zu hoch waren und wir so alle Menschen sicher auf die Rettungsboote ziehen konnten.

Glück, dass wir keine erdrückten Leichen auf dem hölzernen Boden der Gummibootes gefunden haben.

Glück, dass wir genug Arme auf dem Rettungsboot hatten, die all die Babys halten konnten.

Glück, dass wir keine Notfallsituation ausrufen und keine bewusstlose Personen wiederbeleben mussten.

Glück, dass- obwohl es Februar war- die Sonne schien und unsere Körper und Seelen gewärmt hat.

Glück, dass es nicht geregnet hat und unsere Gäste nicht in ihren nassen Kleidern im kalten Wind frieren mussten.

Glück, dass das Schnellboot der maltesischen Küstenwache rechtzeitig zum Schiff gelangen konnte und den Notfalltransport einer schwangeren Frau übernahm, damit sie für die Geburt ins Krankenhaus gebracht werden konnte.

Glück, dass wir genug Nahrung für unsere 800 Gäste hatten.

Glück, dass sie uns halfen den Reis zu kochen und Brot und Tee zu verteilen.

Glück, dass wir alle sicher nach 32 Stunden am Hafen von Augusta im Süden Siziliens ankamen.

Glück, dass wir all die 786 Menschen kennenlernen durften und ihr Vertrauen gewinnen konnten, nach allem was sie in Libyen durchmachen mussten.

Glück, dass wir die ersten Schritte eines der drei geretteten Babys miterleben durften.

Glück, dass wir die Freude in den Augen der zwei Brüder sehen konnten, die mit 12 und 14 Jahren ganz alleine unterwegs sind, als sie das erste Mal den schneebedeckten Ätna durch die Bullaugen der Aquarius sehen konnten.

Am gleichen Tag, während wir allein auf See waren, drei Boote gleichzeitig retteten und 800 Menschen sicher an Bord der Aquarius bringen konnten, waren die Führungskräfte der EU auf einer Insel nicht weit von uns entfernt und unterzeichneten die Malta Deklaration, die dafür sorgen soll Migranten bei der Überquerung des Mittelmeeres zu stoppen, indem sie zurück nach Libyen gedrängt werden.

In dieser sehr unüblichen, abnormalen Situation, wo die Grenze zwischen Leben und Tod, richtig und falsch, Hoffnung und Verzweiflung so sehr verschwimmt, ja, am Ende hatten wir Glück.

Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung aus dem Englischen: Ilona Rüsch