Logbuch #58: Was wäre, wenn einer deiner Liebsten auf diesem Boot wäre?

Logbuch #58: Was wäre, wenn einer deiner Liebsten auf diesem Boot wäre?

Fleur Le Derff ist 26 Jahre alt und kommt aus Finistère, sie arbeitet als Leutnantin auf Trans-Kanal-Fähren. Fleur kam zu SOS MEDITERRANEE, nachdem sie einen Bericht eines Freiwilligen gelesen hatte, der zuvor an Bord der Aquarius gearbeitet hatte. Dadurch kam in ihr der Wunsch auf, mehr über die Arbeit von SOS MEDITERRANEE zu erfahren. Außerdem wollte sie Flüchtenden auf dem Mittelmeer, an der Quelle der Tragödie, begegnen. Also begab sie sich Anfang Januar an Board der Aquarius. Es folgen hier einige Eindrücke nach ihrem ersten Rettungseinsatz auf dem Mittelmeer.

“Was ist eine Rettung?

Es ist ein Punkt am Horizont, ein Fleck auf dem Radar, es ist eine Nachricht, die dir signalisiert, dich bereit zu machen, es ist die Spannung, die sich in deinem Magen festsetzt, in deinen Armen, die schwer werden, in deinen Beinen, die sich plötzlich verkrampfen. Die Kleidung, die du anziehst, macht dich noch benommener und wirkt so offiziell, auch weil du nun rot, schwarz, gelb trägst, sichtbar für alle und genau wie alle anderen.

Du kommst auf dem Deck an und ihr lächelt angespannt. Man will nicht zu viel Adrenalin zeigen, aber natürlich hat es dich im Griff, es zeigt dir in genau dieser Sekunde, dass du am Leben bist und dass du zählst. Du bereitest mit deinen Kollegen die Ausrüstung vor, Rettungsboote, Rettungswesten, das Deck, die Willkommens-Pakete mit Decken, Trainingsjacken, Überlebensrationen und Wasser. Und in dem Moment entdeckst du es: ein rundes Ding, grau, blau oder schwarz… Die Farbe ist wichtig, da diejenigen von uns, die das hier schonmal gemacht haben, anhand der Farbe die Qualität des Bootes einschätzen. Die blauen sind die schlimmsten, und dieses hier ist blau. Das bedeutet, dass der Boden schwach ist und vielleicht schon nachgegeben hat, vielleicht schon Menschen zerquetscht hat. Es ist also anzunehmen, dass es Tote gibt, aber du hast den Tod noch nie erlebt. Du weißt, dass der Tod existiert, aber er ist immer weit weg, vielleicht bei entfernten Verwandten oder sicher hinter dem Bildschirm deines Fernsehers. Du fragst dich, wie es sein wird, einem toten Menschen ins Gesicht zu schauen, einem echten Toten. Du wirst morbide, aber es bleibt ja in deinem Kopf, also ist es egal, es ist nicht wichtig. Jeder wird morbide, warum also du nicht auch?

Du steigst ins Rettungsboot und entfernst dich vom Schiff, um dich den anderen zu nähern. Es sind so viele, hunderte Leben auf ein paar unsicheren Quadratmetern. Sie strecken ihre Hände aus und hören zu, als Max, der Emergency Koordinator, zu sprechen beginnt. Er sagt ihnen, dass alles okay ist und es allen gut gehen wird, dass dafür aber alle ruhig bleiben müssen. Du stehst hinter ihm und schaust sie an, wie sie ihn anschauen. Sie wollen alles richtig machen, schließlich hat er gesagt, dass alle gerettet werden, also sollen alle das tun, worum er sie bittet! Einige stehen auf, rufen anderen zu, sie sollen leise sein, und verstärken dadurch das Chaos. Dann sagt Max zu Ralph, dem Fahrer, dass er das Rettungsboot starten soll. Plötzlich ist es wieder ruhig, wenn sie Angst bekommen, wir könnten wieder fahren und sie zurücklassen – also ist es besser, wieder still zu sein.

Dann beginnt die Ausgabe der Rettungswesten. Das ist deine Aufgabe: Die Taschen öffnen und die Westen an Max weitergeben. Er gibt sie aus, einzeln und ohne sie zu werfen, denn sonst würden alle auf die Westen losstürmen und die relative Ruhe wäre wieder vorbei.

Alles läuft gut. Alle hören zu, nehmen die Rettungswesten und geben sie an andere weiter. Max beginnt erneut zu sprechen und erklärt, was als Nächstes passieren wird. Er spricht ruhig und höflich. Er könnte dabei genauso gut in einer entspannten Lounge sitzen, aber er steht auf einem Rettungsboot vor einer Gruppe Menschen, und Chaos könnte gleich wieder ausbrechen. Genau darum müssen sie in diesem Zustand unwahrscheinlicher Geduld gehalten werden.

Dann beginnt der Transfer. Max und Tanguy breiten 18 große Netze aus. Es ist dein Job, sie auf das Rettungsboot zu führen. Wenn du fertig bist, kehrst du zur AQUARIUS zurück. Der Anblick, den du dabei zurücklässt, ist immer der Gleiche, sie sind immer noch so eng aneinandergepresst wie davor.

Das Gleiche beginnt von vorn, du näherst dich und beruhigst sie erneut. Für dich läuft alles nach Plan. Dein Herz fühlt nichts, dein Kopf ist leer. Du bist stolz auf deine Stärke und deine Verlässlichkeit. In so einem Moment könntest du auch woanders sein, in der Lounge zum Beispiel, um damit anzugeben, das du dich genau gleich verhalten würdest. Bis dein Blick auf einen der Menschen fällt. Es kann irgendwas sein, auf das du schaust, vielleicht ein Dreitagebart. Weiße Haare auf einem gebräunten Gesicht und plötzlich ist vor dir keine anonyme verlorene Person mehr, sondern dein Vater im Urlaub. Er lässt sich immer den Bart wachsen, wenn er nicht mehr professionell aussehen muss. Diese gebräunte Haut symbolisiert die ganze Schönheit der Bretagne im August.

Und das ist der Moment, an dem du dich plötzlich schwach fühlst und du beginnst zu fallen. Um dich hochzuhalten, knirscht du mit den Zähnen – du darfst nicht versagen, nicht jetzt, nicht aus diesem Grund. Du weißt, dass es unmöglich ist, vollkommen unmöglich, es kann nicht er sein! Und du musst wieder zurück, hörst du, ZURÜCK! Ein Atemzug, und noch einer, und dann verblasst die Bretagne wieder, aber diese verstörende Vorstellung, dass es einer deiner Liebsten sein könnte auf diesem Boot, lässt dich das Meer hassen.

Du konzentrierst dich wieder, der erschreckende Moment dauerte nur ein paar Sekunden. Ein Transfer nach dem anderen wird durchgeführt und das Boot ist nun leer. Du schaust in das Brackwasser, in dem Schuhe und leere Wasserflaschen treiben, und du weißt nicht, was du empfinden sollst. Das Rettungsboot kehrt zur Aquarius zurück, die Rettung ist vollendet. Alle sind sicher angekommen, was bedeutet, dass alles glatt lief. Und wenn das Bild wieder vor dir auftaucht, sprichst du über etwas anderes, um nicht darüber zu reden. Aber es wird das einzige sein, an das du dich erinnerst: weiße Haare auf gebräunter Haut und der Abgrund in dir, wenn eine geliebte Person an seine Stelle tritt.

Text: Fleur Le Derff, SAR-Team
Foto: Anthony Jean
Übersetzung: Anna Kallage