Logbuch #57: Heutzutage braucht es keinen Aberglauben auf dem Mittelmeer

Logbuch #57: Heutzutage braucht es keinen Aberglauben auf dem Mittelmeer

Es ist frühmorgens am 15. Januar, nach einer langen Reise auf rauer See läuft die Aquarius endlich in den Hafen von Messina ein, um 300 Passagiere von Bord gehen zu lassen, von denen 193 allein von einem überfüllten Schlauchboot gerettet wurden. Von demselben Boot wurden auch zwei Leichen geborgen.

Man gewöhnt sich niemals an diese Situationen, aber traurigerweise ist es für viele SOS MEDITERRANEE Helfer*innen nicht die erste Erfahrung dieser Art und sie wissen sehr gut, dass solche Ereignisse bei einem Einsatz stets passieren können.

Es ist Freitag, der 13. Die Abergläubischen aus dem Team fürchteten, dass etwas Schreckliches passieren würde. Kurz nach dem Frühstück bekamen wir den ersten Anruf vom MRCC (Maritime Rescue Coordination Centre), das uns auf die Position eines Bootes in Seenot hinwies.

Eine halbe Stunde später der nächste Anruf, die nächste Position. Und dann noch einer. Als wir zur nächst gelegenen Stelle von allen Positionen kamen, entdeckte der Kapitän von der Aquarius durch sein Fernglas noch ein Schlauchboot. Eine halbe Stunde später waren unsere Beiboote auf dem Wasser, unterwegs in Richtung des Bootes in Not. Vom Achterdeck sah das Boot aus, als wäre es in einem guten Zustand, ohne Leck. Der Einsatz schien „normal“. Es war sogar sonnig und die Wellen waren nicht besonders hoch. Wir dachten – wir hofften- es würde ein gewöhnlicher Einsatz werden.

Das dachten wir, bis Max, der stellvertretende SAR-Co uns über Funk anrief: „Zwei bewusstlose Personen auf dem Schlauchboot. Ich versuche den Puls zu tasten.“

Bis Max dann per Funk bestätigte: „Kein Puls, sie sind tot. Die Körper sind kalt.“

Bis wir langsam die geretteten Personen zählten, die wir an Bord geholt hatten: 193.

Bis die Retter sich noch einmal auf dem Weg zurück zu dem Boot machten um die übrigen zwei Personen in weißen Leichensäcken zu bergen.

Bis das medizinische Team von Ärzte ohne Grenzen die Autopsie der beiden Leichen vornahm und entdeckte, dass es sich bei einem der beiden um einen 15-jährigen Jungen handelte.

Bis einige Augenzeugen einem Teammitglied erzählten, dass diese zwei Opfer wahrscheinlich erdrückt wurden und erstickt sind, als Panik auf dem Boot ausbrach, nachdem eine Schießerei an der lybischen Küste begonnen hatte.

Bis wir realisierten, dass 193 Personen auf einem Schlauchboot ein entsetzlicher Rekord für uns ist: „Ich habe noch nie so viele Menschen in einem einzigen Schlauchboot gesehen“, sagt Alexander Moroz, der Kapitän der Aquarius. „Das Maximum bisher waren 168 Personen“, erinnert er sich.

Das war Freitag der 13. für uns an Bord der Aquarius. Heutzutage braucht es keinen Aberglauben auf dem Mittelmeer. Ob es nun Freitag der 13. ist oder nicht, man weiß bereits, dass etwas Schreckliches passieren wird.

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Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung aus dem Englischen: Ilona Rüsch