Logbuch #56: Trainiere für den Normalfall – aber erwarte das Unerwartete

Logbuch #56: Trainiere für den Normalfall – aber erwarte das Unerwartete

Mathilde Auvillain, unsere Communication Officer an Bord berichtet hier von einem der ersten Tage nach dem Crew Wechsel zurück auf hoher See. 

Zu Beginn jeder Rotation, während der ersten Tage auf See, führt das SOS MEDITERRANEE Team normalerweise eine Übung auf hoher See durch. Dieses Mal war es eine besondere Probe, da das neue RHIB eingesetzt wurde.

Dank unserer Spender war es uns möglich ein neues Rettungsboot anzuschaffen, mit dem wir sicherer, schneller und somit effizienter helfen und Leben retten können.

RHIB steht für „rigid hull inflatable boat“. Es ist im Grunde ein aufblasbares Schnellboot und das zentrale Element unserer Rettungseinsätze.

Die Aquarius hat zwei RHIBs, die beide zu Beginn jeder Rettungsaktion zu Wasser gelassen werden.

Verwirrenderweise wird das „RHIB 2“ zuerst eingesetzt und erst danach das „RHIB 1“.

Das RHIB 2 muss so schnell wie möglich einsatzbereit sein, um das Boot in Not zu erreichen, die Situation einzuschätzen und die ersten Nachrichten und Anweisungen an die Rettungsmannschaft zu überbringen.

Ein paar Minuten später kommt dann das RHIB 1 dazu und die Crew beginnt mit der Verteilung der Rettungswesten, das zweite zentrale Element aller Rettungseinsätze.

Sobald alle Passagiere des Schlauchbootes eine Rettungsweste erhalten haben, beginnt der Transfer. Einer nach dem anderen – Frauen und Kinder zuerst – wird in das Rettungsboot geholt, bis es voll belegt ist. Dann kann die Überfahrt zur Aquarius beginnen.

Währenddessen bleibt das RHIB 2 nahe an dem Boot in Seenot, um mit den verbliebenen Passagieren die Informationsweitergabe fortzusetzen und die Menschenmenge unter Kontrolle zu halten.

Dies ist natürlich die Vorstellung von einer „normalen“ Rettung… aber jeder Einsatz ist anders, unter diesen abnormalen Umständen in der Menschen das Mittelmeer auf überfüllten Schlauchbooten überqueren, die keine Chance haben die italienische Küste zu erreichen, vor allem nicht im Winter.

Jede Rettung ist wegen des Wetters, der Beschaffenheit und des Zustands der Boote anders. Auch weil die geretteten Menschen alle eine andere Geschichte, ein anderes Geschlecht und in unterschiedlichem gesundheitlichen Zustand sind… und auch auf Grund vieler weiterer Faktoren.

Deswegen müssen die Retter auf den Ernstfall vorbereitet sein und immer das Unerwartete erwarten.

 

Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung: Ilona Rüsch