Logbuch #55: „Wenn ihr mich nach Libyen zurückbringt, springe ich aus diesem Boot“

Logbuch #55: „Wenn ihr mich nach Libyen zurückbringt, springe ich aus diesem Boot“

Iason Apostolopoulos war im Dezember Mitglied des Search and Rescue (SAR) Teams an Bord der Aquarius. Iason ist 32 Jahre alt und kommt aus Griechenland. Im Jahr 2015 arbeitete er als Rettungsbootfahrer auf der griechischen Insel Lesbos, wo mehr als 500.000 Flüchtlinge über den Seeweg kamen. Zusammen mit anderen jungen Freiwilligen gründete Iason eine unabhängige Front-Support-Initiative für Geflüchtete in Lesbos. Nach Unterzeichnung des EU-Türkei-Abkommens kamen allerdings kaum noch Flüchtlinge auf diesem Wege an. Weil die Krise aber noch lange nicht vorbei ist, beschloss Iason, sich bei SOS MEDITERRANEE zu engagieren. Es war bereits sein zweiter Törn an Bord der Aquarius und sein insgesamt achter Rettungseinsatz. Hier folgt nun sein Bericht über eine der Rettungen während seines Einsatzes. Er hatte ihn ursprünglich niedergeschrieben, um seinen Verwandten und Freund*innen über die Situation im Mittelmeer zu erzählen.

„Vor fünf Tagen hatten wir eine dramatische Rettung. Am Samstag gegen acht Uhr morgens verlor ein großes Schlauchboot mit 145 Personen an Bord langsam an Luft, was eine Massenpanik auslöste. Menschen sprangen direkt ins Meer. Wir haben es geschafft, alle sicher aus dem Wasser zu ziehen und gerade als wir unseren Einsatz für beendet hielten, informierten uns die Geretteten, dass zwei weitere Personen über Bord gefallen waren und sich noch auf See befanden. Wir beschlossen kurzerhand mit unseren beiden Schnellbooten nach ihnen zu suchen und konnten die beiden tatsächlich finden und retten. Sie hatten es geschafft, sich an der Wasseroberfläche zu halten, indem sie sich an einer blauen Plastikdose festhielten. Dass sie überlebt haben, ist ein Wunder!

Am Montag hatten wir drei Rettungen innerhalb von 24 Stunden und gestern haben wir 353 Gerettete in Italien an Land gebracht. Wir haben auch die Leichen von zwei Frauen an Land gebracht. Sie waren bewusstlos auf einem der von uns evakuierten Boote gefunden worden. Trotz aller Anstrengungen unseres medizinischen Teams, starben sie an Unterkühlung. Zweimal haben wir letzte Woche Gerettete sicher nach Sizilien gebbracht. Einmal 650 gerettete Menschen und das andere Mal 250 Personen, die wir zuvor vor dem Ertrinken gerettet hatten.

Die Bedingungen auf der Überfährt über die zentrale Mittelmeerroute zwischen Libyen und Italien sind weitaus schlechter als die auf der östlichen Mittelmeerroute zwischen der Türkei und Lesbos. Auf der zentralen Mittelmeerroute gibt es keine Rettungswesten (die Rettungswesten auf den Fotos sind unsere) und die Boote sind unvorstellbar voll. Ein Gummiboot trägt normalerweise 120 bis 150 Menschen, während ein hölzernes 500 bis 600 transportiert. Im Inneren der Holzboote sind Regale eingebaut, in die die Menschen gedrängt werden, sodass dass die einen auf den Köpfen der anderen sitzen. Einige ersticken deshalb und die Überlebenden reisen häufig stundenlang an der Seite von Toten.

Normalerweise würde die Überfahrt nach Italien drei Tage dauern, aber die Schlepper sagen den Flüchtenden, dass ihre Reise nur vier Stunden dauern würde. Sie sind tief erschüttert, wenn wir ihnen erklären, wie weit es wirklich bis nach Italien ist. Tatsache ist, dass sie in den sicheren Tod fahren und ihre einzige Chance zu überleben ist, von einem Rettungsschiff oder von einem der Versorgungsschiffe, die an den libyschen Offshore Gasplattformen arbeiten, entdeckt zu werden.

Die libyschen Schmuggler setzen immer schlechterer Boote und Motoren ein. Sie begrenzen auch die Menge an Benzin. Es reicht gerade, damit es die Boote aus libyschen in internationale Gewässer schaffen. Dadurch müssen die Rettungsschiffe theoretisch immer näher an die libysche Küste kommen, um die Menschen retten zu können.

Die meisten der Geretteten stammen aus der Subsahara Region, aus Ländern Westafrikas.

Wenn ihr mich nach Libyen zurückbringt, springe ich aus diesem Boot.“ Das ist das Gefühl von fast allen, die wir an Bord nehmen. Wenn sie sich von dem Schock auf See erholen, erzählen sie nur von Libyen. Libyen ist die absolute Hölle für sie. Sie berichten von der Diskriminierung von Schwarzen, von täglichen Schlägen, bewaffneten Raubüberfällen und von Vergewaltigungen. Sie sagen uns auch, dass viele Libyer extrem rassistisch gegenüber Menschen aus Subsahara Afrika sind, dass sie „schwarze Tiere“ genannt werden und dass sie wie „Untermenschen“ behandelt werden. Jeder in Libyen trägt eine Waffe, sogar kleine Kinder. Laut den Berichten der Menschen an Bord schießen sie auf schwarze Menschen mitten auf den Straßen – zum Spaß. „Jeder kann zu uns kommen und Geld verlangen, auch wenn wir kein Geld bei uns haben, werden sie uns schlagen oder sogar erschießen. 10-jährige Kinder schikanieren uns, beleidigen uns, und wenn man es wagt, etwas zu sagen oder sie gar anzuschauen, hat man Glück wenn man nur ins Bein geschossen wird“ erzählt mir eine Person.

Ihre Geschichten sind herzzerreißend. Bewaffnete Milizen inhaftieren Menschen in Gefängnissen, es gibt kaum etwas zu essen, man wird jeden Tag geschlagen und die einzige Chance zu entkommen ist, einen Libyer zu bezahlen. Dann arbeitet man als „Sklave“. „Wir arbeiten wie Tiere, 16 Stunden am Tag ohne Pause, für etwa vier bis fünf Monate. Wenn man seinen Lohn einfordert, wird man geschlagen oder erschossen, manchmal werden Menschen in der Wüste abgesetzt und sterben dann vor Durst. Es macht keinen Sinn zu fliehen, denn überall ist es dasselbe. Es gibt keinen sicheren Ort in Libyen.

Ihre Quälerei endet meist nach vier bis fünf Monaten. Wenn die Schmuggler entscheiden, dass diese Menschen genug ausgenutzt wurden, schicken sie sie auf ein Boot in Richtung Italien.

Was die Frauen betrifft, so sind Vergewaltigung und Menschenhandel an der Tagesordnung. Während der letzten Rettung stieß unser Team auf mehrere Vergewaltigungsopfer. Viele Frauen erfahren erst von unseren Ärzt*innen an Bord, dass sie schwanger sind – ein Ergebnis der sexuellen Gewalt, die sie erlebt haben. Libyen ist auch ein wichtiges Transitland für den Frauenhandel nach Europa. Die Dynamiken sind teilweise sehr komplex und undurchsichtig. Einige der Geretteten sagten uns, dass Menschenhändler sogenannte „Madames“ aus den Herkunftsländern (meistens Nigeria) rekrutieren, um Mädchen nach Europa zu bringen. Einige der Mädchen ahnen, was auf sie zukommt, wissen aber oft nicht, wie schlimm es wirklich sein wird. Anderen wird versprochen, dass sie in der Modebranche arbeiten werden. Für viele Frauen ist es die einzige Chance, der extremen Armut in ihren Herkunftsländern zu entkommen und ihre Familien finanziell zu unterstützen. In Libyen werden viele entführt und gezwungen, in lokalen Bordellen zu arbeiten.

Trotz allem, was diese Menschen erlebt haben, ist die Atmosphäre an Bord der AQUARIUS inspirierend. Alle sind sehr hilfsbereit und gehen äußerst respektvoll miteinander um; sie kümmern sich um die Schwachen, sie sind aufgeschlossen und freundlich. Es sind Männer, Frauen und Kinder aus so vielen verschiedenen Ländern, Ethnien und Religionen und selten sieht man einen Streit. Die Zeit, die wir zusammen verbringen, auf dem Weg nach Italien, das sind wohl die schönsten Momente dieser schrecklichen Reise und der Abschied versetzt einem einen unangehmen Stich in die Brust.

 

Text : Iason Apostolopoulos
Übersetzung: Lea Main- Klingst
Photos : Laurin Schmid / SOS MEDITERRANEE