Logbuch #54: “Migration hat es schon immer gegeben, es muss doch möglich sein, es nicht so weit kommen zu lassen.“

Logbuch #54: “Migration hat es schon immer gegeben, es muss doch möglich sein, es nicht so weit kommen zu lassen.“

Stéphane war 9 Wochen an Bord der Aquarius. Mathilde Auvillain, unsere Communication Officer hat ein kleines Portrait über ihn geschrieben und beschreibt ihn als Seefahrer von Beruf, Seenotretter mit Herz.

„Als Seenotretter musst du ein Herz haben.“ Herz hat Stéphane Broch reichlich, wenn auch versteckt unter einer rauen Schale, einem Seemannsbart und dunklen Brillengläsern. Anderthalb Monate ist der junge Bretone mittlerweile an Bord der AQUARIUS und hat hunderte Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer bewahrt. Seine Mission geht nun bald zu Ende und er ist nicht unglücklich darüber, für eine Weile in seine Heimatregion, das Finistère, zurückzukehren und anschließend auf einem anderen Schiff anzuheuern. „Ich möchte endlich wieder auf das Meer schauen können, ohne an diese menschliche Tragödie und die Schicksale der Geflüchteten denken zu müssen“, sagt er eines Abends nachdenklich.

Für den 33-Jährigen gehören lange und ungewöhnliche Missionen zum Berufsalltag. 2013 meldete er sich freiwillig als Mechaniker und wartete 14 Monate lang die Stromaggregate und die Wasseranlage der französischen Antarktisstation Dumont D’Urville. Bevor er für SOS MEDITERRANEE auf der Aquairus anheuerte, war er mit der Handelsmarine in Neukaledonien. Schon damals engagierte er sich für andere. „Ich war vorher noch nie für eine NGO tätig, aber durch meine Arbeit mit behinderten Menschen hatte ich Erfahrungen im sozialen Bereich. Außerdem begleitete ich straffällige Jugendlich an Bord der Schiffe von Pater Jaouen, die so wieder Anschluss an die Gesellschaft finden sollten“, erzählt er in seiner bescheidenen Art.

Natürlich hatte er in den vergangenen Jahren immer wieder von der sogenannten Flüchtlingskrise gehört, aber erst nach der Lektüre eines Buches über die irischen Auswanderungswelle nach Quebec während der „Großen Hungersnot“ begann er sich näher mit dem Thema zu beschäftigen und begriff das Ausmaß der andauernden Tragödie vor den Toren Europas.
Mir wurde klar, dass Migranten, die zu einem anderen Kontinent gelangen wollen, immer den Weg über das Meer nehmen müssen. Seit damals haben sich zwar die Aufnahmebedingungen und die Fortbewegungsmittel verändert, aber die Realität ist genauso hart und trist geblieben. Das darf doch nicht sein.“ Er entdeckte die eben erst gegründete Organisation SOS MEDITERRANEE und bewarb sich für die Rettungsmannschaft. „Zu diesem Zeitpunkt hatte ich von meiner Tätigkeit bei der Handelsmarine irgendwie genug. In dieser Branche werden menschliche Aspekte leicht vergessen, man ist völlig abgekoppelt vom Weltgeschehen. Der Mensch ist dort oft zweitrangig. Außerdem brauchte ich einen Tapetenwechsel“, erklärt er.

So findet er sich einige Monate später an Bord der Aquarius wieder. Zunächst arbeitet er an Deck, dann auf dem Rettungsboot Nr. 2, das als Erstes auf die in Seenot geratenen Boote zusteuert. „Ich erinnere mich noch an meinen ersten Rettungseinsatz auf See. Wir Seeleute sind in Sachen Sicherheit auf dem Meer geschult. Wenn man dann diese kleinen Boote sieht, die unter Verstoß gegen sämtliche Sicherheitsvorkehrungen aufs offene Meer geschickt werden, mit Hunderten von Menschen an Bord, dicht gedrängt und ohne Schwimmwesten, dann fragt man sich, wie das sein kann, wie es dazu kommen kann und wer so etwas tut: Menschen einfach in den Tod zu schicken! Das ist mehr als nur kriminell! So ein Schlauchboot schafft doch nie und nimmer die Überfahrt übers Mittelmeer! Das ist doch unmenschlich, diese Leute einfach so aufs offene Meer rauszuschicken“, empört er sich.

Bei den Rettungsaktionen ist er ernst und konzentriert, Emotionen lässt er nicht zu. Es muss schnell gehen, vor allem, wenn eine vermeintliche Routinerettung eskaliert. So geschehen am 14. November, als 80 Menschen durch ein Treibstoffleck Verbrennungen erlitten und voller Panik ins Meer sprangen. Ein Albtraum für die Rettungsmannschaft. In so einer Situation haben Gefühle keinen Raum. Jede Minute zählte: Dutzende von Schwimmwesten mussten so schnell wie möglich ins Wasser geworfen werden, alles, was auf dem Wasser zu schwimmen vermag, musste her! Menschen mussten aus dem Wasser gezogen und schnellstmöglich zur Aquarius gebracht werden. Einige hatten bereits zu viel Wasser geschluckt, andere zu viele Treibstoffdämpfe eingeatmet. Sie verloren das Bewusstsein oder waren stark unterkühlt.

Die Gefühle bahnen sich später ihren Weg, wenn man am wenigsten damit rechnet. Einen seiner emotionalsten Momente erlebte Stéphane bei der Übernahme von Geretteten des Schiffes Dignity I von Ärzte ohne Grenzen. „Es war Nacht, das Wetter war schlecht, der Schiffsbauch dröhnte, alle waren erschöpft, es war ein trostloser Moment“, erinnert er sich. „Und plötzlich fand ich mich mit einem Baby im Arm wieder. Von da an konnte ich gar nicht anders, als mich um es zu kümmern. Also, eigentlich um sie, denn es war ein Mädchen, Naomi, gerade mal zehn Tage alt. Wir beiden waren für einen Moment wie in einer Blase, fern von allem anderen. Ich habe ihr etwas vorgesungen und sie in den Schlaf gewiegt. Ein ganz außergewöhnlicher Moment: Ich hatte dieses Federgewicht auf dem Arm, und das bei dem Horrorszenario auf dem Mittelmeer.“

Wenn Stéphane von Bord der Aquarius an Land geht, trägt er immer ein Kind auf dem Arm. „Das ist für mich der intensivste Augenblick: wenn die Menschen, die wir gerettet haben, zum ersten Mal europäischen Boden betreten. Wir wissen, dass sie längst nicht am Ziel sind, sondern noch einen weiten Weg vor sich haben, und schauen ihnen schweren Herzens hinterher.“ Oft fällt es schwer, die Fassung zu bewahren: Nach mehreren Nächten ohne Schlaf oder nach traumatischen Ereignissen wie jenem tragischen Rettungseinsatz, bei dem das Team fünf Leichen auf dem Boden eines Flüchtlingsboots fand. Am nächsten Morgen mussten sie dann auch noch vier Ertrunkene aus dem Meer bergen und an Bord der AQUARIUS bringen. Mit tränennassen Augen und mühsam beherrschtem Gesichtsausdruck ziehen sich einige Mitglieder des Rettungsteams in solchen Momenten zurück, um nicht vor den anderen zusammenzubrechen.

Stéphane bricht nicht zusammen, er hält durch. Überprüft die Wettervorhersage und bereitet sich auf weitere Rettungseinsätze vor. Die Untätigkeit vieler Regierungen und das tägliche Drama der Menschen, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, ohne dass jemand etwas dagegen unternimmt, machen ihn wütend. „Die Lage ist wirklich schlimm. Wenn man selbst vor Ort ist, erlebt man die Dinge hautnah. Es ist eine Schande für die Menschheit“, sagt er. „Dabei haben wir die finanziellen, politischen und medialen Mittel, um dafür zu sorgen, dass es anders läuft, damit Menschen, die ihre Heimat verlassen, nicht diese lebensgefährliche Überfahrt riskieren müssen. Migration hat es schon immer gegeben, es muss doch möglich sein, es nicht so weit kommen zu lassen.“

Im Hafen von Catania endet seine Mission. Bevor er von Bord geht, muss er seinen Pass vom Kapitän abholen. „Eines Tages, nachdem wir 722 Eritreer aus einem riesigen Holzboot gerettet hatten, wurde mir klar, dass ich mit meinem französischen Pass an jeden Ort der Welt reisen konnte, diese Menschen hingegen nicht. Sie dürfen nicht überall hin. Und da habe ich mich gefragt, warum es uns erlaubt ist, überallhin zu reisen und ihnen nicht? Das ist egoistisch und ungerecht.“

Für Stéphane ist es nun an der Zeit, zu neuen Ufern aufzubrechen. Er weiß zwar noch nicht, wann, aber er ist sich sicher, dass er früher oder später zurück an Bord kommen wird. Seine Kollegen werden sich an seinen täglichen Wetterbericht erinnern, an seine Offenheit, seine Durchsage: „A good window for rescue“ mit starkem französischen Akzent und an seinen Rat: Man muss Herz zeigen, wenn man schon nicht die Welt verändern kann.

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Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung: Kerstin Elsner & Sonja Finck
Fotos: Susanne Friedel