Logbuch #29: “Was bleibt ist die Leere…”

Logbuch #29: “Was bleibt ist die Leere…”

Samstag, 27.08.2016

Die Crew an Bord der AQUARIUS nach der Rettung


Dies ist eine persönliche Geschichte. Sie handelt von der unbegreiflichen Lage im Mittelmeer, von Arbeit, Stress und Emotionen. All das hat unsere kleine Crew an Bord des Rettungsschiffs AQUARIUS von SOS MEDITERRANEE durchgemacht – manche mehr, manche weniger, jede*r auf seine eigene Art und Weise. Dies ist meine Geschichte.

Man könnte sagen, es sei absurd. Absurd, dass Menschen gezwungen sind, ihr Heimatland zu verlassen und dass ihr einziger Ausweg sich meist als tödlich erweist. Diese Menschen bezahlen viel Geld für einen Platz in einem Schlauchboot, das keinesfalls sicher genug ist, um über das Mittelmeer von Afrika nach Europa zu gelangen. Es ist offensichtlich, dass diese Seefahrt den Tod bedeuten kann, aber diese Menschen sind verzweifelt und gehen das Risiko dennoch ein. Manche sagen, Ertrinken sei die bessere Wahl als, zu Hause zu bleiben.

Wir als freiwilliges Rettungsteam haben die Pflicht, sie zu retten. Letzte Woche konnten wir 685 Leben retten – viele Frauen mit Babies, Kinder und Jugendliche. Es ist schwierig zu beschreiben, was während so eines Rettungseinsatzes mitten auf dem Mittelmeer in dir vorgeht. Es ist schockierend zu sehen, wie 134 Menschen auf einem kleinen Schlauchboot zusammengepfercht sind.

Noch erschreckender ist es, mehr als 400 Frauen, Kinder und Männer auf einem vollkommen überfüllten Holzboot zu erleben, manche unter Deck ohne Licht und kaum Luft zum Atmen. Eine Nussschale mitten auf dem Meer, steuerungsunfähig, mit einem kaputten Motor, voller Menschen in Angst vor dem unmittelbaren Tod.

Die Evakuierung des Holzbootes dauerte über vier Stunden, ein Team der Proactivia OpenArms vom Rettungsschiff ASTRAL unterstützte uns. Die AQUARIUS füllte sich mit Menschen aus vielen verschiedenen afrikanischen Staaten. Als sie an Bord kommen, lächeln sie. Sie sind barfuß und haben nichts als ihr Leben. Jetzt sind sie sicher.

Während solch einem Rettungseinsatz steht jede*r unter extremem Stress und funktioniert dennoch. Die Abläufe wurden viele, viele Male geübt und im Ernstfall bereits mehr als 25 Mal seit Februar 2016 ausgeführt. Seitdem haben wir alleine oder in Kooperation mit anderen Rettungsschiffen 5.654 Leben gerettet. Aber nicht die Zahlen sind wichtig, sondern, dass wir und andere Organisationen weiter machen.

Schließlich hatten wir 551 Gerettete an Bord der AQUARIUS. Jeder Zentimeter an Deck wurde zum Sitzen, Liegen oder Schlafen genutzt. Diese Männer, Frauen und Kinder blieben zwei Tage und Nächte bei uns. Wir haben Duschen und sanitäre Einrichtungen, sie bekamen Frühstück, Mittag- und Abendessen und unsere Partner von Ärzte ohne Grenzen boten ärztliche Hilfe und Unterstützung an.

48 Stunden lang waren wir eine große Familie bestehend aus 551 Geretteten und 30 Crewmitgliedern. Wir hörten unglaubliche Geschichten von Gewalt und Schmerz, brutale Misshandlungen in Libyen und ihren Heimatländern und vieles mehr, was ich nicht niederschreiben möchte. Wir verbrachten fast zwei komplette Tage miteinander. Es waren starke Emotionen – überwältigend während des Rettungseinsatzes und dem Transfer an Land.

Und dann kommt die Leere

Es ist wie bei Sisyphus – der Mann, der dazu verdammt war, einen Fels den Berg hochzurollen, der dann wieder hinunter rollt, so dass er wieder von vorne beginnen muss. Das ist das absurde daran. Dass wir immer wieder den gleichen Situationen gegenüber stehen, dort draußen, auf dem Mittelmeer, wenn wir Menschen in Seenot retten. Versteht mich nicht falsch, es ist nicht unsere Rettungsarbeit, die absurd ist. Vielmehr ist es die aussichtslose Lage für jene, die eine Mittelmeerüberquerung wagen.

Dann kommt die Leere. Die Leere auf dem Schiff, wenn all diese Menschen von Bord der Aquarius gehen, ihre Zukunft ungewiss. Als ich in ihre Gesichter blickte, sah ich eine neue Angst, ihre Augen fragend: Was wird mit mir passieren? Nach einigen Stunden ist die AQUARIUS leer. Es fühlt sich merkwürdig an; vor ein paar Stunden noch so geschäftig, jetzt leer. Pure Leere.

Zurück zur Philosophie. Nach der Absurdität war da unsere Rettungsarbeit, die uns gleichzeitig Energie kostet und Energie gibt. Es gab so viele emotionale Momente, überwältigende Momente während harter Arbeit und Stress. Vielleicht ist Freude das falsche Wort, aber es ist uns eine Freude, all diese Leben zu retten. Aber nach der Freude kommt die Leere.

Was bleibt, ist die Leere auf der AQUARIUS – und die Leere in meinem Herzen.

Sie wird andauern, die Leere, bis wir unsere Rettungsarbeit wieder aufnehmen, wie Sisyphus. Bis wir wieder alles geben, um das Leiden auf See zu verringern, um jene in Seenot zu retten, jene, die alles riskieren für ein besseres Leben.

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Text: René Schulthoff
Übersetzung: Friederike Rummenhohl
Photo credit: Anna Psaroudakis