Logbuch# 28: “Heute war ein guter Tag – ich bin glücklich!”

Logbuch# 28: “Heute war ein guter Tag – ich bin glücklich!”

21. August 2016

Till ist einer der Neuankömmlinge des Search and Rescue Teams auf der AQUARIUS. Obwohl er sich im Klaren gewesen war, dass dieser Sonntag wohl mit einer Rettung beginnen würde, hatte keiner mit deren Ausmaß gerechnet.

„Der Notruf kam gegen 8 Uhr 30, als ich im Dienst an der Brücke war. Ich hatte den Horizont mit dem Fernglas nach Booten in Seenot abgesucht. Das Rettungsschiff ASTRAL schickte einen Funkruf, sie waren bereits mitten in einem Rettungseinsatz einige Meilen vor der libyschen Küste.“

SAR Koordinator Yohan und MSF Koordinator Ferry kümmern sich. Mehrere Boote sind gleichzeitig und fast am selben Ort in Seenot. Nördlich von Sabratah vor Libyen brauchen zwei Holzboote und ein Schlauchboot Hilfe.

Die Aquarius braucht weniger als 45 Minuten zu besagter Stelle. Neuesten Informationen zufolge benötigt ein Holzboot mit zahlreichen Passagieren umgehend Hilfe. Es handelt sich um ein einfaches Holzboot, das sehr voll ist. Wir wissen noch nicht genau, wieviele Personen an Bord sind, aber es könnten bis zu 400 sein.

Während die ASTRAL sich um ein Schlauchboot mit über 100 Menschen an Bord kümmert, konzentriert sich SOS MEDITERRANEE auf das vollkommen überladene Holzboot. Als die beiden Rettungsboote (RHIBS) an dem Holzboot ankommen, stellt sich heraus, dass weitere 100 Menschen unter Deck sind – ohne Licht, kaum Luft und nun tritt auch noch Wasser ein. Jetzt muss es schnell gehen.

An Deck der Aquarius bereitet sich das medizinische Team von Médecins Sans Frontières (MSF) auf viele Opfer und Verletzte vor. Obwohl wir hoffen, dass es nicht soweit kommen wird, müssen wir für den Ernstfall gewappnet sein.

Stundenlang rettet die Mannschaft Frauen, Kinder und Männer von dem Holzboot auf die AQUARIUS. „Irgendwann funktionierte ich nur noch“, erinnert sich Till. Sein Job ist es, den Geretteten von den Rettungsbooten auf die AQUARIUS zu helfen. „Die RHIBS kamen immer und immer wieder. Wir halfen Frauen und Männern an Bord. Mal bekam ich ein kleines Baby in die Arme, dann wieder eine Frau. Das war ganz schön hart.“

Die Organisation OpenArms, die mit dem Segelschiff ASTRAL ebenfalls Schiffbrüchige rettet, unterstützt SOS MEDITERRANEE. Die Rettung dauert fast den ganzen Tag: mehr als 400 Menschen vom Holzboot, weitere 100 vom Schlauchboot. Alle werden an Bord der Aquarius untergebracht. Am Ende des Tages haben wir 551 Menschenleben gerettet. Die Boote hätten es niemals nach Europa geschafft.

Fast 40% der Geretteten sind unter 18 Jahre alt; Jugendliche und Kinder. Die meisten sind seit Wochen oder Monaten alleine unterwegs. Wir haben ebenfalls einige Babies und sieben Schwangere an Bord. Sie alle sind jetzt sicher. Hier bekommen sie ärztliche Hilfe, Wasser und Essen, es gibt Duschen und Toiletten.

„Ich war so glücklich, die Babies schreien zu hören, die Kinder mit den Teddybären, die sie von uns bekommen hatten, spielen zu sehen. Die Sonne ging unter, die Frauen begannen zu singen. Heute war ein guter Tag“, sagt Till, der junge Deutsche und das neue Mitglied des SOS MEDITERRANEE Rettungsteams an Bord der Aquarius.

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Text: René Schulthoff
Übersetzung: Friederike Rummenhohl
Photo: Isabelle Serro

 

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