„In einer gewissen Weise teilen wir als Seenotretter und –retterinnen mit Ihnen, den Journalisten, ein bedrückendes Schicksal.“ – Timon Marszalek anlässlich der Preisverleihung des DFJP

„In einer gewissen Weise teilen wir als Seenotretter und –retterinnen mit Ihnen, den Journalisten, ein bedrückendes Schicksal.“ – Timon Marszalek anlässlich der Preisverleihung des DFJP

Paris, Dienstag, 04. Juli, 2017

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Unterstützerinnen und Unterstützer,

im Namen der Teams von SOS MEDITERRANEE und besonders auch im Namen derjenigen, die bei uns für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich sind, möchte ich mich für diese wichtige Auszeichnung unseres Einsatzes im Mittelmeer bedanken.

Hand in Hand mit unseren medizinischen Partnern an Bord arbeiten wir täglich neben unabhängigen Journalisten, die unsere Einsätze begleiten – und in dieser erfolgreichen Symbiose können und müssen wir die sonst verborgenen Geschichten der Menschen erzählen. Wir kämpfen für das Überleben von Tausenden im Mittelmeer, aber auch für die Menschenwürde. Der anfängliche Ausnahmezustand, der bei der Gründung unserer Organisation herrschte, ist zur Routine geworden.

Wir verlassen uns darauf, dass die Journalisten bei uns an Bord die Geschichten der Menschen auf eine Weise porträtieren, die die Geretteten nicht einfach auf ein Label reduziert: „Flüchtling“, „Migrant“, „Asylsuchender“, „Opfer“, usw.

Während es weiterhin keine sicheren und legalen Fluchtwege nach Europa gibt, behandeln wir als kleine Nichtregierungsorganisation für die Seenotrettung lediglich die Symptome einer verfehlten Politik, nicht aber die tiefsitzenden Ursachen für Flucht und Migration sowie die Ursache dafür, dass so viele lieber Ihr Leben aufs Spiel setzen als länger in ihren Heimatländern oder in Libyen zu verweilen.

Eine ganze Reihe von Menschen aus Politik und EU-Administration versuchen immer wieder mit allerlei unsportlichen Mitteln, unsere lebensrettende Arbeit medial zu diskreditieren. Dagegen anzukämpfen bedeutet für unsere Teams, die seit anderthalb Jahren praktisch an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten, sich mit bodenlosen Anschuldigungen herumzuschlagen, anstatt die eigentliche Arbeit einer Seenotrettungsorganisation machen zu können. Nicht belegbare und angstschürende Beschuldigungen gegen Organisationen wie SOS MEDITERRANEE durch die Medien zu posaunen scheint heute eine besonders beliebte politische Waffe zu sein. Wir sind in diesen Zeiten daher umso mehr auf die Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Journalismus angewiesen.

Der wohl häufigste Trick, mit dem gearbeitet wird, ist das Vertauschen der Korrelation von Ereignissen und den Kausalzusammenhängen von Ereignissen, und immer wieder fallen Menschen massenweise darauf herein.

Ein Beispiel, wie wir es immer wieder lesen lautet:

„Es gibt heute mehr zivile Rettungsschiffe im Mittelmeer und es gibt heute mehr Flüchtlinge, die nach Europa flüchten möchten.“ Die Medienwirksame Schlussfolgerung daraus ist: „Aufgrund der Zunahme an Rettungsschiffen gibt es eine Zunahme an Flüchtlingen.“

Dass Flucht und Migration etwas mit zunehmenden kriegerischen Konflikten, einer ansteigenden Ungleichverteilung von Lebensgrundlagen und weit verbreiteter schwerster Missachtung von Menschenrechten zu tun haben könnten, darauf wird in diesem Zusammenhang nicht verwiesen. Dass Politik und Wirtschaft der einflussreichen Länder in Europa maßgeblich zu den Krisen in der Welt beitragen, vor welchen die Menschen flüchten, ist irgendwie unbequem und wird gern ignoriert.

Hinterher geben einige der Beschuldiger hin und wieder zu, dass es sich ja bloß um ungeprüfte Thesen gehandelt hätte, und dass man keinerlei Beweise für das Gesagte habe. Leider hört und sieht man von diesen Korrekturen nur wenig, und der Medienkonsument bleibt mit dem ersten, falschen Eindruck zurück. Geschichte wird gemacht.

Beim bewussten Vertauschen von Korrelation und Kausalität sind wir auf Sie, liebe anwesende Journalistinnen und Journalisten, und Ihren investigativen Journalismus angewiesen. Im Prinzip sollte das Attribut „investigativ“ hier redundant, aller Journalismus investigativ sein und nicht bloß beliebig Gesagtes ohne Verifikation replizieren; aber wem sage ich das auf dieser Veranstaltung, sie wissen das besser als ich.

In einer gewissen Weise teilen wir als Seenotretter und –retterinnen mit Ihnen, den Journalisten, ein bedrückendes Schicksal. Ist es ausreichend, wenn wir einfach unsere Arbeit machen?

Wir bezeugen die Realität, wir machen unsere Arbeit, wir halten die Kamera, die Rettungsweste, die Medizin bereit, um ein Leben zu retten, einen Moment zu erfassen, um Würde zurückzugeben. Zusammen machen wir professionell unsere Jobs und sind dabei Zeugen dessen, was uns begegnet. Gleichzeitig teilen wir uns die stille Hoffnung auf einen größeren Wandel, der aus der Gesellschaft kommt. Gemeinsam warten wir auf einen überfälligen Paradigmenwechsel, weg von den üblich gewordenen Narrativen.

Herzlichen Dank für diese Auszeichnung und viel Glück für Ihre und unsere zukünftige Arbeit.