In eigenen Worten #38: „Ich bin fast erstickt, es war viel zu eng auf dem Boot.“

In eigenen Worten #38: „Ich bin fast erstickt, es war viel zu eng auf dem Boot.“

J. hat Bangui vor fast drei Jahren verlassen. Alleine.
Das Gespräch wurde am 24. August an Bord der Aquarius geführt.

Die Reiseroute

„Als in meinem Heimatland Krieg ausbrach, bin ich nach Kamerun gegangen. Dort blieb ich ungefähr zwei Jahre. Als dann der Krieg mit Boko Haram anfing, bin ich erneut geflohen, da ich Angst hatte. Zunächst ging ich nach Niger, aber dort war auch wieder Boko Haram. Schließlich bin ich in Algerien gelandet. Ich war ein Jahr dort und wollte in Algerien bleiben, aber die Algerier mögen keine Schwarzen. Manchmal schlagen sie dich ohne Grund und jagen dich in dein Land zurück.

Ich war mit meinem Cousin unterwegs. Wir haben uns in Kamerun getroffen.

Ich hatte Angst, also bin ich nach Süden gegangen, an die Grenze zwischen Algerien und Libyen. Mein Cousin und ich wollten dort Arbeit finden. Er ist Elektriker.

In Libyen wurde ich verschleppt. Nachdem wir zwei oder drei Tage gearbeitet hatten, kamen sie eines Tages gegen 20 Uhr. Kriminelle haben uns verschleppt. Ich weiß nicht genau, wohin. Ich war zwei Wochen in einem Gefängnis in Libyen.

In Libyen wird mit Menschen gehandelt, es ist sehr gefährlich dort.

Wir waren drei Tage mit dem Auto unterwegs, von der Grenze bis nach Sabratha (von Samstag bis Montag). Das Auto hatte verdunkelte Scheiben.“

Das Gefängnis

„Es war ein Haus mit anderen Afrikanern. Wir waren eingesperrt. Es gab nicht mal Fenster. Wir durften nie raus. Ich schlief auf dem Boden. Manchmal gaben sie uns ein bisschen was zu essen, aber nicht immer. Manchmal ein Stück Brot und etwas Saft.

In dem Gefängnis waren sehr viele Leute eingesperrt. In Libyen werden Menschen verkauft. Sie werden auf offener Straße eingefangen, in eine andere Stadt gebracht und dort verkauft.

Im Gefängnis werden die Leute misshandelt. Manchmal kommen die Wärter und schlagen dich einfach so, ohne Grund. Sie zwingen dich, deine Eltern anzurufen, sie geben dir ein Telefon, und du rufst an, damit deine Familie Geld für deine Befreiung zahlt. Oft lassen sie dich trotzdem nicht frei, auch wenn deine Familie Geld schickt. Du bleibst dort.

Meine Eltern haben sie nicht angerufen. Ich konnte kein Geld zahlen, ich habe kein Geld. Ich habe meine Mutter im Krieg verloren. Wo mein Vater ist, weiß ich nicht. Meine Eltern wurden im Krieg getötet. Ich habe Brüder und Schwestern, aber seit ich meine Heimat verlassen habe, weiß ich nicht, wo sie sind.

Im Gefängnis schlug man mich. Weil ich noch jung bin, habe ich mich immer entschuldigt. Manche Leute hatten Mitleid mit mir, andere haben mich weiterhin verprügelt.

Eines Tages brachte man mich nach draußen und setzte mich in ein Auto. Es waren Libyer, die mich rausgebracht haben. Ich weiß nicht warum mein Cousin bleiben musste. Er ist weiter dort im Gefängnis, dabei wurden wir zusammen entführt.

Die Scheiben des Wagens waren verdunkelt. Ich konnte nichts sehen. Die Fahrt dauerte ein oder zwei Stunden. Man brachte mich ans Meer, und vor dort aus ging es dann los. Wir übernachteten am Strand, in Sabratha, es war sehr kalt. Morgens setzte man uns in das Schlauchboot.

Ich wusste nicht, dass man mich in ein Boot setzen würde. Auf dem Boot habe ich gefragt, wohin wir fahren, und man sagte mir, nach Italien. Als ich gefragt habe, warum, haben die anderen gesagt, dass sie es auch nicht wissen.

Wir sind gestern Morgen losgefahren, gegen neun oder zehn Uhr.“

Die Rettung

„Die Menschen schrien und schubsten sich gegenseitig, um vom Boot zu kommen. Das Boot brach auseinander. Zum Glück waren die Leute da, die uns gerettet haben. Sie gaben uns Schwimmwesten. Sonst weiß ich nicht, was aus uns geworden wäre.

Das Wasser lief ins Boot und reichte mir bis zur Brust. Das Benzin lief aus. Es war heiß.

Ein paar Leute fielen ins Wasser, zum Glück trugen sie Schwimmwesten.2

Ich bin fast erstickt, es war viel zu eng auf dem Boot. Wir waren sehr viele, etwa 150.

Ich bin seit meiner Geburt chronisch krank.

Ich war erleichtert, als ich die Retter sah. Wenn sie nicht gewesen wären, weiß ich nicht, was gestern aus mir geworden wäre. Die Rettung fand gegen 14 Uhr statt.“

Seine Kleidung hat er bei der Ankunft auf der Aquarius zurück erhalten.

„Ich besitze nur diese eine Hose. Ich habe sie in Algerien auf einem Markt gekauft. Ich hatte dort einen Job (als Maler). Ich bekam etwas Lohn, aber nicht immer. In Algerien mögen sie keine Afrikaner. Sie halten sich für Europäer, obwohl sie auch Afrikaner sind.

Ich habe jeden Tag gearbeitet, aber sie haben mich nur bezahlt, wenn sie Lust hatten.

Ich habe mein T-Shirt ausgezogen, als ich auf dem Boot keine Luft mehr bekam.

Mir blieb nur das Unterhemd. [Auf dem Unterhemd ist sichtbar, bis wo ihm das Wasser reichte.]

Als ich Algerien verließ, hatte ich eine Jacke, eine Mütze, ein Telefon und eine Tasche mit anderen Kleidungsstücken. Da waren auch meine Medikamente drin. Sie haben mir alles weggenommen.“

***

Text: Laura Garel, Narciso Contreras
Foto: Narciso Contreras
Übersetzung aus dem Französischen: Sonja Finck