In eigenen Worten #42: „Wir wollen euer Land verlassen, warum fangt ihr unsere Schlauchboote ab?“

In eigenen Worten #42: „Wir wollen euer Land verlassen, warum fangt ihr unsere Schlauchboote ab?“

Zeugnis von Bakhari* aus Mali

 Bakhari hat bereits drei Mal versucht, die gefährliche Flucht über das Mittelmeer zu wagen. Beim ersten Mal wurde er von einer Straßengang, den sogenannten „Asma Boys“, aufgehalten. Beim zweiten Mal fing ihn die sogenannte libysche Küstenwache auf dem Meer ab und brachte ihn zurück ins Gefängnis. Erst bei seinem dritten Fluchtversuch, im Dezember 2017, wurde er von einem spanischen Schiff gerettet und anschließend an Bord der Aquarius gebracht, die ihn gemeinsam mit den anderen 372 Geretteten in einen sicheren Hafen brachte. An Bord hat das Team von SOS MEDITERRANEE folgenden Augenzeugenbericht dokumentiert, der bruchstückhaft von Bakharis Fluchtversuchen und seiner Zeit in Libyen handelt.

 

Fluchtversuche

„Auf der ersten Flucht haben uns die „Asma Boys“ abgefangen, das sind Kriminelle. Sie haben keine so großen Schiffe wie die libysche Küstenwache.

Beim zweiten Mal wurde ich von der libyschen Küstenwache festgenommen, das war vor ungefähr zwei Monaten. In Sabratha wurde gekämpft, also hat man uns nach Tripolis gebracht und am frühen Morgen, gegen drei Uhr schickte man uns bei al-Chums auf die Boote. Gegen neun haben wir die internationalen Gewässer erreicht, aber eines der beiden Schlauchboote, die zusammen mit uns losgefahren waren, hatte ein Loch. 

Bald darauf sahen wir zu unserer Überraschung einen Militärhubschrauber über uns. Wir dachten, jetzt kommen die humanitären Helfer, aber leider waren es die Libyer. Dann tauchte ein Schiff auf, wir haben nach der Flagge geschaut, es war die libysche. Wir wollten uns nicht erneut von den Libyern gefangen nehmen lassen. Wir haben versucht zu fliehen. Gestern bei dem spanischen Schiff hatten wir auch Angst, dass es die Libyer sind.

Als das libysche Schiff uns dann eingeholt hat, warfen sie Seile rüber, aber wir haben sie nicht genommen, wir wollten sie nicht. Wir haben versucht, da wegzukommen. Alle hatten große Angst. Das Schiff hat uns verfolgt. Wir wollten niemanden von uns in Gefahr bringen, es waren ja viele Frauen und Kinder im Boot. Deshalb haben wir uns dann doch an Bord nehmen lassen. Niemand ist ins Wasser gefallen – Gott sei Dank.

Gestern, als das spanische Schiff kam, hatten wir auch große Angst, aber später habe ich zu meinen Freunden gesagt: ‚Sieh, wie gut uns diese Menschen behandeln.‘ Auf dem libyschen Schiff hat man uns nicht mal Wasser gegeben. Sie haben uns auf ihr Schiff gebracht, haben sich die Hände gewaschen und vor unseren Augen gegessen, ohne uns etwas zu geben.

Das libysche Schiff hat uns zurück nach Tripolis gebracht, im Hafen gab es riesige Schiffe.“

 

Das Gefängnis

„Dort am Hafen waren auch Hilfsorganisationen, die haben unsere Adressen aufgeschrieben. Das war, bevor wir in einen Bus gesetzt wurden, der uns zurück ins Gefängnis brachte. Aber das sind keine richtigen, organisierten Gefängnisse. Man kann sich nicht mal hinsetzen, so voll ist es da. Du musst auf andere Menschen treten, um irgendwo hinzukommen. Dort gibt es auch keine Hilfsorganisation mehr. Auch Wasser gibt es nur selten. Freitags und samstags gab es überhaupt kein Wasser. Und wenn es dann welches gibt, weißt du nie, wann das nächste Mal welches kommt, also trinkst du sehr langsam. Einmal gab es fünf Liter Wasser auf einmal und danach drei Tage lang gar nichts. Wir haben angefangen, dreckiges Wasser zu trinken. Zu essen gab es ungekochte Makkaroni.

Ein paar meiner Freunde haben gesagt, dass es besser ist zu ertrinken, als in einem libyschen Gefängnis zu sein. Es ist hart. Wir riskieren unser Leben. Wir ertrinken lieber, als von der libyschen Küstenwache festgenommen zu werden.

Wir wollen euer Land verlassen, warum helft ihr uns nicht dabei? Warum fangt ihr unsere Schlauchboote ab, wenn wir schon in internationalen Gewässern sind, in Sichtweite der humanitären Schiffe?

Im Gefängnis sind wir aus dem Fenster geklettert, um zu fliehen. Einen von uns haben sie erwischt, er wurde zusammengeschlagen. Wir müssen unsere Brüder aus Libyen herausholen, das ist kein gutes Land. Die Araber machen mit uns Schwarzen, was sie wollen. Als wären wir immer noch Sklaven. Das steckt fest in ihren Köpfen, weil ihre Eltern und Großeltern es ihnen immer wieder gesagt haben: Die Schwarzen sind eure Sklaven. So denken die Leute in Libyen noch heute. Wenn du als Schwarzer die Straße entlanggehst, rufen dir die Leute »Kalabou« zu, »ab in den Knast«. Das tut weh. Du kommst nach Libyen und bist schnell traumatisiert. Ich bin im Juli in Libyen angekommen und habe bereits dreimal die Überfahrt versucht.“

 

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*Name von der Redaktion geändert
Interview: Mathilde Auvillain
Übersetzung aus dem Französischen: Kerstin Elsner und Sonja Finck
Photo Credits: Anthony Jean / SOS MEDITERRANEE