In eigenen Worten #41: „Es war dieser Moment, der mir deutlich machte, dass ich zu viel verloren hatte, zu viel gesehen hatte“

In eigenen Worten #41: „Es war dieser Moment, der mir deutlich machte, dass ich zu viel verloren hatte, zu viel gesehen hatte“

Augenzeugenbericht eines 23-jährigen Syrers aus Nord-Syrien (aufgenommen im Oktober 2017 an Bord der Aquarius)

Er ist drusischen Ursprungs und erzählte, dass der Konflikt zwischen den regionalen Stämmen in seinem Dorf in Nordsyrien, seit vielen Jahren andauert. Dabei gehe es nicht um Religion, sagte er, denn bei der Religion gehe es um Frieden. Das Problem sei, dass die Menschen einfach keinen friedlichen Dialog führen könnten. Er studierte Soziologie, um diese Konfliktdynamiken zu verstehen, die seit Generationen herrschten. Irgendwann kam das Regime in die Region und versuchte, ihn zum Militärdienst zu zwingen. Der Freund, mit dem er die Flucht über das Mittelmeer wagte, stammt aus demselben Dorf. Sie haben sich während ihrer Flucht im Sudan getroffen.

Eines Tages war er in seiner Heimatstadt auf dem Weg zur Universität, als die Proteste gegen Präsident Bashar Al-Assad ausbrachen. Jeden Tag starben Menschen im Bürgerkrieg zwischen Assads Streitkräften und den regierungsfeindlichen Aufständischen. Eines Tages wurde er von Assad-Truppen angehalten und aufgefordert: „Jetzt ist es an der Zeit, Soldat zu werden.“

Aus meiner Sicht waren sie Terroristen. Was mir an diesem Tag passiert ist, kann ich nicht in Worte fassen. Auf offener Straße fingen die Soldaten an, mich zu schubsen und zu schlagen. Ich kann kein Soldat sein, so wie sie. Menschen töten, mein eigenes Volk. Das geht nicht.

An diesem Tag hatte er Glück. Eine alte Frau kam auf die Straße hinausgelaufen und bat die bewaffneten Soldaten, diese Männer (ihn und einige weitere) zu verschonen. Sie ahnte, was vor sich ging und tat so, als seien die Männer „ihre Söhne, ihre Nachbarn„. Noch nie zuvor hatte er diese Frau gesehen, aber die Soldaten gaben nach. An diesem Tag rettete die fremde Frau sein Leben.

Er kehrte nach Hause zurück, aber hatte bereits beschlossen aus Syrien zu fliehen. Er sprach mit seiner Mutter und seinen Brüdern, er berichtete ihnen, was passiert war: „Es war Krieg: Eine Rakete krachte in ein nahegelegenes Gebäude. In Syrien wären wir getötet worden,“ sagte er. So nahm er Kontakt zu einer im Untergrund arbeitenden Gruppe auf, die dafür bekannt war, Syrer zuerst nach Jordanien und dann weiter in den Sudan zu schmuggeln. Er hatte Glück, dass die Schmuggler Platz in einem privaten Auto hatten, um ihn und seinen Bruder (der Freund aus demselben Dorf, der während des Interviews anwesend ist) am nächsten Tag zur Grenze zu bringen. Sie sollten in einer Stadt an der porösen Grenze zu Jordanien abgesetzt werden.

Am nächsten Morgen gingen sie aus dem Haus und ließen ihr altes Leben hinter sich. Auf der anderen Seite (Jordanien) warteten Busse und Lastwagen, um ganze fliehende Familien in relative Sicherheit zu bringen. Fünf Tage später kam er im Flüchtlingslager Zaatari an, einer provisorischen Stadt mit 85.000 Einwohnern, die von Vergewaltigungen und Gewalt geplagt war. Als sich die Krise verschärfte, wuchs das Lager zur viertgrößten Stadt Jordaniens. Viele Asylsuchende haben dort jahrelang darauf gewartet, dass das UN-Flüchtlingshilfswerk sie registriert und der mühsame Prozess der Neuansiedlung im Ausland endlich seinen Lauf nehmen kann.

Dieselben Online-Schmuggler brachten ihn aus dem Lager. Er zahlte ihnen 1.200 US-Dollar.

Die ganze Zeit habe ich mir gesagt, ich wollte Syrien nicht verlassen, alles war so weit weg und anders als mein bisheriges Leben.“

Mein Freund und ich haben ein Visum von Jordanien in den Sudan bekommen, wir haben viel Geld bezahlt. Es war mein erstes Mal in einem Flugzeug und an diesem Tag sagte ich mir ‚Auf Wiedersehen Diskriminierung‘. Nach zehn Tagen im Sudan mit meinem Freund, das war im April 2017, bekamen wir ein neues Visum für Tripolis, Libyen. Wir hatten einen normalen Flughafen erwartet, aber der Flughafen in Tripolis war sehr klein und es gab viele ‚Babys’ (Kinder und Jugendliche) in Uniform, die bewaffnet waren. Sie verhafteten meinen Freund und mich und brachten uns direkt vom Flughafen in ein Gefängnis. Sie beschuldigten uns des Menschenhandels. Sie nahmen unser Geld, unsere Papiere, unsere Kleidung. Sie haben uns geschlagen. Sie haben uns aufgefordert, unsere Eltern anzurufen, um Geld zu erbeten. Wir sagten: ‚Wir haben keine Eltern. Lasst uns frei.’“ Die beiden Freunde wussten, dass ihre Familien weiterhin in einem Kriegsgebiet gefangen waren, wussten aber nicht, ob sie zu dieser Zeit noch am Leben waren.

Wir haben unser gesamtes Geld für unsere Freiheit gegeben. Wir hatten überhaupt kein Geld mehr übrig, als wir es endlich aus dem Gefängnis schafften. Nichts. Jedes Mal, wenn ich kleine Jobs angenommen habe, z.B. auf der Baustelle, hat der libysche Boss den Lohn zurückgehalten und mir nur eine kleine Summe ausgezahlt, die gerade so für eine Mahlzeit reichte – um zu überleben und ein wenig Kraft zu tanken, um noch einen weiteren Tag für ihn arbeiten zu können.“ Vor seiner Ankunft in Libyen, hatte er die Hoffnung gehabt, auf gute Menschen zu treffen, „leider traf ich nur schlechte.“ Schon davor hatte er geplant, das Meer zu überqueren – so wie es einige Freunde von ihm erfolgreich getan hatten. Er „hatte keine andere Wahl, als das Meer zu überqueren.“

Nach zwei Monaten war ich wieder an dem Punkt, ‚Nein’ zum Leben zu sagen. Ich überlegte, ob ich mich bei den Behörden melden oder mich einfach gleich auf den Weg machen sollte. Gott sei Dank, wies mich ein libyscher Mann ab und sagte mir, dass ich nicht für ihn arbeiten könne. Ich hatte einfach keine Kraft mehr zu arbeiten. Also zog ich nach Zuwara.

Ich schaffte es, auf einer anderen Baustelle Arbeit zu finden und bekam ein wöchentliches Gehalt. Nach einem Monat hatte ich genug Geld beisammen, um das Land zu verlassen, in dem Syrer kein Schutz geboten wird, wo ihnen Leben und Essen verweigert werden, wo jeglicher Ausdruck von Menschenwürde abhandengekommen ist. Die ganze Zeit über habe ich an Syrien gedacht und mir gesagt, dass es nicht das Schlimmste gewesen sei. Libyen war es. Viele haben uns absichtlich mit ihren Autos angefahren, nur, weil wir Syrer sind. Auf offener Straße wurden wir ständig durchsucht. Nichts Wertvolles an sich zu haben, war schlimmer als ausgeraubt zu werden, da man dann damit rechnen musste, auf heftigste verprügelt zu werden. Einige Wochen nach meiner Ankunft wurde ich von libyschen Menschenhändlern entführt und für 84 Tage in einen ‚Hammam’ eingesperrt. Manchmal bekam ich dort Wasser und kleine Kekse. Eines nachts, als wir versuchten ein wenig Schlaf zu bekommen, griff uns die libysche ‚Polizei’ an. Zehn Menschen wurden direkt vor meinen Augen getötet. Medizinische Hilfe gab es keine. Es war genau dieser Moment, der mir deutlich machte, dass ich zu viel verloren hatte, zu viel gesehen hatte. Ich kratzte gerade genug zusammen, um es zurück über die Grenze in den Sudan zu schaffen. Ich hatte gehört, dass einige Libyer im Sudan mit Bargeld arbeiten. Also ging ich wieder arbeiten, um ihnen etwas Geld schicken zu können. Eines Abends jedoch, ich hatte beinahe genügend Geld zusammengespart, um meine Rückreise fortsetzen zu können, fand die ‚Polizei‘ mich in der Notunterkunft, in der ich inzwischen untergekommen war. Sie durchsuchten mich und fragten, woher ich all das Geld hätte, das ich versteckt hatte. Sie haben mir alles genommen und mich eingesperrt.

Ich hatte keine andere Wahl in dem Land. Nach zwei Monaten entschied ich mich wieder aufzubrechen und das Meer zu überqueren. Ich habe 2.700 Dinar (ca. 1.900 USD) an einen Libyer gezahlt und habe mit 21 anderen Menschen das Meer Richtung Europa überquert. Ich habe Zuwara nachts verlassen. Wir wurden von einem Öltanker auf dem Mittelmeer gerettet. Danach trafen wir auf SOS MEDITERRANEE und MSF.

Jetzt will ich an einen sicheren Ort. Wo dieser Ort ist, weiß ich noch nicht. Ich würde auch gerne mein Studium fortsetzen.“

 

Interview: Hassan Ali
Übersetzung: Lea Main-Klingst, Siobhan Kaltenbacher
Foto: Anthony Jean