In eigenen Worten #40: „Was wir in Libyen gesehen haben, kann man nicht in Worte fassen.“

In eigenen Worten #40: „Was wir in Libyen gesehen haben, kann man nicht in Worte fassen.“

Die Aquarius ist ein 77m langes, seetüchtiges früheres Fischereischutzboot. Unser Team an Bord zählt 37 Personen – wir sind wie eine Familie und die Aquarius ist unser Zuhause geworden. Es ist unglaublich zu sehen, wie sich dieses Zuhause, das sich für uns manchmal so klein anfühlt, nahezu magisch ausdehnt, um alle nach einer Rettungseinsatz willkommen zu heißen. Ob wir nun 37 sind oder 606, jede*r findet hier nachts einen Platz, um sich auszuruhen und Sorgen, Freuden und Geschichten zu teilen – genauso wie in jedem anderen Zuhause.

Früher waren wir ganz normale Leute, weißt du. Wir haben Somalia aus verschiedenen Gründen verlassen. Aber was auch immer uns in die Flucht getrieben hat, der Weg durch Libyen hat alles nur noch schlimmer gemacht.“

So begann mein Gespräch mit einer Gruppe Somalis auf der Aquarius, die sich nach den sechs Rettungseinsätzen zwischen dem 10. und 11. Oktober 2017 an Bord befanden. „Niemand von uns ist geflohen, um anschließend gefoltert zu werden. Wir waren alle auf der Suche nach Ruhe, Frieden und Freiheit,“ doch alles, was der Weg durch Libyen für sie bereit hielt, war der Verlust des letzten Stücks Freiheit, das sie noch hatten.

Ich werde ihre starren, starken Blicke nie vergessen, während sie mir von dem Grauen erzählen, wie ihnen der letzte Teil Freiheit und Menschlichkeit verloren ging. Sie berichteten, wie sie sofort nach der Abreise aus Somalia von bewaffneten Gruppen entführt wurden. All ihr Geld gaben sie für ein Ticket in die Freiheit und wurden stattdessen Gefangene.

Du weißt nicht, wohin sie dich bringen. Sie führen dich durch die Wüste und du weißt nicht, wo du bist, wohin es geht. In der Wüste ist es wie auf dem Meer: alles was du siehst, ist der Himmel mit Sternen über dir und das große Unbekannte unter dir. Falls du die Wüste überlebst, bringen sie dich in ihre Gefängnisse.“

Das einzige Wort, das sie je für die libyschen Internierungslager nutzten, in denen sie von Milizen festgehalten wurden, war Gefängnis. Ein Gefängnis ist laut Definition ein Ort des Arrests für Menschen, die ein Verbrechen begangen haben. Ihr einziges Verbrechen war es, die Hoffnung zu haben Bürgerkrieg, extremen Hunger und Gewalt zu überleben. Migration, um in besseren Lebensverhältnissen zu leben, Migration, um zu überleben, war doch schon seit jeher Teil menschlichen Handelns.

Als wäre die lebensbedrohliche Wüstendurchquerung nicht genug – erst in den Gefängnissen, so sagten sie, fing das wirkliche Leid an. „Die Bedingungen dort sind schrecklich. Du kriegst nichts zu essen und es sind hunderte oder tausende Menschen auf engstem Raum.“ Sie stellten nach, wie eng sie dort stehen mussten. Zwei von ihnen zeigten mir die Methode, die sie erfunden hatten, um sich überhaupt hinlegen zu können und dabei möglichst wenig Platz mit ihren schon extrem abgemagerten Körpern einzunehmen. Auch wenn sie es geschafft hatten, sich hinzulegen, war nur wenig an Schlaf zu denken. Die Zellen waren so voller Läuse, dass sie nie mehr als ein paar Stunden zur Ruhe kommen konnten. „Wie soll man schlafen können, wenn der Körper unablässig von Ungeziefer gequält wird?“

Stell dir vor, das monatelang durchzustehen, manchmal jahrelang, grausamste Folter zu erleiden.

Es waren mindestens 10 Somalis in dieser Gruppe, die diese Zustände für drei Monate bis zu drei Jahren ausgehalten haben. Alle von ihnen zeigten mir die Spuren von Folter auf ihren Körpern, beinahe, um sich selbst klar zu machen, dass diese unglaublichen Dinge wirklich passiert sind. Einige von ihnen zeigten mir auch Schussnarben, Verletzungen durch Bomben oder andere Wunden, die sie sich in Somalia zugezogen hatten. Das Erleben von Folter und Sklaverei sollte in 2017 längst der Vergangenheit angehören, doch trotzdem auch heute noch tausende von Menschen davon betroffen.

Einer von den Männern hat drei Jahre in den verschiedenen Lagern in Libyen verbracht.Jetzt spürt er seine Füße nicht mehr. „Sie haben mir die Fußgelenke gefesselt und meine Fußsohlen geschlagen bis ich nicht mehr laufen konnte. Meistens fragten sie dann nach Geld. Wenn du denen kein Geld gibst, foltern sie dich und wenn du es tust, verkaufen sie dich an andere Gruppen, die dich dann in andere Lager bringen.“ Es ist ein Teufelskreis. „Siehst du diese Narben auf meinem Rücken hier? Da haben sie Plastik angezündet und es auf unseren Körpern schmelzen lassen.“

Bei uns saß auch A., ein junger Somali, der nicht sprach und unter den psychischen Belastungen zu leiden schien. Als sie mir die Wunden an ihren Körpern zeigten, erklärten die anderen mir, dass er wegen der Folter, die er erlitten hat, aufgehört hat zu sprechen.

Er war total normal, als wir in Libyen angekommen sind. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, aber als die Folter schlimmer wurde, wurde er verrückt.“ Sie berichteten mir, dass er das geforderte Geld nicht zahlen konnte und deshalb pausenlos Misshandlungen ausgesetzt war. „Siehst du seine Hände? Sie haben mit Metallstangen auf seine Finger eingeschlagen. Wir haben alle das selbe durchlitten, aber als er den Verstand verlor, behandelten sie ihn noch brutaler, weil sie meinten, er würde nur so tun, als wäre er verrückt.“ Einige andere Freunde von A. sagten mir, dass er oft ausgepeitscht wurde und Elektroschocks bekam.

Frauen werden genauso grausam behandelt“ – berichteten sie mir. Eine der Frauen in der Gruppe war mutig genug es laut auszusprechen, während andere vor Scham ihre Blicke senkten. „Wir wurden sexuell misshandelt und einige von uns wurden gezwungen, die Männer zu heiraten, die uns als Gefangene hielten. Manchmal wurden einige unserer jüngsten Kinder verschont, aber nicht alle hatten Glück. Viele von uns mussten Kinder in diesen schrecklichen Gefängnissen zur Welt bringen. Niemand konnte uns helfen oder uns unterstützen, wenn wir einen Arzt gebraucht hätten.“ Zu diesem Zeitpunkt waren mehr als 10 Frauen an Bord der Aquarius schwanger.

An Bord war auch ein 13-jähriger Junge, der aus Somalia geflohen war, um eine schulische Ausbildung erhalten zu können. Dieser Junge, dem seine Kindheit viel zu früh gestohlen wurde, erlebte wie all die anderen Erwachsenen der Gruppe Schlimmstes in den Lagern. „Sie haben mich so hart geschlagen,“ sagte er „dass ich Angst habe, dass ich niemals Kinder bekommen kann. Sie schlugen mir immer zwischen die Beine, um mich niederzuzwingen und noch weiter auf mich einzuprügeln.“

Was wir in Libyen gesehen haben, kann man nicht in Worte fassen. Ich denke niemand kann das verstehen. Diese Libyer, die uns festhielten, sind unmenschlich. Sie haben kein Mitgefühl für nichts und niemanden. Sie behandeln Menschen schlimmer als Tiere.“ Die Gruppe sagte mir, dass sie den Gedanken kaum ertragen können, dass immer noch hunderte Menschen unter diesen Bedingungen leben, leiden und vielleicht nicht überleben werden.

Testimony und Text: Isabelle Trombetta
Übersetzung: Siobhan Kaltenbacher
Foto: Anthony Jean