In eigenen Worten #39: „In unserem eigenen Zuhause galten wir als Geflüchtete; in unserem eigenen Land.“

In eigenen Worten #39: „In unserem eigenen Zuhause galten wir als Geflüchtete; in unserem eigenen Land.“

W. und A. sind ein junges libysches Paar, das am 25. September von der Aquarius im zentralen Mittelmeer gerettet wurde.

Es war gegen acht Uhr abends. Die Sonne war gerade erst untergegangen und die ersten Sterne zeigten sich bereits am schwarzen Nachthimmel. Es war schon das Ende meiner Wache an Deck und ich versicherte mich gerade, dass ich mit jedem gesprochen und mich nach seinem Wohlbefinden erkundigt hatte, als ich einen jungen Mann bemerkte, der seit einiger Zeit gen Horizont starrte. Ich ging zu ihm herüber und fragte vorsichtig ob alles in Ordnung sei.

Er schaute mich an und lächelte. Seine Augen füllten sich mit Tränen und er begann zu weinen: „Alles ist gut mein Freund. Du bist jetzt in Sicherheit. Alles wird gut werden”, sagte ich. Und so begannen wir zu reden.

Er sprach Arabisch und ich sprach Englisch. Ich weiß nicht mal mehr wie wir uns überhaupt verständigen konnten. Ich vermute, dass nicht mal Sprache eine ernsthafte Barriere für Menschlichkeit darstellen kann.

Bei jedem Blick auf die Wellen und das Meer, schien er mehr und mehr zu realisieren, dass er und die anderen nur knapp einem stillen Tod im Mittelmeer entgangen waren. Er dachte an die Kinder, welche sich mit ihm an Bord befanden und an die, die es nicht geschafft haben. Alles Menschen, die in der Überquerung dieser tödlichen Wasserstraße ihre einzige Überlebenschance sahen.

Mitten in der Nacht machten wir uns auf den Weg.” Er gab zu, dass es dabei keine Rolle gespielt habe wohin die Reise ging, solange sie nur das Kriegsgebiet, zu dem Libyen geworden war, verlassen konnten.

Alles was ich mir jetzt wünsche, ist es einen sicheren Ort zu finden, wo ich und meine Frau uns niederlassen können. Einen Ort wo wir nicht tagtäglich um unser Leben fürchten müssen, sobald wir das Haus verlassen. Einen Ort an dem unsere Leben respektiert werden und an dem Menschenrechte etwas bedeuten. Ich strebe nach nichts Großem oder Verrückten, nur nach Frieden und Gelassenheit.“

Aus Angst um ihr Leben konnte W., die Frau von A., während eines ganzen Jahres das Haus nicht verlassen. Sie gibt zu, dass sie sich mit der Zeit um ihre psychische Gesundheit sorgte. Bevor sich die Situation so dramatisch verschlechterte, war sie ihrer Arbeit als Technikerin in einem Biologielabor liebend gerne nachgegangen

Ich liebe meine Frau von ganzem Herzen. Unsere Liebe ist groß und stark. Aber es war nicht einfach.“ Das Paar berichtet mir, dass der Cousin von W. sich nicht um ihre Liebe scherte und A. heiraten wollte. Er drohte damit beide Verliebte zu töten, wenn sie ihn nicht heiraten würde. Daraufhin setzte er das Haus der Beiden in Bengazi in Brand und versuchte sie zu töten, als sie Richtung Tripolis flohen. Ihr Hilferuf bei den lokalen Behörden blieb unerhört.

Wir versuchten überall Unterschlupf zu finden: in gemieteten Häusern, Hotelzimmern, an wer weiß wie vielen verschiedenen Orten, nur um unser Leben zu retten. In unserem eigenen Zuhause galten wir als Geflüchtete; in unserem eigenen Land. Da wir uns nicht sicher waren ob wir überleben würden, lebten wir nur von Tag zu Tag und begruben all unsere Zukunftsvisionen. Wir würden uns gerne irgendwo niederlassen und Kinder kriegen, aber ich möchte nicht, dass meine Kinder in solchen Verhältnissen aufwachsen.“

Sie lebten nicht nur in ständiger Angst jederzeit getötet zu werden, sondern, sie wussten gleichzeitig, dass es niemanden gab, der ihnen zur Hilfe gekommen wäre und sich für sie eingesetzt hätte. Nicht einmal ihre eigene Familie. A. hatte seine Eltern verloren: sein Vater wurde erschossen und seine Mutter wurde von einer Gruppe Bewaffneter getötet, als sie gerade für die Familie Geld abheben wollte. Sie hob 500 libysche Dinar ab, was etwa 300 Euro entspricht: „Das war der Preis für ihr Leben“.

W. erklärt: „In Libyen ist der Grad zwischen Leben und Tod sehr schmal. Nichts ist vorhersehbar. Tripolis wird von bewaffneten Milizen überrannt. Obwohl es keine Sicherheit gibt, wollte ich keine Waffen tragen. Während meines gesamten Lebens habe ich keine benutzt. So jemand bin ich nicht und so jemand möchte ich auch nicht werden.“

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Testimony und Text: Isabelle Trombetta
Übersetzung: Manuel Wagner
Foto: Anthony Jean