In eigenen Worten #37: „Die Schule ist der Schlüssel zum Leben. Das habe ich meinen Kindern immer erzählt.“

In eigenen Worten #37: „Die Schule ist der Schlüssel zum Leben. Das habe ich meinen Kindern immer erzählt.“

Eine Schar von Männern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen steht an, um von der AQUARIUS an Land zu gehen. Amadou* ist der Einzige, der es nicht so wirklich eilig zu haben scheint. Er sitzt im Schatten am Rand. Mit seinem ernsten Blick und seinem gepflegten Kragenhemd sticht er aus der Menge heraus, ebenso durch den grauen Bartansatz auf seinem Gesicht.

„Ich wurde 1964 geboren, bin also 52 Jahre alt. Ich bin Automechaniker. Ich bin verheiratet und habe sieben Kinder, fünf Jungen und zwei Mädchen. Ich komme aus der Elfenbeinküste. Direkt nach der großen Feier zum Tag der Arbeit, am 1. Mai, habe ich meiner Frau die Hälfte von meinem Ersparten gegeben und den Rest in meiner Tasche versteckt. Und bin gegangen.“

Amadou verlor seinen Job während der Wirtschaftskrise, die einem kurzen Bürgerkrieg nach den Wahlen folgte. „Spricht man nur über Sicherheit, dann ist es auszuhalten, aber wirtschaftlich ist es eine Katastrophe“, sagt er. „Niemand stellt dich ein, niemand gewährt dir einen Kredit.“ Amadou und seine Familie wurden aus ihrem Haus vertrieben. Das Geld, das seine Frau mit dem Verkauf von Gemüse verdiente, reichte kaum für das Schulgeld der Kinder. „Die Schule ist der Schlüssel zum Leben. Das habe ich meinen Kindern immer erzählt. Wenn du zur Schule gehst, egal ob du ein Junge oder ein Mädchen bist, dann hast du die Chance, etwas im Leben zu erreichen.“

„Mein ältester Sohn ist gerade in seinem Abschlussjahr an der weiterführenden Schule“, erklärt Amadou weiter, während eine Gruppe junger Männer vorbeigeht, die alle im Alter seines Sohnes sein könnten. „Er will zur Uni gehen und Bauingenieur werden. Ich will die Elfenbeinküste verlassen, einen Job finden und genug verdienen, damit er und meine anderen Kinder ihre Ausbildung beenden können.“

Unter den Geretteten an Bord der Aquarius, sind oft junge Träumer; 17-, 18-Jährige, die studieren wollen, arbeiten wollen, ihre Eltern unterstützen wollen. Aber es ist ungewöhnlich, dass Ältere, ja dass Eltern diesen Weg allein zurücklegen.

„Meine Freunde meinten alle ‚Oh, du bist nicht so so jung wie du mal warst, du solltest wirklich hier bleiben’“, erinnert er sich. „Aber wenn ich bleibe, dann habe ich gar nichts, und meine Familie hat gar nichts. Es bringt nichts, rumzusitzen und zu jammern. Wir hatten ein Familientreffen und ich habe mich entschieden, zu gehen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“

Amadou nahm einen Bus von der Elfenbeinküste in den Niger und reiste dann per Lastwagen über die libysche Grenze. Dort erreichte er am 10. Mai Tripolis. „Auf der Straße haben mich alle Papa, Daddy, alter Mann, genannt“, erzählt er und lächelt. Er hatte Glück, dass er bereits kurz nach seiner Ankunft in Tripolis Arbeit in einer Garage finden konnte. „In Libyen gibt es nicht genug Leute, die sich im handwerklichen Gewerbe auskennen, darum haben sie mich angestellt“, sagt er. „Sie haben mir kaum etwas bezahlt, aber immerhin zahlten sie überhaupt, und nach zwei Wochen hatte ich genug Geld für meine Weiterreise.“

„In der Wüste gab es keine Straßen und es war sehr, sehr heiß. Im Boot war es schrecklich. Mir war klar, dass wir die Fahrt vielleicht nicht überleben würden. Aber vor dem Start dachte ich mir: Wenn ich es versuche, vielleicht habe ich ja Glück“.

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*Name geändert

Text: Ruby Pratka
Übersetzung: Anna Kallage
Foto: Susanne Friedel