In eigenen Worten #36: Kampf ums Überleben

In eigenen Worten #36: Kampf ums Überleben

Während des Rettungseinsatzes am 28. April 2017 kam eine syrische Familie an Bord: 3 Schwestern, ihre Ehemännern und insgesamt 7 Kinder.

Dies ist der Bericht der 3 syrischen Schwestern, die ihre Geschichte gemeinsam erzählen möchten. Wir sitzen in der Ecke des großen Raum, der Schutzraum oder „Shelter“ genannt wird und speziell für Frauen und Kinder eingerichtet wurde.

Ich schaue die 3 Schwestern an. Es sind schöne, starke Frauen, voller Leben und Energie trotz der extremen Umstände in denen sie gezwungen sind zu leben und trotz ihrer Reise auf See.

Die drei Frauen sprechen einen syrischen Dialekt und Arabisch; ihr Englisch ist nicht fließend aber ausreichend um sich gegenseitig zu verstehen.

Oft schauen sie englische Wörter auf ihren Handys nach, um besser verstanden zu werden, während jede von ihnen in Gedanken nach Syrien und das harte Leben in Libyen abdriftet. Während wir reden, liegen die Kinder zusammengerollt an ihren Müttern, einige schlafen und andere weinen und werden verarztet.

Die erste Schwester ist 26 und hat zwei Söhne, 6 und 3 Jahre alt; die zweite Schwester ist 29, sie hat drei Kinder: eine 6 Jahre alte Tochter und zwei Söhne, 4 Jahre und 4 Monate alt. Die letzte Schwester ist 36 und hat zwei Kinder, eine 17-jährige Tochter und einen 23 Jahre alten Sohn.

Sie verließen Syrien im Jahr 2011, kurz vor Gaddafis Tod. Das Leben in Syrien war sehr hart, sie wiederholen immer wieder: „Keine Arbeit, kein Geld, kein Haus, keine Freiheit, das Leben war gefährlich.“

Sie erinnern sich an den Moment als Soldaten mit Waffen in ihr Haus kamen. Die Soldaten nahmen alles mit was sie hatten, fuhren mit dem Auto einer der Ehemänner weg und zerstörten die Werkstatt in der er als Mechaniker arbeitete.

Die ersten beiden Schwestern verließen Libyen im Jahr 2011. Ihre Reise durch die Wüste dauerte eine Woche.

Am ersten Kontrollpunkt wurden sie um ihr gesamtes Geld bestohlen und am darauffolgenden Kontrollpunkt wurden ihre Männer verprügelt, da sie kein Geld mehr hatten. Sie wurden nicht getötet, denn anscheinend werden Familien mit Kindern verschont.

Eine der Schwestern sagt: „Die Tage in der Wüste waren furchtbar, schrecklich, wir konnten Leichen im Sand liegen sehen und hatten Angst, dass auch wir sterben würden. Die Kinder waren sehr klein und weinten, weil sie Hunger und Durst hatten. Nach einer Weile konnten sie nicht mal mehr weinen, weil sie zu schwach waren.“

In Libyen angekommen mussten sie arbeiten um das geliehene Geld zurückzuzahlen.

Die älteste Schwester erzählt mir, dass sie mit ihrem Mann und ihren Kindern ein Jahr nach ihren Schwestern nach Libyen gegangen ist. Sie durchquerten die Wüste im Jahr 2012 und kurz nach ihrer Ankunft wurde ihr Sohn verprügelt, bedroht und gezwungen ein Jahr lang auf eine Koran-Schule zu gehen. Hätte er sich geweigert, dann hätten sie ihn getötet.

Eine libysche Miliz hat ihren Mann entführt, um aus ihm einen Soldaten zu machen. Nach zwei Wochen kam er zurück nach Hause, aber lebte seitdem in Angst gefunden zu werden – das Leben wurde für ihn sehr gefährlich.

Eine der Frauen kommt nah an mein Ohr und flüstert: „Wir sind nicht muslimisch, wir sind Christen und in Libyen werden Christen getötet. Libyer halten dich an und prüfen ob du Muslim bist. Sie wollen, dass du Teile des Korans wiederholst. Mein Sohn kennt ihn mittlerweile und hat sich so gerettet. Sie töten dich ohne Grund. In Libyen stirbst du ohne etwas falsch gemacht zu haben. Wir liefen die ganze Zeit verschleiert herum, das Gesicht bedeckt, und wir verließen kaum das Haus. Unser Bruder wurde ebenfalls entführt und gezwungen auf die Koran-Schule zu gehen. Er schaffte es zu entkommen und arbeitet jetzt für Menschenrechte. Jeder kennt dort unsere Geschichte und wir wurden mehrfach wegen unserer Religion bedroht.“ Während sie mir das sagt, flüstert sie und vergewissert sich, dass niemand sie hören kann.

Sie erzählen mir: „Wir sind acht Schwestern und ein Bruder; vier Schwestern leben immer noch in Syrien. Sie haben nicht das Geld um wegzugehen, die Straßen sind blockiert und unsere Eltern sind zu alt um sich auf solch eine gefährliche und lange Reise zu begeben.“

Ich frage sie nach dem Moment, als sie das erste Mal daran dachten nach Europa zu kommen und was sie hoffen dort zu finden: „Vor zwei Jahren beschlossen wir Libyen zu verlassen, wir konnten dort nicht länger leben, wir konnten nicht in unser Heimatland zurück und es dauerte lange bis wir das Geld für die Reise zusammen hatten. Wir wussten nichts über Europa, aber alle sagten immer wieder, dass es dort Freiheit gäbe und das Leben sicher sei.“

Eine von ihnen kommt näher und erzählt mir schüchtern: „Ich hatte so Angst vor dem Meer, ich wollte nicht auf das Boot gehen, aber ich wollte bei meinen Schwestern sein und sowieso hatte ich eigentlich keine Wahl. Früher oder später wäre ich in Libyen gestorben. Eine weitere Schwester sollte ebenfalls mit uns mitkommen, aber zwei Tage vor der Abfahrt wurde sie von einer Gruppe bewaffneter Männer entführt und in ein Auto gesteckt. Wir wissen nicht was mit ihr passiert ist und wir sind sehr besorgt.“

Sie verließen Syrien in dem Glauben, dass sie in Libyen ein besseres Leben finden würden. Jetzt verlassen sie Libyen und hoffen, dass sie in Europa ein besseres Leben finden werden.

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Text: Francesca Vallarino Gancia
Fotos: Francesca Vallarino Gancia
Editing: Natalia Lupi
Übersetzung: Juliane Kraus