In eigenen Worten #35: „Ich verließ den Sudan, Ägypten und Libyen, um zu leben. Ich hoffe nun endlich ein besseres Leben zu finden.“

In eigenen Worten #35: „Ich verließ den Sudan, Ägypten und Libyen, um zu leben. Ich hoffe nun endlich ein besseres Leben zu finden.“

Am 28. April 2017 rettet das SAR-Team von SOS MEDITERRANEE drei Boote mit insgesamt 187 Menschen an Bord: 174 Männer, 13 Frauen. 46 von ihnen sind unbegleitete Minderjährige.

Einer der Geretteten ist Abdul’ha.* Er kommt aus dem Sudan, aus der Gegend um Drafur.

Die sudanesischen Männer, die nach dem Rettungseinsatz am 28. April an Bord der Aquarius sind, sprechen kein Englisch. Abdul’has Geschichte wird mir mit Hilfe eines Freundes von ihm erzählt, der als Übersetzer vermittelt.

Als ich Abdul‘ha nach seinem Alter frage, hat er Schwierigkeiten es mir zu sagen. Schließlich verdreht er die Zahlen und sagt, er sei 83. Ich bin sehr überrascht, dass ein Mann solchen Alters, eine so schwierige Reise auf sich nimmt. Erst durch die Wüste und dann über das Meer. Aber ich bin noch erstaunter, als ich schließlich herausfinde, dass er eigentlich 38 Jahre alt ist. Sein Aussehen scheint eher dem Alter, das ich zuerst verstanden habe zu entsprechen, weit entfernt von 38.

Ich beobachte ihn. Ein Gesicht von Erschöpfung gezeichnet, voller tiefen Falten, ein Mund mit wenigen Zähnen, ein weißer Bart und geschwollene Hände.

Ich bitte ihn, mir von seiner Herkunft und seiner Reise zu erzählen.

Er antwortet, er sei aus dem Sudan, aus der Darfur Region. Das sei alles, was er zu sagen habe. Dann steht er auf, um auf die Toilette zu gehen, und während wir darauf warten, dass er zurückkommt, beginnen auch seine Freunde zu erzählen.

Ein anderer ist auch aus dem Sudan, auch aus Darfur, aber er sagt, er wird niemals in sein Land zurückkehren. Zu viele Leute sterben, es ist nicht sicher, es gibt kein Essen, es gibt nichts mehr im Sudan, erklärt er.

Dann kommt Abdull’ha zurück. Er setzt sich mir gegenüber und wir beginnen ein einfaches, aber intensives Gespräch, in dem er vermehrt wiederholt, dass er nicht im Sudan leben kann. Er beschreibt es als einen Ort, an dem es nichts mehr für Menschen gibt, ein Land in dem es keine Hoffnung mehr gibt, und der einzige Ausweg ist, das Land zu verlassen. Er sagt mir: „Es ist dort nicht sicher für Frauen und für Kinder, du kannst nicht auf die Straße gehen, du hast immer Angst, dass bewaffnete Männer dich erschießen und dich mitnehmen, und es gibt kein Essen und kein Wasser. Um Wasser zu bekommen, verlassen die Leute frühmorgens das Haus, gehen den ganzen Tag und kommen am Abend zurück, mit 5 Litern Wasser für die ganze Familie.“

Es gibt auch sehr wenig zu Essen. Er öffnet seine Handfläche, um mir die Größe einer Portion Reis zu zeigen, für Frühstück und Abendessen. „Wenn du an einem Tag mehr isst, wirst du am nächsten nichts mehr zu essen haben.“

Er hat acht Brüder und drei Schwestern. Ich frage ihn, warum er sich alleine auf den Weg gemacht hat. Die Antwort ist offensichtlich: „Wir hatten nicht genug Geld für uns alle, aber irgendjemand musste es versuchen. Es gibt nichts mehr im Sudan, früher oder später wirst du sterben, da es nichts zu essen gibt; oder, weil jemand dich erschießen wird … Es ist besser beim dem Versuch auf ein besseres Leben zu sterben, als im Sudan.“

 2015 verließ er den Sudan. Nach einer dreitägigen Reise durch die Wüste kam er in Ägypten an, wo er ein Jahr lang blieb und als Schuhputzer auf der Straße arbeitete. In Ägypten war das Leben auch nicht einfach: „wenn man nicht Ägypter ist, wird man für seine Arbeit nicht bezahlt, oder dein Geld wird gestohlen, das Leben war dort auch nicht sicher.“

So verließ er im Mai 2016 Ägypten um nach Libyen zu gehen, aber mit dem einzigen Ziel nach Europa zu kommen.

Um das Geld für die Reise zu sammeln, arbeitete er auf dem Markt, er putzte und schlief dort. Doch auch das Leben in Libyen wurde immer gefährlicher und schwieriger. Menschen wurden geschlagen, beraubt oder schlimmeres. Aber die, die auf dem Markt arbeiteten, wurden nie das Ziel solcher Angriffe.

Er sparte genug Geld für die Reise, hatte aber Angst vor dem Meer, dann wurde ihm bewusst, dass er keine andere Wahl hatte.

Schließlich erzählt er mir traurig, aber mit ein wenig Hoffnung in seiner Stimme: „Ich verließ den Suda, um zu leben, ich verließ Ägypten, um zu leben und ich verließ Libyen, um zu leben. Ich hoffe nun endlich ein besseres Leben zu finden.“

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*Name geändert

Text: Francesca Vallarino Gancia
Fotos: Kenny Karpov
Übersetzung: Natalia Lupi und Lea Main-Klingst