In eigenen Worten #34: Mohamads Geschichte

In eigenen Worten #34: Mohamads Geschichte

Mohamad, ein 30-jähriger Mann aus Guinea Konakry wurde am 16. Mai 2016 durch die Aquarius gerettet. Er verließ Libyen an Bord eines Gummibootes, mit weiteren 136 Menschen. Am 17. Mai wurden sie alle an ein Boot der italienischen Marine übergeben und sicher nach Lampedusa gebracht. Unter den 137 Geretteten, befanden sich sechs Männer mit schweren Brüchen; vier von ihnen hatten gebrochene Arme, die anderen zwei hatten Hand- und Fingerbrüche. Nur einer von ihnen erwähnte einen Unfall. Alle anderen erzählten, dass sie regelmäßig geschlagen wurden. Dr. Erna Rijnierse, eine Ärztin von MSF-Holland berichtete von “einer unglaublichen Anzahl von alten sowie neuen Anzeichen von körperlicher Misshandlung, Brüche die nie wirklich verheilt sind,” und bestätigte, dass diese Männer wahrscheinlich mit Stöcken (wie zum Beispiel Baseballschlägern), während ihrer Zeit in Libyen geschlagen wurden.

Mohamad, ein großer kräftiger Mann, war einer dieser vier Männer der das Bord mit einem gebrochenen Arm betrat. Als er auf der Aquarius ankam, war sein Arm in einen sehr spartanisch Schiene aus kleinen Holzstäbchen gewickelt. Nachdem sie ihn untersucht hatte, stellte Dr. Rijnierse fest, dass er eine Operation benötigte (seine Knochen mussten neu angerichtet werden und seine Nerven funktionierten nicht mehr), doch dass er seinen Arm wahrscheinlich nie wieder vollständig nutzen könne.

Dies ist Mohamads Geschichte:

“Mein Vater kommt aus Mauritius und meine Mutter aus Guinea. Ich bin in Guinea Konakry aufgewachsen und hatte nie die Möglichkeit nach Mauritius zu fahren. In Guinea habe ich Handwerkschaftlich gearbeitet, und habe es mehr oder weniger geschafft mir einen Lebensunterhalt zu verdienen. Vor kurzem verstab meine Mutter, und mein Vater ermutigte mich meine Familie in Mauritius zu besuchen. Ich bat ihn mir die Summe für meine Rückreise zu geben. Ich reiste durch Niger wo man mir sagte, dass der “Rainbow” bus nach Mauritius fuhr. Dieser Bus war jedoch zu teuer für mich, ein Mann an der Haltestelle sagte mir, dass ein pick-up Truck durch die Wüste nach Mauritus fahren würden. Angesichts meiner finanziellen Lage entschied ich mich hierfür, da es wesentlich günstiger war.

Es waren 25 von uns, und nach kaum 100 Kilometern wurden wir von Rebellen angegriffen. Der Fahrer und Beifahrer kamen dabei ums Leben. Den Rest von uns nahmen sie gefangen. Sie verbanden uns die Augen, nahmen uns fort und verkauften uns. Sie kündigten an, dass sie die Arme aller großen und kräftigen Männer brechen würden. Deswegen wurde ich geschlagen und sie brachen mir meinen Arm mit ihren bloßen Händen. Noch nie im Leben hatte ich solche Schmerzen. Sie haben sich nie geschert mir etwas für die Besserung zu geben und haben meinen Arm einfach mit Holzstöcken stabilisiert. Das war vor ungefähr einem Monat und 10 Tagen. Sie schlugen uns mit Waffen, mit großen Stöcken und traten uns mit ihren Füßen. Sie forderten von jedem von uns, dass wir eine Summe von 2000 Euro zahlten, sonst würden sie uns nicht frei lassen. Ich sagte ihnen: ‘Ich habe kein Geld, mein Vater ist arm, wie soll ich das zahlen können?’ Aber wenn man nicht zahlt bringen die einen vielleicht um.

Einen Monat lang war ich von der Gnade der Rebellen abhängig, doch wusste ich nie wo wir waren. Ich wollte nie nach Libyen kommen, das war nicht mein Ziel. Genau wie bei den anderen Reisenden, dachte ich, ich würde nach Mauritius reisen.

Jeden Morgen schickten sie uns zur Feldarbeit. Selbst wenn dein Arm oder Fuß gebrochen ist – dann musstest du halt mit deinem anderen Arm arbeiten. Wir bekamen nur einmal am Tag etwas zu essen. Sie haben uns geschlagen, haben uns gefoltert, und jeden Tag kamen sie zu uns reichten uns ein Telefon um unsere Eltern anzurufen um uns Geld zu schicken. Sobald sie sahen, dass eine Familie bereit war zu zahlen, wurde man bevorzugt und bekam anständiges Essen. Wenn nicht, wird man weiterhin schlecht behandelt.

Ich habe es geschafft zu entkommen und das Schiff in unter einer Woche erreicht. Ich hatte Freunde die sich in einer ähnlichen Situation befanden und mich ermutigt haben, diese Reise auf mich zu nehmen. Bevor sie uns auf das Boot brachten wurden wir in einem großen Hof festgehalten und durften von dort nicht weg. Ich wusste nicht wohin das Boot mich bringen würde: erst als ich an Bord war lernte ich, dass wir nach Italien fahren würden. Ich habe nichts für die Reise bezahlt, da ich kein Geld hatte. Sobald wir auf dem Wasser waren bekam ich Angst. Ich würde das nie wieder tun, selbst wenn sie mir das Paradies versprechen.

Heute mein größter Wunsch ist, dass mein Arm wieder heilt. Ich bin schwer verletzt und das macht mir Sorgen. Die Ärztin auf dem Schiff hat sich um mich gekümmert und gab mir Papiere die ich bei meiner Ankunft vorzeigen soll, damit ich in Italien behandelt werde.”

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Text und Foto: Nagham Awada