In eigenen Worten #33: „Ich kann es nicht glauben, dass ich endlich in Sicherheit bin.“

In eigenen Worten #33: „Ich kann es nicht glauben, dass ich endlich in Sicherheit bin.“

Oumar kommt aus Senegal und wuchs in der Elfenbeinküste auf. Anna kommt aus Kamerun. Er ist Muslim, sie ist Christin. Sie hat einen Bachelor in Management, er ist Schlachter. Sie ist sehr wortgewandt, er redet nicht viel. Seitdem sich ihre Wege an der libyschen Küste kreuzten, sind die beiden beste Freunde und unzertrennlich. Auf der Aquarius feierten sie Oumars 22. Geburtstag. „Seitdem wir uns kennen, sind wir wie Geschwister,“ sagt Anna die mit ihren 26 Jahren die geborene große Schwester ist.

Beide sind wegen der Bedrohungen von Leib und Leben aus ihrer Heimat geflohen. Um in Libyen noch Schlimmeres zu erleben. Oumar möchte über diese Zeit lieber nicht reden.

Anna erzählt: „Als mein Großvater starb, gab es viel Neid zwischen meinem Vater, seinen Brüdern und Halbbrüdern. Leute drangen in mein Haus ein, um mich zu erschießen. Sie verwechselten mich mit einer meiner Tanten. Ich wurde nicht verletzt, aber sie wurde am Hals angeschossen und erlitt schwere Wunden. Mein Vater schickte mich in eine andere Stadt und dort versuchten sie mich zu entführen. Erst dann verstand ich, dass ich Kamerun verlassen musste. Ich hatte ja meine Arbeit und mein Leben! Niemals dachte ich, dass sich dies ändern würde. Ich verlasse meine Heimat nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus Sicherheitsgründen! Ich tue dies nicht gerne, denn ich vermisse meine Eltern, aber ich bin dennoch zuversichtlich was meine Zukunft angeht.“

Vier Monate lang lebte sie in Algerien. „Als Christin, musste ich meinen Glauben verstecken und mich die ganze Zeit bedecken. Wir konnten nur ganz selten vor die Türe treten.“ Sie lebte mit der Familie eines Bekannten, der ein Spirituosengeschäft besaß, welches gleichzeitig auch als Bordell diente. Anna lief schließlich davon, um der Zwangsprostitution zu entkommen und fand sich, mit weiteren ArbeitsmigrantInnen, im Laderaum eines Pickup-Trucks in Richtung Libyen wieder. Doch dies war keine normale Geschäftsreise: „Die Pickups waren mit Planen bedeckt, sodass kein Licht durchkam. Es war schwer zu atmen und einige Menschen erstickten. Wir wussten nicht, wo wir waren. (…) In Libyen, gibt es keine Anlaufstelle, falls es Probleme gibt. Jeder denkt, er sei Soldat oder Polizist. Wenn man schwarz ist, ist man nichts. Männer werden zu Zwangsarbeitern und Frauen werden vergewaltigt. Man verliert sich selbst, da man den ganzen Tag im Dunkeln verbringt, ohne irgendetwas zu tun.“

Ein Libyer kaufte ihre Freiheit und die weiterer Gefangener. Sie wurden jedoch ein weiteres Mal Zwangsarbeit und Vergewaltigung ausgesetzt. Anna bekam mit, wie viele ihre Freundinnen vergewaltigt wurden. Ein Freund half ihr, einen Schlepper zu bezahlen, um die Küste zu erreichen. Hier lernte sie Oumar kennen. In den Wochen vor ihrer Abreise war sie ein letztes Mal von der Gnade der Schmuggler abhängig, doch sie überlebte und wurde, gemeinsam mit Oumar, am 24. Mai 2016 von der AQUARIUS gerettet. „Hier auf dem Schiff, mit all diesen freundlichen Menschen, frage ich mich ob ich träume, frage ich mich ob ich nicht bald aufwache und die Libyer wieder höre: ‚Komm, komm ich will jetzt mit dir schlafen.’ Ich kann es nicht glauben, dass ich endlich in Sicherheit bin.“

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Interview: Ruby Pratka & Yann Merlin
Übersetzung aus dem Englischen: Lea Main-Klingst
Foto: Yann Merlin