In eigenen Worten #31: IBRAHIMS RECHT

In eigenen Worten #31: IBRAHIMS RECHT

Ibrahim erzählt seine Geschichte.

„Sie sagten uns, dass es nur eine Stunde bis nach Italien dauern würde, aber wir merkten bald, dass wir orientierungslos waren. Es war dunkel und wir hätten nie gedacht, dass uns jemand finden würde.“

Ibrahim gehört zu den 560 Leuten, die die Aquarius am 18. Mai 2017 von vier überfüllten Gummibooten gerettet hat. Er ist nur 18 Jahre alt, aber er hat sich die letzten sieben Jahre seines jungen Lebens selbst versorgt, fern von dem Land, in dem er geboren wurde, sowie von seiner Familie, die ihn als Kriegswaise in einem Flüchtlingslager in Guinea adoptierte.

 

„Europa war schon immer mein Traum. Ich habe Guinea verlassen, weil meine Familie arm ist und sie sich nicht mehr um mich kümmern konnten.“

Damals war Ibrahim 11 Jahr alt. Er lebte und arbeitete in Mali und in Algerien, bevor er vor sechs Monaten Libyen erreichte. Sobald er die Grenze überschritten hatte, wurde ihm sein ganzes Geld abgenommen und er hatte keine andere Wahl, als auf Baustellen umsonst zu arbeiten.

„Ich habe fürs Essen gearbeitet,“ sagt er. „Ich musste essen, aber Geld haben sie mir nie gezahlt.“

Vor zwei Nächten wurde Ibrahim von einem Freund aufgeweckt, den er von seiner Arbeit in Zabrata kannte. Er solle zur Küste laufen. „Er sagte, dies wäre meine Chance zu entkommen, dass sie mich auf ein Boot lassen würden ohne dafür zu zahlen.“

Eine Chance um zu entkommen ist, was Menschen wie Ibrahim suchen, wenn sie an der libyschen Küste an Bord eines der Gummiboote gehen. Manchmal wird ihnen erzählt, dass Italien nicht weit entfernt sein. Und das glauben sie dann auch. Meistens aber würden sie lieber auf See sterben, als dort zu bleiben, wo sie sind.

„Libyen ist die Hölle auf Erden für uns Afrikaner“, sagt Ibrahim. „Für sie (die Libyer) sind wir wie Tiere, Sklaven. Wenn du auf der Straße gehst, kann jeder dich nehmen und dich verkaufen. “

Diese lebendige Hölle war nur ein Teil von Ibrahims schrecklicher Reise durch das Leben. Geboren im kriegszerrissenen Sierra Leone, verlor er seine Eltern als Kleinkind. Er wurde ein Flüchtling in einem armen Land, wo seine Adoptiveltern nicht in der Lage waren, für ihn zu sorgen. Deshalb hat er Guinea verlassen. Nicht für Europa, sondern für ein anderes afrikanisches Land und dann wieder ein anderes. Nicht nur war er ein Gastarbeiter, er war ein minderjähriger Gastarbeiter.

All dies geschah, bevor Ibrahim jemals Libyens Hölle erreichte. Bevor er 18 Jahre alt war. Bevor er sein Leben auf See riskierte. Bevor er in einem Land ankommt, dass er als Paradies versteht. Für Ibrahim, ist das Paradies ein Ort, an dem junge Menschen in die Schule gehen können, wo Arbeiter bezahlt werden.

„Ich möchte ein neues Leben beginnen und meine Familie in Guinea anrufen, um ihnen zu sagen, dass es mir gut geht. Ich konnte sie nie aus Libyen anrufen.“

Ein neues Leben ist alles, wonach Ibrahim, genau wie Tausende von jungen Männern, die die Aquarius gerettet hat, sucht.

Ich frage mich, wer einem Jungen dieses Recht auf ein neues Leben verweigern würde. Ein Junge der seine Eltern in einem Krieg verlor, der in seiner Kindheit ausgenutzt wurde, der in einem fremden Land versklavt wurde. Wer würde Ibrahim sagen, dass er zurück über das Meer, auf dem er fast gestorben ist, nach Libyen gebracht werden soll? Wer würde ihm sagen, er hätte niemals sein Zuhause verlassen sollen? Wer würde ihm das ins Gesicht sagen?

Die Antwort ist, dass wir dies immer und immer wieder tun. Dann, wenn unsere Regierungen Verträge unterzeichnen, die Migranten in Libyen halten sollen, ist es Ibrahim, den wir dort einsperren. Wenn wir davon ausgehen, dass junge afrikanische Männer nur Wirtschaftsmigranten sind und sie nicht das Recht haben, in Europa zu bleiben, ist es Ibrahim, den wir ablehnen. Wann immer wir sagen, „sie“ sollten zu Hause bleiben, ist es Ibrahim, dem wir das Recht auf eine bessere Zukunft verweigern.

 

Text: Tiziana Cauli

Foto: Kenny Karpov

Übersetzung: Lea Main-Klingst