In eigenen Worten #30: “Für die meisten Libyer sind wir Afrikaner wie Drogen, ein schnelles Geschäft”

In eigenen Worten #30: “Für die meisten Libyer sind wir Afrikaner wie Drogen, ein schnelles Geschäft”

“Abu”, weinte meine Mutter am Telefon, “bitte geh nicht auf das Boot”. Ich hatte aber keine Wahl. Ich konnte nicht zurück. Ich weiss mittlerweile, was Afrikanern auf der Strecke durch die Wüste passieren kann.

Ich hatte schon oft von Libyen gehört. Die Arbeit seit gut bezahlt und man könnte genügend sparen um seine Familie zu unterstützen, hörte ich oft. Ich wollte eigentlich Chemie studieren, aber seit dem Tod meines Vaters, sind wir arm. Libyen war meine Chance. So dachte ich zumindest bei meiner Abreise.

Mir gelang es, meine Mutter zu überzeugen und mir Geld zu leihen. Ich reiste über Mali in den Niger los. Vor genau einem Jahr und drei Tagen.

In Agadez angekommen, wurde ich gleich nach der Ankunft von einem Gambier angesprochen, ob ich nach Libyen weiterreisen wolle. Nach kurzen Verhandlungen hatte ich eine Passage durch die Wüste gebucht und wurde in eine Lagerhalle geführt.

Am Abend der Abfahrt, wurden wir auf den staubigen Hof geführt. Dort standen zwölf, zum Teil vollbeladene Toyotas Pickups. Vorne eine Fahrerkabine, hinten eine Ladefläche von etwa 4 Quadratmetern. Ich erschrak und fragte, ob wir wirklich in diesen Autos durch die Wüste durchqueren würden. “Halts Maul!” wurde ich angeschrieben “Bezahlt hast du schon. Willst du hier bleiben?” Ich hatte Angst. Bis dahin hatte ich noch wenig Gewalt in meinem Leben erlebt.

Mit 26 Leuten auf der Ladefläche, in einem Konvoi von 12 Autos, fuhren wir mit der Warnung los “Auch wenn einer runterfällt, wir halten nicht an”.

Am vierten oder Fünften Tag, müssen wir uns verfahren haben. Von dem Konvoi, war kein Auto mehr zu sehen. Am nächsten Tag war der letzte Benzinkanister verbraucht und wir waren in der Wüste gestrandet. Einer der Fahrer sagte wir sollten anfangen zu beten. Das taten wir. Manche die ganze Nacht. Viele weinten. Andere hatten keine Kraft mehr, sie starrten nur noch in die Finsternis. Das war eine der schlimmsten Nächte meines Lebens.

Wie es das Schicksal so will, wurden wir gerettet. Für ein weiteres Auto, kam jede Hilfe zu spät. Es wurde nur noch das Gepäck geborgen. Was mit den Passagieren passiert ist, wollte keiner von uns wissen.

Untergebracht waren wir in Lagerhäusern die alle Reisende nur “Ghettos” nennen. Jeder Schleuserring hat solche Ghettos. Diese geheimen „Raststätten“ ziehen sich entlang der gesamten Schleuserrouten durch die Wüste. Unser Ghettos waren meist Gambische, benannt nach der Herkunftsland unseres Schleuserrings. Es ist ein riesiges Geschäft. Ich weiß von mindestens einem Gambischen und mehreren malischen und nigerianischen Gruppen.

In Sabah angekommen wurden wir in eines dieser Ghettos gebracht. Dieses war aber anders. Es war in libyscher Hand. Kaum in der Lagerhalle angekommen wurden an die Wand gestellt und geschlagen. Uns wurde gesagt, “ihr seit illegal in Libyen und ihr müsst zahlen”. Unsere ganze Sachen wurden durchsucht. Alles von Wert wurde beschlagnahmt. Man nahm mir mein ganzes Geld ab und ich wurde in einen Raum gezerrt und an die Wand gekettet. “Ruf deine Familie an. Die sollen uns 3000 Dinar überweisen”, wurde ich angeschrien. Ich probierte ihnen zu erklären, dass meine Familie arm sei. Sie glaubten mir nicht und fingen an mir Stromschläge zu verpassen. Ich schrie, erklärte, bettelte. Irgendwann gaben sie auf und warfen mich auf die Straße.

Ich schlug mich mit Gelegenheitsarbeit bis nach Misrata durch. Eines Tages wurde ich dort von der libyschen Polizei nach meinen Papieren gefragt. Ich hatte keine und ich wurde für mehrere Wochen in ein Gefängnis eingesperrt. Es war die Hölle. Wir wurden in Schiffscontainern zusammengepfercht. Wir waren so viele, dass wir nur zwischen den Beinen des Hintermannes, mit dem Gesicht auf dem Rücken des Vordermannes schlafen konnten. Nach mehreren Wochen in diesem stickigen und dunklen Container schaffte ich es, einen ehemaligen Chef, für den ich ab und an gearbeitet hatte, anzurufen. Er kam und kaufte mich frei. Dafür musste ich zwei Monate umsonst bei Ihm arbeiten. Danach schmiss er mich raus und ich war wieder auf der Straße.

In Tripoli angekommen schlug ich mich erneut mit Gelegenheitsarbeit durch. Oft wurde ich nur mit Lebensmitteln bezahlt, manchmal gar nicht. Ich war halt ein Illegaler. Ohne Rechte. Auf einer Baustellen wurde ich sogar über Wochen eingesperrt und musste zwangsarbeiten. In diesem Rhythmus vergingen mehrere Monate. Ich fühlte mich leer, alle Hoffnung war erloschen. Ich wollte fliehen, aber wohin? Durch die Wüste zurück? Niemals. Für die meisten Libyer sind wir Afrikaner wie Drogen, eine schnelles Geschäft. Ich wusste, der einzige Weg raus aus Libyen, geht über das Meer.

Von einem Schmuggler erfuhr ich, dass die Überfahrt mindestens 1000 Dinar kostet. Ich hatte nur 505 sparen können. Er bekam Mitleid und versprach mir einen Platz auf dem nächsten Boot. An dem Abend rief ich meine Mutter an, die mich anflehte nicht zu gehen. Am Strand gab ich dem Schmuggle meine 505 Dinars. Er nahm 500 und gab mir Fünf zurück, “behalte sie als Erinnerung”, sagte er. Mit knapp 120 anderen Menschen fuhren wir abends auf einem Schlauchboot los. In den Frühen Morgenstunden wurden wir von der Aquarius gerettet. Ich freue mich meine Mutter anzurufen und ihr zu sagen: “Dein Sohn lebt.” Den Fünf Dinar Schein habe ich übrigens immer noch in der Tasche.

Foto: Patrick Bar