In eigenen Worten #27: „In Libyen behandeln sie uns wie Sklaven“

In eigenen Worten #27: „In Libyen behandeln sie uns wie Sklaven“

Y., ein sechsundzwanzigjähriger Ivorer, berichtet darüber, was er in Libyen durchgemacht hat, bevor er in einem Schlauchboot aufs Meer hinausgeschoben wurde und am 13. Januar von der Aquarius gerettet wurde.

 

Die Aquarius steuert auf Sizilien zu, am Horizont kommen die mit Schnee bedeckten Gipfel der Monti Nebrodi in Sicht. Eisiger Wind weht über das Achterdeck. Die Freiwilligen von SOS MEDITERRANEE verteilen zusammen mit dem Team von Ärzte ohne Grenzen gezuckerten heißen Tee an die 300 vor Kälte zitternden Passagiere. Eine lange und bewegte Überfahrt liegt hinter ihnen. Zwei Passagiere mussten am Abend zuvor mit dem Helikopter nach Malta ausgeflogen werden. Zwei weitere leiden an Unterkühlung und befinden sich unter strenger ärztlicher Aufsicht in der Krankenstation der Aquarius. Die Schwächsten sind in den shelter gebracht worden, der normalerweise als Rückzugsraum für Frauen und Kinder dient. Viele der Passagiere sind völlig entkräftet: ausgelaugt und abgemagert von den Wochen oder Monaten, die sie in libyschen Gefängnissen verbracht haben. Noch müssen sie die wenigen verbleibenden Stunden bis zum Hafen von Messina durchhalten. Dorthin hat uns die Seenotrettungsleitstelle der italienischen Küstenwache (MRCC) geschickt.

Y. verlässt das shelter, weil es ihm dort zu heiß ist. „Schon in Afrika hielt ich die Hitze nicht gut aus“, sagt er mit einem schiefen Grinsen. Wenige Stunden zuvor zitterte er am ganzen Körper und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Mir wird klar, dass dieser junge Mann in den letzten drei Tagen zum ersten Mal in seinem Leben das Meer und zum ersten Mal Schnee gesehen hat. Er gehört zu den 109 Geflüchteten, die die Aquarius am Abend des 13. Januar von einem italienischen Marineschiff übernommen hat. „Von klein auf war es mein Traum, nach Europa zu gehen. Mich begeisterte die Vorstellung, meinen Horizont zu erweitern, mich weiterzuentwickeln. Aber ich hatte keine Ahnung, wie viel Leid mich erwartet.“ Der junge Ivorer steht jetzt kurz davor, seinen Kindheitstraum zu verwirklichen, aber die Begeisterung ist fort. „Ich stehe völlig allein da, meine Eltern und Brüder kamen bei gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Elfenbeinküste ums Leben“, erzählt er.

„Ich machte mich allein auf den Weg. Von der Elfenbeinküste aus ging es durch Burkina Farso und Niger und nach Libyen. Schließlich erreichte ich Al Qatrun, in die erste Stadt auf libyschem Boden, mitten in der Wüste. Ich hatte zwei Wochen lang praktisch nichts zu essen und zu trinken. Ich hatte keine Papiere, keine Dokumente, die mir hätten nützlich sein können. Man behandelte mich wie eine Ware.“ Er berichtet, dass man ihn in ein Lager sperrte, wo er nur „auf einen Löffel Nahrung und ein Brot pro Tag“ bekam. Am 3. Dezember gab es dann einen Aufruhr rings um das improvisierte Gefängnis, dessen genauen Standort er nicht kennt. „Wissen Sie, es läuft nicht gut unter Libyern, sie machen sich gegenseitig das Geschäft streitig.“

„An besagtem Tag warfen sich ein paar Leute gegen die Tür und 15 bis 20 Personen konnten fliehen. Die übrigen wurden getötet. Insgesamt starben etwa 40 Personen.“ Einige seiner Freunde wurden niedergeschossen und starben vor seinen Augen. „Mir gelang es dank der Unterstützung eines Schwarzen aus dem Niger zu entkommen. Er nahm mich mit zu sich und gab mir etwas zu essen. Er brachte mich mit anderen Männern in Kontakt und wir fuhren nach Bani Walid. Gegen Zahlung von 100 Dinars schoben sie mich in einen Geländewagen. Nach meiner Ankunft in Bani Walid gab es kein Zurück mehr.“ Dort wurde sein Helfer zu seinem Chef, erklärt Y. „Ich musste für ihn arbeiten, alles Mögliche: das Haus putzen, das Auto waschen, den Rasen mähen, auf dem Feld arbeiten. Ohne jemals bezahlt zu werden. Nur einen Löffel voll Nahrung erhielt ich, sonst nichts.

„In Libyen behandelt man uns wie Sklaven“, sagt Y. „Man lässt uns Arbeit machen, die auch Maschinen erledigen könnten, und das alles für einen Löffel Nahrung pro Tag. Ich habe Narben auf dem Rücken. Man hat mich geschlagen. Jeden Morgen bekam ich einen elektrischen Schlag, man hielt mir so ein Ding an den Oberschenkel. Eines Tages hatte ich mir einen Knochen gebrochen, ich fiel hin und verlor das Bewusstsein. Aber sie zwangen mich, weiterzuarbeiten. Sie bezahlen uns nicht, sondern schlagen uns. Das gilt für alle. Und man kann nicht abhauen. Da gibt es Kinder, 10 oder 12 Jahre alt, die mit dem Gewehr auf dich zielen und sagen: ‚Das hier ist unser Land.‘ Sie haben keine Hemmungen, abzudrücken“, fährt der junge Mann mit gleichmütiger Stimme fort.

„In Libyen kannst du einen Bewaffneten nicht von einem Polizisten unterscheiden. Das ist eine andere Welt. Überall wirst du diskriminiert. Eine Flasche Wasser kostet für einen Libyer 10 Francs, aber für uns kostet sie 50 Francs. Jederzeit kann irgendwer eine Waffe auf dich richten. Sie sperren dich ein und verlangen Geld. In Libyen kannst du dich bei niemandem über diese Behandlung beschweren. Niemand hat das Recht auf seiner Seite, nur die Libyer. Wir sind für sie eine Ware, sie verkaufen uns wie Sklaven. Auf den Straßen wird ständig geschossen. Sie sammeln die Verletzten ein und werfen sie in die Schlauchboote. Das ist eine Katastrophe!“

Natürlich bereut er, nach Libyen gegangen zu sein, natürlich will er nie wieder dorthin zurück. „Die Menschen wissen nicht, was sie erwartet. Sie kommen freiwillig und wissen nicht, wie schlimm es dort ist. In Libyen schießt man auf dich, man tötet dich, man verschleppt dich irgendwo hin. Nie weißt du, was mit dir passiert.“

Und diese Menschen finden sich dann – wie er – barfuß in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer wieder, ohne Schwimmweste, ohne GPS. Dort bleibt ihnen nichts, als zu beten, dass sie von einem Rettungsschiff aufgenommen werden. Von Europa erwartet er nichts Besonderes. Nur eins weiß er: „Ich habe Afrika für einen Neuanfang verlassen.“

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Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung aus dem Französischen: Kerstin Elsner und Sonja Finck
Foto: Anthony Jean