In eigenen Worten #25: „In Libyen biss ich mir auf die Finger und dachte, warum bin ich bloß hergekommen?“

In eigenen Worten #25: „In Libyen biss ich mir auf die Finger und dachte, warum bin ich bloß hergekommen?“

A. stammt aus Gambia. Mit 19 hat er schon Dinge erlebt, die niemand seines Alters erlebt haben sollte. Er erzählt, wie er in einer Spirale der Gewalt gefangen war, Misshandlung und Kidnapping in Libyen und er letztlich sein Leben nur durch die Flucht auf einem Schlauchboot über das Meer retten konnte.

Ich traf A. letzten Sonntagmorgen auf der Steuerbordseite der Aquarius, als sie gerade in den Hafen von Messina einfuhr. 19 Jahre alt, aus Gambia, er hatte eine schlimme Geschichte zu erzählen. „Gar kein Problem, bitte, setz dich,“ sagte er zu mir. Also setzten wir uns auf die Bank und er erzählte mir detailliert, was ihm in Libyen passiert ist. A. wollte nicht wirklich nach Europa kommen, er wollte reisen und andere Länder erkunden, nichts ahnend, dass der Trip ihn auf unser großes orangenes Schiff bringen würde.

In Gambia führte er ein Geschäft, das Räder für Touristen und kleine Reiseagenturen zur Verfügung stellte. „Ich hatte mein Geschäft, ich war glücklich, hatte ein gutes Leben.“ Also warum entschied er sich zu gehen? „Ich ging, weil mir ein Freund sagte, ich solle nach Libyen kommen,“ antwortete er. „Aber ich geriet in eine Falle. Ich gelangte in die Hände von Schmugglern, die mit unserer Hilfe arbeiten – schwarzen Afrikanern, sie arbeiten mit den Schmugglern zusammen und verdienen Geld am Menschenhandel.“, erzählt er wütend.

Sobald ich in Libyen ankam, wurde ich in ein Gefängnis in Bani Walid gesteckt. In Libyen werden Schwarze entführt, geschlagen und verhaftet. Dann verlangen sie Geld von uns und wir müssen unsere Familien bitten, dass sie das Geld an ein Konto in Ägypten senden. Sie wollten 5000 Dollar von mir, damit ich freigelassen werde. Aber so viel Geld hatte ich nicht und auch keine Möglichkeit an das Geld ranzukommen.“ Er säufzt. Es folgt der schwere Teil seiner Geschichte.

„Wenn wir nicht zahlten, wurden wir angekettet und sie verpassten uns Elektroschocks. Das passierte sehr oft (er zeigt mir eine Narbe auf seinem Handgelenk). Das machen sie, damit du ihnen das Geld gibst. Sie versetzen dir Elektroschoks und geben dir dann das Telefon, um deine Verwandten anzurufen.“

„Weißt du, einige unserer Leute stecken mit diesen Verbrechern unter einer Decke. Einige Ghanaer, Nigerianer und Gambier arbeiten für die Araber und schmuggeln Menschen nach Italien. In Bani Walid kommen einige schwarze Menschen auf dich zu, erzählen dir, sie seien Gefangene wie du und sagen, dass du mit ihnen mitkommen sollst, um die Nacht im Haus zu verbringen. Und du gehst mit, weil du niemanden kennst und Angst hast, weil Schwarze auf den Straßen Libyens immer angegriffen werden.“

„Aber am Morgen danach kommen sie auf dich zu, bitten dich, deinen Namen und eine Telefonnummer aufzuschreiben, um dich erreichen zu können. Diese Information verkaufen sie dann an die Schmuggler.“ A. bittet mich, genau das aufzuschreiben.

„Nach einer Weile gingen sie mit der Lösegeldsumme auf 1500 Dinars (1000 Euro) runter. Ich schaffte es, das Geld zu bekommen und wurde aus dem Gefängnis entlassen. Ich fuhr nach Tripoli und versuchte meinen Freund zu finden, der der mir gesagt hatte, ich solle nach Libyen kommen. Ich konnte ihn aber nirgends finden und einige sagten mir, er sei tot und wurde ermordet.“ erklärt er.

„Ich konnte nicht in Tripoli bleiben. Ich musste gehen. Warum? Weil letzte Woche hunderte Schwarze in Tripoli ermordet wurden. Das weißt du nicht? Liest du nicht die Nachrichten? 100 Menschen sind getötet worden. Man sagte ihnen sie sollen die Gebiete, in denen sie sich normalerweise aufhielten verlassen, Grigaras und An Colombia. Sie gaben letzte Woche Freitag eine Warnung raus, dass alle Schwarze gehen sollten. Ich glaube, es ist die libysche Polizei, die uns sagte, wir sollen verschwinden, wegen einer berüchtigten Schmugglerbande. Für diese Bande sind Schwarze wie Geld. Aber unsere eigenen Leute arbeiten mit ihnen zusammen. Sie brachten sie sogar auf die Idee. Sie erzählten ihnen, dass unsere Familien Geld für uns bezahlen würden. Und sie erhalten ihren Anteil. Ich weiß zum Beispiel, dass in einem Gefängnis in Zawirah, Menschen Geld auf ein Konto in Gambia einzahlten, um freigelassen zu werden.“ betont er.

„An diesem Punkt, hatte ich keine andere Wahl als nach Europa zu flüchten. Also nahm ich ein Boot in Sabratah. Ich musste 1200 Dinars (800 Euro) für die Reise bezahlen. Ich hatte allerdings nicht so viel Geld, also bezahlte ich nur 900 Dinars (600 Euro). Um von Tripoli nach Sabratah zu gelangen, steckten sie mich in den Kofferraum eines Autos, dann blieben wir dort für eine Woche und danach habe ich keine Erinnerung mehr. Irgendwann fand ich mich auf dem Boot wieder.“

„Kannst du dir das vorstellen? Das sind unsere eigenen Leute, die dieses Geschäft betreiben! Ich hatte nie geglaubt, dass Menschen so etwas tun könnten, ich habe es niemals für möglich gehalten, wirklich nicht. In Gambia hatte ich ein glückliches Leben. Ich arbeitete in der Tourismusbranche. Ich spreche drei Sprachen. Ich war doch nur neugierig etwas Neues zu entdecken und wollte meinen Freund in Tripoli besuchen. Aber dann, in Libyen… biss ich mir auf die Finger und dachte, warum bin ich bloß hergekommen? Wenn ich all das vorher gewusst hätte, wäre ich nie hergekommen.“

Ehe das Schiff auslief und wir uns verabschiedeten, schrieb A. mir die Internetadresse seines Geschäfts in Gambia auf. Ich schaute mir seine Seite später im Internet an. Auf der Homepage sah man ein Foto von ihn – grinsend auf einem Mountainbike. Das Foto entstand vielleicht vor einem Jahr, was einem jetzt wie eine Ewigkeit her zu sein scheint.

Als dieses Bild aufgenommen wurde, hatte A. noch keine Ahnung, dass er sich schon bald zur schlimmsten Reise seines Lebens aufmachen würde, die damit enden würde, dass er seine ersten Schritte auf europäischen Boden barfuß machte, eingewickelt in eine graue Decke, an einem kühlen Morgen des 17. Januars 2017 im sizilischen Hafen von Messina.

Und ganz plötzlich, brachen mir seine zerplatzten Träume das Herz.

***

 

Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung aus dem Französischen: Franziska Schneider & Theresa Kuschka