In eigenen Worten #23: „Wir wollten gar nicht nach Europa“

In eigenen Worten #23: „Wir wollten gar nicht nach Europa“

Tareq* ist vielleicht Mitte dreißig. Wir fragen ihn jetzt nicht, da wir nur ein kurzes Gespräch mit ihm führen. Er sagt „Ich habe als Ingenieur in Algerien gearbeitet. Ich hatte einen guten Job. Eines Tages wurde ich einfach entführt und nach Libyen gebracht. Sie zwangen mich auf ein Boot. Ich wollte nicht auf das Boot gehen, aber ich hatte keine Wahl. Glaub mir, ich wollte nicht nach Europa gehen, mir ging es gut in Algerien, ich möchte zurück zu meiner Arbeit.“

Es handelt sich um keinen Einzelfall, der deutlich auf Menschenhandel hinweist. Wir hören immer mehr Berichte wie diese von Menschen, die wir gerettet haben. Ibrahim* aus dem Senegal hat alles verloren. „Boko Haram hat meine Mutter, meinen Vater und andere Verwandte umgebracht. Wir lebten in einem kleinen Dorf im Süden. Ich musste fliehen. Dann habe ich diese Schmuggler getroffen. Sie brachten uns durch die Wüste. Es war schrecklich. Da waren viele tote Menschen, sie hatten kein Wasser und nicht zu essen.“ Außerdem war er gezwungen in ein Auffanglager in Libyen zu gehen, als er das Land erreicht hatte. „Eines Tages wurde ich an jemanden übergeben und musste dort auf einer Farm arbeiten. Ich habe kein Geld bekommen. Und einige Monate später brachten sie mich zum Strand und zwangen mich auf ein Schlauchboot.

 

Auf der Aquarius sprach ein Kollege mit einem anderen jungen Mann, der gerettet worden war. „Ich bin seit drei Jahren unterwegs. Ich war in verschiedenen Ländern um zu arbeiten und dann brachten Schmuggler mich nach Libyen. Ich habe noch nicht mit meiner Mutter gesprochen, weil ich mir selbst versprochen habe, sie erst anzurufen, wenn ich in Sicherheit bin.“ Als Frank* nach seiner Rettung auf die Aquarius kam, war seine Kleidung vollgesogen mit Salzwasser und Diesel. Seine Sachen wurden entsorgt und stattdessen gaben wir ihm einen neuen, trockenen Trainingsanzug. „Aber die Telefonnummer meiner Mutter war in der Tasche meiner alten Sachen. Können wir sie bitte finden?“ fragte er. Einige fingen an die großen Mülltüten zu durchsuchen und fanden sie tatsächlich in einem der Mülleimer. Dies ist das einzige was einen jungen Mann noch mit seiner Mutter verbindet – ein Stück Papier mit einer Telefonnummer darauf. Ein Kollege nahm den Zettel mit der Nummer, laminierte ihn ein und gab ihn dem jungen Mann zurück. „Ich werde sie anrufen, wenn ich sicher an Land bin“, sagt der junge Mann.

Unser Fotograf Kevin sprach mit einigen Männern aus Westafrika. Viele von denen, die wir gerettet haben, haben jahrelange unbezahlte Zwangsarbeit in Libyen hinter sich. „Einige zeigten mir ihre Wunden von der Folter und fingen nach einer Weile an, darüber zu sprechen. Man kann es kaum glauben, wenn man sieht wie sie dich anlächeln und einfach weitermachen. Jetzt können sie hoffentlich nach vorne blicken und die Vergangenheit vergessen“ sagt Kevin. „Ich habe am Ende meiner Schicht einen Mann auf dem Oberdeck getroffen und wir blickten beide einfach Richtung Süden. Der Mann sagte zu mir: „Libyen… nicht gut… vielen Dank! Merci!“ – das war’s. Keine weiteren Fragen, keine weiteren Worte, nur wir und der Sonnenuntergang.“

 

(* Namen geändert)

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Text: René Schulthoff
Übersetzung: Ilona Rüsch
Photo: Kevin McElvaney