In eigenen Worten #22: „Ich ertrage den Anblick des Meeres nicht mehr“

In eigenen Worten #22: „Ich ertrage den Anblick des Meeres nicht mehr“

Die Autorin Marie Rajablat reist seit zwei Wochen auf der AQUARIUS mit. Zwei Wochen lang wird sie Zeugin verheerender Schiffbrüche im Mittelmeer. Nach den Rettungseinsätzen befinden sich die Überlebende in der Regel bis zu zwei Tagen an Bord der AQUARIUS. Eines Tages schreibt Marie nach ihrer Wache auf dem Achterdeck nieder, was sie gesehen, gehört und erlebt hat.

Nachdem die Rettungsaeinsätze und die Aufnahme der Schiffbrüchigen beendet sind, nimmt die AQUARIUS Kurs auf Italien. Das Schiff ist brechend voll. Ich laufe zwischen dem Vorder- und dem Achterdeck hin und her und sehe nach, ob alles in Ordnung ist. Dem einen die Wasserflasche auffüllen, dem anderen eine Decke holen, alle regelmäßig über den Stand der Rettungseinsätze informieren: All das ist lediglich ein Vorwand, um Zeit mit den Menschen zu verbringen. Die Anwesenheit von 400 völlig erschöpften, von Schmerzen und traumatischen Erinnerungen geplagten Schiffbrüchigen erfordert ein hohes Maß an Wachsamkeit, damit alles reibungslos läuft und Seeleute, Rettungsteams und Ärzt*innen ihre Arbeit machen und alle wohlbehalten an Land bringen können.

Moussa* sitzt zusammen mit seinen Freunden backbord auf einem der Staukästen. Zwei Tage und zwei Nächte genügen unter diesen Umständen, um sich anzufreunden: „Komm her, Mama, du hast gesagt, du wärest die Autorin hier. Ich möchte, dass du die Geschichte meines Freundes Sila aufschreibst. Sila – seine Seele möge in Frieden ruhen – ist etwas Schreckliches zugestoßen. Während der Überfahrt war er derjenige, der mir Mut gemacht hat und immer wieder sagte, ich dürfe die Hoffnung nicht verlieren. „Warum sollte uns Allah bis hierhin begleitet haben“, sagte er, „um uns jetzt uns selbst zu überlassen, wo er doch weiß, warum wir fortgegangen sind. Er weiß, dass wir es getan haben, um unseren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen. Wenn wir sterben, werden viele Leben in Gefahr sein… Hab Vertrauen, mein Freund. Allah ist groß. Wir müssen durchhalten, wir werden es schaffen…“ Dann beschreibt mir Moussa, wie es den anderen Menschen ging, die um ihn herum im Boot saßen. Alle hatten Hunger und froren erbärmlich. Den meisten war bei dem hohen Seegang speiübel. Im Laufe der stundenlangen Überfahrt bekamen einige einen Schwächeanfall und rutschten auf den Boden des Bootes. So erging es auch Moussas Freund. „Als wir im Boot saßen, hatten wir beide Bauchschmerzen. Er hatte mit Treibstoff vermischtes Wasser geschluckt. Ich habe ihn die ganze Zeit festgehalten. Ich habe versucht nicht einzuschlafen, um ihn nicht allein zu lassen und um zu verhindern, dass er bis ganz nach unten auf den Boden des Bootes rutscht.“ Moussa schweigt lange, sehr lange und presst seinen Hinterkopf gegen die Bootswand. Ich sehe genau, wie er versucht, die Fassung zu bewahren, aber dann kommen ihm doch die Tränen. Henri*, ein Weggefährte, dreht den Kopf zur Seite. Auch er muss weinen. Moussa spricht weiter: „Er hat mich vollgekotzt. Vollgeschissen. Ich hielt seine Hand, denn wir hatten Angst. Und nun ist er nicht mehr da, während ich lebe. Letzte Nacht bin ich aus dem Schlaf hochgeschreckt. Ich glaubte, wir säßen immer noch in diesem Boot. An Deck bewegte sich etwas. Als ich mich umsah, hatte ich ein komisches Gefühl. Mit geschlossenen Augen sah ich meinen Freund vor mir, aber wenn ich die Augen öffnete, sah ich ihn auch.

Dann erzählt mir Henri seine Geschichte: „Es stimmt, Mama, wir glaubten alle sterben zu müssen. Ich hatte Angst um meinen kleinen Bruder. Er hatte viel Treibstoff und Meerwasser geschluckt. Er reagierte nicht mehr. Als der Hubschrauber ihn gestern Abend abholte, glaubte ich, ich hätte ihn verloren. Ich hielt ihn für tot…Wie sollte ich das nur meinen Eltern sagen… Gott sei Dank, geht es ihm inzwischen besser.“ Henri schweigt und schaut in die Ferne.

Brahim* hört den beiden Älteren zu. Auch er starrt mit leeren Augen vor sich hin, als ob er sich noch auf dem Boot wähnte. So verharrt er mehrere Stunden lang. Ich spreche ihn nicht an, behalte ihn aber im Blick. Später, bei Einbruch der Dunkelheit, frage ich ihn nach seinem Befinden. Er antwortet: „Ich war in dem Boot mit den Toten. Ich weiß, dass ihr einige der Leichen an Bord habt. Ich möchte wissen, ob meine Freunde darunter sind. Ich möchte wissen, ob sie hier an Bord sind oder ob sie noch im Meer treiben.“ Mithilfe der anderen erstellt er eine Liste. Es sind neun Jugendliche. Er beschreibt ihre Kleidung und auffällige Erkennungsmerkmale. Die Überprüfung ergibt, dass niemand von ihnen an Bord ist. Sie sind also alle ertrunken.

Dann ist da noch Zeineb*. Sie war auf dem gleichen Boot wie Brahim und hat als einzige Frau überlebt. Zeineb wurde vor ein paar Jahren zwangsverheiratet und hat irgendwann beschlossen, sich den Misshandlungen ihres Mannes durch Flucht zu entziehen. Sie macht sich zusammen mit ihrer Freundin Fatiah auf den Weg. Fatiah will zu ihrem Mann, der es letzten Sommer nach Italien geschafft hat. Zeineb erzählt ohne Umschweife: „Gleich nach der Abfahrt sagten ein paar Männer, dass wir nicht mit diesem Boot losfahren könnten, weil der Motor seltsame Geräusche von sich gebe und bereits Wasser ins Boot eingedrungen sei. Daraufhin wurden sie geschlagen und ins Boot geworfen. Wir konnten nicht mehr zurück. Wir fuhren in die Nacht hinaus, gegen Mitternacht oder ein Uhr morgens. Es war sehr windig. Das Wasser im Boot stieg immer höher. Die Menschen im Boot hatten Angst. Einige schrien, andere beteten zu Gott. Einige Männer sagten, wir sollen uns nicht bewegen, um das Boot nicht zum Kentern zu bringen. So ging das eine ganze Weile, zwei oder drei Stunden lang vielleicht, keine Ahnung. Dann wurde der Wellengang stärker und das Boot kenterte. Die meisten von uns konnten nicht schwimmen. Durch den Wind wurde das Boot von uns weggetrieben. Die Menschen klammerten sich aneinander fest. Alle schrien. Das Boot entfernte sich immer mehr. Ich weiß nicht, wie ich es zum Boot geschafft habe, ich kann nicht schwimmen. Einigen Männern gelang es, das Boot wieder umzudrehen und hineinzuklettern. Ich klammerte mich von außen an den Seilen fest, und die Männer versuchten, uns loszuwerden. Dann kam das Rettungsschiff und man warf uns Schwimmwesten zu. Die Männer versuchten zu verhindern, dass wir an die Westen rankommen. Ich habe mich am Rücken eines Jungen mit Schwimmweste festgeklammert. Dann holte man uns an Bord.“ Ich frage Zeineb mehrfach, ob sie Angst hatte, was sie wiederholt monoton verneint. Doch wie die anderen Geretteten sieht sie die Gesichter der Ertrinkenden vor sich, ganz gleich ob ihre Augen offen oder geschlossen sind. Sie hört ihre Schreie und ihre letzten Worte. Sie sagt: „Ich ertrage den Anblick des Meeres nicht mehr.“ In der Tat hat sie den Schutzraum im Bauch des Schiffes seit ihrer Ankunft an Bord nicht ein einziges Mal verlassen.

Man könnte meinen, dass Mambie* das Erlebte am besten wegsteckt. „Ich wollte weggehen, weil ich in meinem Land nicht an das notwendige Material für Schuhe, Gürtel und Taschen herankam. Ich bin Schuster von Beruf …“ Und schon zählt er mir sämtliche Länder auf, die er auf der Suche nach Leder durchquert hat. Mambie sieht mir fest in die Augen, redet wie ein Wasserfall und gerät ins Schwärmen: „Gute Schuhe sind wichtig, Mama, um einen festen Stand zu haben und dorthin gehen zu können, wohin man möchte …“ Dann bricht er mitten in seinen wirren Ausführungen über die Herstellung von Absatzschuhen ab und sein Blick verliert sich in der Ferne: „Im Gefängnis war es hart… Ich kam von Agadez nach Tripolis… Die Leute in Libyen mögen keine Schwarzen… Dort sperrt man uns ins Gefängnis… Ich war sieben Monate lang eingesperrt… Dann konnte ich fliehen… Ich hatte Angst vor dem Meer, aber ich hatte keine Wahl…“ Mambie erzählt jedem, der ihn anspricht, lang und breit die Geschichte von seinem Beruf und seiner Suche nach Leder, in exakt derselben Reihenfolge, mit demselben Inhalt, denselben Orten. Irgendwann bricht seine Erzählung plötzlich ab. Als wäre zwischen dem Gefängnis und der AQUARIUS nichts geschehen…

Moussa ist 19. Er kommt von der Elfenbeinküste. Henri ist 18. Er kommt aus Kamerun. Brahim ist 12. Er kommt aus dem Senegal. Zeineb ist 19. Sie kommt aus Mali. Mambie ist 18. Er kommt aus Gambia. An diesem Morgen haben sie gemeinsam mit allen anderen zum ersten Mal italienischen Boden betreten.

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*Vornamen geändert. Jede*r hat sich seinen Pseudonym selbst ausgesucht.

Text: Marie Rajablat
Übersetzung: Kerstin Elsner & Sonja Finck
Foto: Laurin Schmid