In eigenen Worten #21: „Am Montag rufe ich meinen Papa an“

In eigenen Worten #21: „Am Montag rufe ich meinen Papa an“

14. und 15. November 2016
Zeugnis von Oumar*


Oumar schluchzt vor den Toiletten. Um ihn herum unterhalten sich mehrere junge Männer, sie können kein Auge zutun, stehen noch unter dem Schock der Rettung ihres Schlauchboots, die vor ein paar Stunden zu einer Tragödie wurde. An diesem Nachmittag des 14. Novembers sprangen bei der Ankunft der AQUARIUS 70 Insassen des Schlauchboots unter Panik unmittelbar ins Wasser. Zuvor mussten sie Abgase inhalieren und Verbrennungen durch das Benzin-Salzwasser Gemisch erleiden. Ein Alptraum für die Rettungcrew von SOS MEDITERRANEE,  die immerhin 114 der 119 Insassen des Bootes retten konnte. Fünf leblose Körper lagen am Ende des Rettungseinsatzes auf dem Boden des Schlauchboots. In Leichensäcken wurden sie einer nach dem anderen vom Schlauchboot geborgen und auf das Vorderdeck der AQUARIUS gebracht.

Nachdem sich die unmittelbare Panik des Rettungseinsatzes gelegt hatte, wurden den Überlebenden die Abwesenheit der fünf Opfer schnell bewusst:
„Ich bin traurig, denn ich denke an meinen Freund, der in dem Boot gestorben ist. Er hieß Oumar, wie ich. Da wir den selben Vornamen hatten, haben die anderen uns ‚Ouma Ouma‘ gerufen, so nennt man bei uns zu Hause Leute, die den selben Vornamen tragen. Ich kannte auch einen der anderen Toten, wir hatten uns in Algerien kennengelernt, haben viel ausgetauscht, zusammen gegessen“, erzählt Oumar zwischen zwei Schluchzern. „Als ich sie hier auf dem Schiff nicht gesehen habe, wurde mir klar, dass sie tot sind. Wir reden von ihnen, weil wir nicht schlafen können“.

Auch die anderen um Oumar herum reden über das Geschehene, analysieren wieder und wieder die Ereignisse. „Oumar war Imam, bevor wir in das Boot gestiegen sind, sagte er uns, wir sollten keine Angst haben. Er war sehr ruhig, als würde er seinen Tod kommen sehen. Und dann, als ich endlich an Bord von Eurem Schiff angekommen bin, da habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich habe mir gesagt, dass er entweder im Meer ist, oder in Italien, denn ich war nicht mal sicher, dass er in Libyen wirklich ins Schlauchboot gestiegen war“. Oumar versucht zu erklären. „Wir hatten es eilig aufs Meer zu kommen, verstehen Sie?! Wir sind in aller Hast in das Schlauchboot gestiegen, ich saß in der Mitte, ich habe die Wellen nicht gesehen. Aber an den Seiten hatten die Leute Angst. Manche sind vom Benzin verbrannt worden, viele haben Meerwasser getrunken. Die Benzinkanister sind kaputt gegangen als wir darauf gestiegen sind um zu Winken, sie waren von schlechter Qualität. Mich hat das Benzin auch verbrannt, deswegen bin ich irgendwann ins Meer gesprungen“. Aus der Ferne, vom hinteren Deck der AQUARIUS aus, konnte man tatsächlich sehen wie die Menschen die Benzinkanister schwenkten, um auf ihre Notsituation aufmerksam zu machen.

„Als wir hier an Bord gegangen sind, konnten wir sofort duschen, um das Benzin zu entfernen, das uns die Haut verbrannte. Das war eine zweite Chance. Zu dem Zeitpunkt dachte ich noch, alle hätten überlebt. Ich habe nicht sofort gemerkt, dass Oumar nicht unter uns war“. Er fragt, ob er das Foto des Körpers seines Freundes sehen kann. Später erzählen ihm die Personen, die seine Leiche gesehen hatten, dass das Gesicht des jungen Mannes verbrannt war, zerfressen von der Mischung aus Benzin und Salzwasser.

Am nächsten Morgen, während 23 Flüchtende, die zuvor von einem anderen Schiff gerettet wurden,  an Bord der AQUARIUS kommen, kann Oumar trotz einer schlaflosen Nacht wieder lächeln. Die 23 Überlebenden waren am Tag vorher von dem Öltanker Maerck Erin aus dem Meer geborgen worden. „Bei diesem Schiffbruch sind 99 Menschen gestorben. Unter den 23 Überlebenden ist dieser kleine, fünfzehneinhalb Jahre alter Guineer. Den  muss ich jetzt aufmuntern. Er ist noch niedergeschlagener als ich, ich muss ihm helfen“, sagt der junge Mann.

Im Laufe des Tages gewinnt Oumar Abstand zum Geschehenen. „Für mich ist die Lehre dieser Reise, dass es nicht auf Mut oder Geld ankommt, sondern auf Glück. Es ist, als wäre die Ankunft auf Eurem Boot eine zweite Chance, als würde man noch einmal geboren. Wir bekommen eine zweite Chance“, erklärt er. Er würde es aber sicher nicht noch einmal machen. „Wenn wir über Libyen sprechen,  sind wir ein bisschen traurig. Ich bin zwei Wochen in Libyen geblieben, es gab nur zwei Mal am Tag etwas zu essen, Reis oder Spaghetti, einen Teller für durchschnittlich sieben Leute. Mein Freund Oumar konnte Arabisch und er übersetzte, was die Wächter sagten. Aber die haben uns geohrfeigt, sie haben uns geschlagen, wann immer wir miteinander redeten“.

Trotz des Alptraums auf dem Meer am Vortag, hatte Oumar in der Wüste –die er „Sandmeer“ nennt- mehr Angst als im Meer, das er in den Ferien in Abidjan schon gesehen hatte. Die Vorstellung von Oumar in Badehose, beim Fußballspielen mit seinen Freunden am Strand von Abidjan, anstelle zitternd und um seine Freunde weinend auf diesem Boot, hat etwas Tröstendes.

Der Regen, der in dicken Tropfen zu Fallen beginnt, unterbricht unser Gespräch. Ein schweres Gewitter entlädt sich auf der AQUARIUS, die sich der italienischen Küste nähert. In aller Eile müssen Decken verteilt und ein trockener Ort gefunden werden. Diese Reise erscheint uns schon unendlich… wie muss es erst für Oumar und seine Mitreisenden sein?

Wenige Minuten später treffe ich wieder auf Oumar, in seinen goldenen Umhang gewickelt. Er hat es eilig nach Europa zu kommen, um seiner Familie Bescheid zu geben. „Wir möchten unseren Eltern sagen, dass wir gerettet worden sind. Sie leben in Todesangst wenn sie nicht wissen wo wir sind. Am Montag rufe ich meinen Papa an. Freunde und Familie fehlen mir. Aber wenn sie erfahren, dass ich in Europa bin, wird es eine große Freude für sie sein und Ihr hier auf dem Schiff seid wie eine neue Familie, das macht es etwas leichter“. Er verspricht, dass er in Italien zur Schule gehen und alles daransetzen wird, einen Abschluss zu bekommen. „Erst werde ich mich an das Leben in Italien gewöhnen, dann werde ich zur Schule gehen um zu lernen, mich auszubilden und wenn ich einen Abschluss habe, gehe ich zurück nach Hause“, hofft er.

Oumar möchte Bauingenieur werden. „Zu Hause ist das nicht einfach. Die meisten Ingenieure werden in Europa ausgebildet und es ist nicht leicht ein Visum für Frankreich zu bekommen. Manche haben das Glück mit dem Flugzeug zu reisen, das ist schneller. Aber wir nicht“. Oumar hat also sein Leben aufs Spiel gesetzt um in Europa studieren zu können. Meine Gedanken wandern zurück und verweilen auf dem Uni-Campus, wo ich mein Erasmus Auslandsjahr gemacht habe. Der Unterschied zwischen unseren Leben und ihren ist beschämend.

Oumar fühlt sich besser nachdem er mir seine Geschichte erzählt hat, darüber sprechen konnte. „Jetzt sind wir Freunde fürs Leben, oder? Sie kommen mich mal in der Elfenbeinküste besuchen, ich möchte sie zu Tabaski einladen, das ist ein großes Fest bei uns“. Die Großzügigkeit dieser barfüßigen Männer ist bewegend. Aber es ist keine Zeit für große Gefühle, der Regen wird immer stärker. Oumar geht zurück zu seinen Kameraden und alle verschwinden nach und nach unter ihren grauen Decken. Er muss nur noch ein paar Stunden ausharren bevor er, endlich, Europa erreicht… und seinen Papa anrufen kann.

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*Name von der Redaktion geändert

Interview & Text : Mathilde Auvillain
Übersetzung : Verena Von Derschau
Photos : Laurin Schmid