In eigenen Worten #20: „Ich träume von einem guten Leben für mein Kind“

In eigenen Worten #20: „Ich träume von einem guten Leben für mein Kind“

Ja ich spreche Englisch.“ B. ist 33 Jahre alt, trägt einen roten Pullover, Jeans und intakte Schuhe. B. unterscheidet sich von den «regulären» Geretteten, die wir seit Einsatzbeginn im Februar 2016 auf der AQUARIUS willkommen geheißen haben. B., seine Frau und deren 9 Monate altes Baby brauchten keine der Dinge aus unserem rescue kit wie Kleidung, frische Unterwäsche. Sie haben warme Klamotten, sogar ihre Reisepässe, eine Tasche und Handys.

B. ist Syrer. Gemeinsam mit seiner Frau und seinem Kind wurde er am Montag dem 28. November von einem italienischen Marineschiff „Nave Grecale“ gerettet und dann ein paar Stunden später an Bord der AQUARIUS gebracht. Es ist nicht das erste Mal, dass die AQUARIUS Syrer*innen an Bord begrüßt, aber zum ersten Mal ist es eine größere Gruppe, 24 um genau zu sein.

Es ist ein starker Gegensatz. Syrische Flüchtende rauchen, erkundigen sich nach dem Wi-Fi Passwort, sie sehen das Essen wie eine normale Mahlzeit an, ihre Kinder spielen mit den Smartphones. Die Flüchtenden aus Subsahara-Afrika hingegen erreichen uns meist barfuß, ohne jegliche Besitztümer und die wichtigsten Telefonnummern oft auf ihre T-Shirts geschrieben. Doch Syrer*innen werden nicht auf überfüllte Boote geschickt.

Unser Boot war in einem guten Zustand, 7 Meter lang, wir alle hatten Rettungswesten. Wir waren 31 Menschen, alles Syrer und Palästinenser. Ja, 17 Erwachsene und 14 Kinder“ sagt B. Neben ihm nickt seine Frau mit dem Kopf. Sie hält die kleine Tochter in den Armen. Sie heißt Kulizar, übersetzt bedeutet das gelbe Blume.

Als B. in 2011 aus Syrien floh war er noch ledig. Er wohnte in einem Dorf in der Nähe von Aleppo. „Jetzt ist meine ganze Familie in die Türkei geflohen, unser Dorf in Syrien ist in den Händen des IS.“ „Ich bin geflohen, weil ich nicht Teil der Armee sein wollte, ich kann nicht auf Menschen schießen, ich möchte damit nichts zu tun haben, ich kann noch nicht mal auf Vögel schießen.

B. berichtet von seiner Reise, während er durch die Seiten seines syrischen Reisepasses blättert. Er verließ Syrien im Dezember 2011 in Richtung Jordanien. Von hier aus fuhr er eine ganze Nacht nach Ägypten, wo er einen Tag später ankam. Im Januar 2012 erreichte er Tripoli, bereit ein neues Leben anzufangen.

B. lebte vier Jahre lang in Libyen, arbeitete als Fahrer und als Türkisch-Arabisch Übersetzer. Sein Großvater stammte aus der Türkei und B. spürt immer noch eine starke Verbindung zu diesem Land, wollte zu einem Zeitpunkt auch in die Türkei Asyl beantragen, um dem gefährlichen Libyen zu entkommen. Dann lernte er seine Frau kennen, „meine Liebe“, wie er sie mit strahlenden Augen beschreibt. Im März diesen Jahres kam dann schließlich ihre Tochter in Misrata, Libyen, zur Welt. Aber nach einiger Zeit entschlossen sie sich, wegen der zunehmenden Gewalt zwischen den Milizen das Land zu verlassen. „Es gibt Milizen, keine Polizei, keine Armee, du weißt nie wer dir gerade seine Waffe an den Kopf hält. Wenn du nicht Libyer bist, kannst du dort nicht in Frieden leben,“ sagt er. „Wir konnten nicht länger in Libyen bleiben, es wurde zu gefährlich. Jeder hat dort eine Waffe, Jugendliche und Erwachsene, sie alle haben Waffen. Wenn sie Geld, oder irgendwas anderes von dir wollen, halten sie dir einfach ihre Pistole entgegen und drohen dir mit dem Tod.

Ich träume von einem guten Leben für mein Kind. Sie wurde in Misrata geboren, hat aber einen syrischen Pass. Zuerst wollte ich in die Türkei, doch wir bekamen kein Visa für meine Frau, da sie Marokkanerin ist. Nachdem ich vor zwei Wochen mit ein paar Freunden sprach, entschloss ich, die Überfahrt nach Europa zu wagen.“ B. will nach Deutschland oder Holland, wo er Freunde hat. Er zahlte 2.000 Dollar für seine Familie, um auf dieses kleine Boot zu kommen, zusammen mit weiteren Syrer*innen und Palästinenser*innen. Trotz der Gefahren, die eine Überfahrt über das Mittelmeer mit sich bringt. Für sein Baby, seine Liebe und sich.

 

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Text: Mathilde Auvillain
Photos: Mathilde Auvillain und Laurin Schmid
Übersetzung: Lea Main- Klingst