In eigenen Worten #19/2: „Wir wissen, dass wir jetzt in Sicherheit sind“

In eigenen Worten #19/2: „Wir wissen, dass wir jetzt in Sicherheit sind“

Zeugnis von Prince, 2. Teil


Überfahrt und Rettung: „Wir wissen, dass wir jetzt in Sicherheit sind, dass wir den Banditen nicht mehr hilflos ausgeliefert sind.“

„Ich entschied mich für die Überfahrt, nachdem ich all diese Leute gesehen hatte, die so fest entschlossen waren. Anfangs sagte ich zu ihnen: ‚Macht das nicht!‘ Denen, die einen Universitätsabschluss hatten, sagte ich: ‚Du bist für Afrika wichtiger als für Europa!‘ Ich fand es schlimm, wenn alle gut ausgebildeten Leute nach Europa gehen. Sie antworteten: ‚Wir müssen dort Zuflucht suchen, weil wir hier nicht sicher sind.‘ Daraufhin änderte ich meine Meinung. Ich habe mir vorgenommen, in Europa Zuflucht zu suchen, bis die Regierung in meiner Heimat abgesetzt ist und ich den Kampf dort weiterführen kann. Es ist auf jeden Fall besser, in meiner Heimat für Veränderungen zu kämpfen, als in Libyen zu bleiben. Also bin ich nach Europa aufgebrochen. Dort werde ich endlich wieder Kontakt zu meiner Familie haben können. Ich möchte ihnen sagen, dass es mir gut geht und ich in Sicherheit bin. Ich werde auch meine Freunde kontaktieren und sie fragen, ob sich die Lage beruhigt hat. Aber ich glaube, dass der Präsident eine dritte Amtszeit anstrebt. Dann wären die Mandinka weiter an der Macht, was wir ablehnen. Wir Fulbe kennen uns in der Wirtschaft aus, wir sind gut ausgebildet und nicht arm. Ich komme aus einer wohlhabenden Familie. Wir brauchen Europa nicht. Wir haben kleine Läden und Geschäfte und eine gut funktionierende Familie. Ich weiß, dass ich in der Heimat anerkannter bin als woanders. Wenn es dort wieder besser ist, möchte ich zurück. Sobald es eine neue Regierung gibt und es sicherer ist, kehre ich heim.“

Prince wünscht sich nichts sehnlicher, als dass der Alptraum ein Ende hat und er in Europa eine Zuflucht findet. Obwohl er weiß, dass es nicht leicht werden wird, möchte er sein Leben wieder selbst in die Hand nehmen und später nach Guinea zurückkehren.

“Mein Vater hat mir immer gesagt, dass Europa schwierig ist. Er hat in Deutschland und Frankreich studiert. Ich kenne mich also ein bisschen mit der Einwanderung nach Europa aus. Ich wollte eigentlich nie auswandern. Viel lieber wäre ich aus reiner Neugier mal hingefahren und dann wieder zurückgereist. Nicht so jedenfalls. Ich weiß, dass es überhaupt nicht leicht werden wird. Aber sobald die Lage in meinem Land sich beruhigt, kehre ich zurück. Ich glaube nicht, dass das den Leuten in Europa klar ist.”

“Bei unserer ersten Begegnung, als wir noch auf dem Schlauchboot waren, habt ihr uns gesagt, dass wir jetzt in Sicherheit seien. Das waren die ersten Worte, die ich hörte. Wir wissen, dass wir den Banditen nicht mehr hilflos ausgeliefert sind, wir wissen, dass wir jetzt und auch in Zukunft in Sicherheit sind. Hier begegnen wir echten Menschen. Für euch sind wir normale Menschen. In Libyen hat man uns nicht wie Menschen behandelt, aber wenn Leute, die ganz anders sind als wir, uns akzeptieren, dann fühlt man sich sicher. Endlich können wir über unsere Kultur reden. Endlich fühlen wir uns frei.“

Und später? „Ich möchte mein Land versöhnen.“

„Ich träume davon, in die Politik zu gehen . Ich möchte mein gespaltenes Land versöhnen. Mein Traum ist es, einen Abschluss in Politikwissenschaft zu machen und eine bunte Partei zu gründen, in der man nicht auf die Ethnie der Menschen schaut. Für mich ist Guinea ist das Paradies auf Erden. Wir besitzen Gold, Diamanten, Bauxit. Vor der Unabhängigkeit waren wir der größte Bananenproduzent Afrikas! Es gibt genug Wasser, und wir leiden noch nicht unter dem Klimawandel. Ich wäre gerne ein Vorreiter der Versöhnung, damit die Menschen in meinem Land wieder zusammenfinden. Damit sich alle wieder als Brüder verstehen. Bei uns gibt es keine Religionskonflikte. Es ist ein ethnisches Problem. Ich wünsche mir Redefreiheit und Reisefreiheit für mein Land.“

Wir haben mehr als 50 Minuten auf dem Deck der Aquarius miteinander gesprochen, an Bord sind etwa 500 Menschen, die meisten aus Westafrika. Wir befinden uns mitten auf dem Mittelmeer, zwischen Afrika und Europa.

„Wenn sich nur nicht immer alle in unsere Politik einmischen würden. Wir Afrikaner müssen eigene Lösungen für unsere Probleme finden. Wir müssen uns selbst regieren. Man zwingt uns ein Regime auf, aber wir haben eine eigene Kultur – man sollte uns machen lassen! In Westafrika werden uns die Machthaber immer von außen aufgezwungen. Aber um etwas verändern zu können, muss man das Land gut kennen. Ich möchte derjenige sein, der mein Land verändert, oder Teil einer Gruppe sein, die es verändert. Ich hoffe sehr, Sie eines Tages zu mir einladen zu können. Wer weiß, vielleicht entschließen Sie sich dann ja zu bleiben!“

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Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung:  Kerstin Elsner, Sonja Finck & Helge Wendt
Photo: Fabian Mondl