In eigenen Worten #19/1: „Lieber sterben als woanders hingehen“

In eigenen Worten #19/1: „Lieber sterben als woanders hingehen“

Zeugnis von Prince, Guinea


 

Prince*, 28 Jahre und aus Guinea, sitzt unter einer Treppe an Deck und langweilt sich. Er kann kein Buch lesen und hat nichts, um sich die Zeit zu vertreiben, denn man hat ihm das Wenige, was er besaß, vor der Überfahrt abgenommen. Er unterhält sich gern und erklärt sich bereit, mir seine Geschichte zu erzählen. Dazu bestellt er mich für den frühen Nachmittag in sein „Büro“, wie er es nennt – diese ruhige Ecke an Deck, wo er stundenlang seinen Gedanken nachhängt. Er betont immer wieder, dass er seine Heimat Guinea, die er ein „Paradies auf Erden“ nennt, nicht freiwillig verlassen hat. Wie kommt es, dass sich dieser junge Mann, Englischlehrer mit Hochschulabschluss und in seiner Heimat eher „gut situiert“, hier auf der MS Aquarius wiederfindet? Welche Ereignisse haben ihn dazu bewogen, ein Schlauchboot zu besteigen – ausgerechnet ihn, der zuvor andere von einer Überfahrt nach Europa abzubringen versuchte? Gegenwärtig bringt ihn die AQUARIUS nach Europa, aber sein eigentlicher Traum, seine größte Hoffnung ist es, in seine Heimat Guinea zurückzukehren. „Und dann werde ich euch zu mir nach Hause einladen“, sagt er. „Wer weiß, vielleicht beschließt ihr dann ja zu bleiben?“ Hier nun sein Bericht.

 

Guinea:Sie sagten mir, ich solle fliehen, aber ich weigerte mich – lieber sterben als woanders hingehen.“

„Ich verließ mein Land im Jahr 2012. Ich entschloss mich nach mehreren Regierungswechseln dazu. Eigentlich wollte ich nicht weg, ich habe studiert, hatte einen Beruf. Ich war Englischlehrer an Grundschulen, am Gymnasium, an der Uni. Kurzum, ich hatte Arbeit, einen Hochschulabschluss und sogar ein fürstliches Gehalt. Ich hatte überhaupt nicht die Absicht, das alles aufzugeben“, erzählt Prince mit ruhiger Stimme. „Aber nach den Wahlen 2010 gab es einen Staatsstreich. Ich war der Meinung, dass das kein Staatsstreich war, sondern ein gezielter Schlag des Staats gegen eine bestimmte ethnische Gruppe, die Fulbe, zu denen ich gehöre. Es gab Proteste und wir organisierten Demonstrationen. Ich hatte Kontakte zu einem Radiosender, für den ich Sendungen auf Englisch moderierte und einen Englischgrundkurs gab. Daraufhin wurde ich zu einer Radiosendung eingeladen, in der es um die politische Lage in unserem Land ging. Dafür habe ich teuer bezahlt. Sehen Sie mal die Narben hier …“ Er zeigt mehrere Narben an seinem Kopf und an den Beinen und sagt, dass er an anderen Stellen des Körpers noch mehr hat.

„Ich sagte im Radio, dass es früher oder später einen Bürgerkrieg geben wird, wenn eine einzelne Ethnie jahrzehntelang politisch das Sagen hat. Leider war es so, dass der damalige Präsident, den wir wegen seines Doktortitels für einen gebildeten Mann hielten, alles dafür tat, das Volk ethnisch zu spalten. Als Fulbe konnte ich nicht mehr mit Angehörigen der Mandinka zusammenarbeiten. Man lehnte mich in mehreren Schulen ab, die von Mandinka geleitet wurden. Ich sagte im Radio, dass wir eine andere Regierung bräuchten, weil es so nicht weiterginge.“

Es sprudelt nur so aus Prince heraus, wenn er von seinem Land spricht. „Nach dem Radio-Interview kippte die Stimmung, der Sender wurde angegriffen, man forderte dessen Schließung als ‚Rebellensender‘. Dann kam die Polizei. Man warf mir vor, das Staatsoberhaupt beleidigt zu haben. Ich antwortete, dass er eine öffentliche Person sei und ich das Recht hätte zu sagen, was ich von ihm halte. Ich hätte ihn nicht beleidigt, sondern einfach nur die Meinung geäußert, dass er den Präsidententitel nicht verdient hat. Dabei war er ein Mann der Bildung, ein Mann des Rechtes, der an der Universität gelehrt hatte. Aber die Guineer fühlen sich mit ihm nicht sicher, es werden so viele Menschen ermordet. Diesen Verbrecher haben uns doch die Europäer vor die Nase gesetzt! Er kennt unser Land gar nicht! Einmal hat er öffentlich gesagt, dass er niemals Präsident geworden wäre, wenn er gewusst hätte, was da auf ihn zukomme. Wenn dem so ist, warum tritt er dann nicht einfach zurück? Aus unserer Sicht hat er nur durch Wahlbetrug gewonnen. Frankreich hat diesen Präsidenten eingesetzt, und wir Guineer fühlen uns fremd im eigenen Land! Nach Guinea einzureisen oder das Land zu verlassen, kostet Geld. Und seine Meinung sagen darf man auch nicht, sonst wird man geschlagen.

Zurzeit haben die Mandinka das Sagen in der Regierung. Nach jedem Regimewechsel werden alle Posten im öffentlichen Dienst mit Leuten aus derselben ethnischen Gruppe wie die der neuen Machthaber besetzt. Außerdem erkennt man uns Fulbe auf Anhieb, das stört die anderen. Wir tragen Bärte und unsere typischen Kopfbedeckungen. Wir werden auf der Straße angegriffen, weil wir Fulbe sind. Nach der angeblichen Beleidigung des Präsidenten im Radio kam die Polizei. Sie schlugen mich mit Handschellen. Auf dem Weg zum Gefängnis konnte ich aus dem Wagen springen und wurde ein Stück mitgeschleift. Ich verletzte mich, konnte aber wegrennen. In meinem Viertel kennen mich alle und als die Leute mich sahen, sagten sie, dass ich fliehen solle. Ich habe gesagt: ‚Nein! Hier bin ich geboren und aufgewachsen, hier will ich auch alt werden und sterben! Lieber sterben als woanders hingehen!‘ Doch dann war eines Abends mein Zimmer verwüstet, keine Ahnung, ob es die Polizei war oder Nachbarn, aber ich begriff, dass mein Leben in Gefahr war. Also ging ich nach Liberia, aber dort war ich auch nicht sicher. Ich überlegte also, wohin ich gehen könnte, und fand heraus, dass es in Libyen einen großen Bedarf an Englischlehrern gab. Da beschloss ich, nach Libyen zu gehen.“

Libyen: „Was wollt ihr in Europa?“

„Ich ging nach Libyen, das war nicht leicht. Ich sagte mir, dass ich als Muslim keine Angst zu haben bräuchte. Ein Freund von mir hatte eine Zeit lang in Libyen unterrichtet und mir bereits 2010 geraten, dorthin zu gehen. Also reiste ich voller Zuversicht nach Libyen. Ich kam nach Sabrata und arbeitete dort in einer Koranschule, an der Englischlehrer gesucht wurden. Aber dort riet man mir, nach Tripolis zu gehen.“

Von dem Moment an, wo er von seiner Zeit in Libyen spricht, ist Princes Leidenschaft wie weggeblasen. Seine Erzählung ist bisweilen ziemlich wirr. „Ich kam 2013 aus freien Stücken nach Libyen und dort begann mein Leidensweg. Bis 2015 arbeitete ich als Lehrer. Anfangs ging es noch ganz gut, ich war ein angesehener Mann. Ich hatte keinen Kontakt zu meiner Familie in Guinea, um sie nicht zu gefährden. Freunde, mit denen ich in Verbindung war, informierten mich, dass meine Familie unter Beobachtung stand und dass es bei jeder Demonstration Tote gab. Ich blieb bis 2015 in Libyen. Eines Tages wurde ich von den ‚Asma boys‘ gefangen genommen. Das ist eine Straßengang. In Libyen herrscht Chaos, die Polizei macht nichts, in den Städten herrschen bewaffnete Banden. Ich hatte gehört, dass sehr viele Schwarze nach Libyen kamen, und mir gesagt, dass ich versuchen würde, Guineer ausfindig zu machen, um ihnen einen bisschen zu helfen. In Libyen wurden viele Schwarze ermordet, man sah die Leichen auf der Straße liegen. Ich dachte, ich wäre sicher, schließlich war ich Lehrer und arbeitete nicht weit von dem Ort, wo ich wohnte, alles war gut organisiert.

Doch dann wurde ich entführt. Ich war insgesamt 90 Tage in Gefangenschaft, bei drei verschiedenen Gruppen: Die erste verlangte 1.000 Euro Lösegeld. Sie sagten, ich solle in meiner Schule anrufen. Ich erwiderte, ich hätte die Telefonnummer nicht und außerdem seien meine Kollegen nur Kollegen. Dann sollte ich einen Freund anrufen. Sie drohten mir Gewalt an. Ich wurde nicht gefoltert, aber ich musste bei Vergewaltigungen zusehen. Sie durchsuchten deinen Anus. Bei Frauen schauten sie nach, ob sie im Intimbereich Geld versteckt hatten. Man musste sich nackt ausziehen. Ich habe gesehen, wie selbst Kinder diese Prozedur über sich ergehen lassen mussten. Die Entführer sagten zu mir, wenn du nicht zahlst, töten wir jemanden. Ich sagte: ‚Nein, nein, nein!‘ Ich rief einen Freund an und bat ihn um Hilfe. Er hat gezahlt. Ich wurde freigelassen, ohne Socken und Schuhe, und sofort von einer anderen Gruppe entführt. Ich habe versucht, mich genauso zu verhalten wie beim ersten Mal, aber diesmal wurde ich verprügelt. Sie verschleppten mich nach Sabrata. Das waren Banditen. Sie sagen, sie würden für Ordnung auf den Straßen sorgen, aber sie sind nur an Geld interessiert. Ich sagte ihnen immer wieder: ‚Ich bin arm, ich habe kein Geld.‘ Sie schlugen mich, folterten mich. Sie fesseln dich, schlagen dich mit Stöcken gegen die Füße. Ich habe Leute in ihrem eigenen Blut liegen sehen. Um nicht auch so zu enden, habe ich schließlich dieselbe Person wie beim ersten Mal angerufen, und sie ließen mich frei.

21 Tage lang habe ich gehungert. Ich habe nach Aushilfsjobs gesucht, um mir etwas zu essen kaufen zu können. Eines Tages lernte ich ein paar Leute kennen, Schwarze, die auf die Überfahrt warteten. Ich sagte: ‚Lasst das lieber!‘, und fragte sie: ‚Wo wollt ihr denn hin?‘ Sie antworteten: ‚Nach Europa.‘ Ich sagte: ‚Und was wollt ihr in Europa?‘ Später wurde unser Schlaflager angegriffen. Gruppen von bewaffneten Männern schossen auf uns und verschleppten die Mädchen und jungen Frauen, wahrscheinlich um sie zu vergewaltigen. Ich musste fliehen. Aber nach Tripoli war es viel zu weit, also ging ich stattdessen an die Küste. Ich habe mich hingesetzt und abgewartet. Manchmal konnte ich ein wenig arbeiten. Eines Tages sagte ich mir, bevor ich getötet werde, bevor ich zu Tode gefoltert werde, sterbe ich lieber auf dem Meer. Denn ich wusste, dass die Überfahrt lebensgefährlich war. Ich hatte viele angeschwemmte Leichen gesehen. Aber das war mir immer noch lieber, als gefoltert zu werden. Also habe ich es versucht, und ich habe großes Glück gehabt. Ihr habt uns gefunden!“

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*Name geändert

Text: Mathilde Auvillain
Übersetzung: Kerstin Elsner, Sonja Finck & Helge Wendt
Photo: Johannes Moths